Donnerstag, 24. Dezember 2015

Predigt am 24. Dezember 2015 (Heiligabend)

Hört Worte aus dem Brief an Titus im 2. Kapitel:
Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.
Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und formm in dieser Welt zu leben, während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus. (Titus 2, 11-14)
*
Liebe weihnachtliche Festgemeinde,
es muss in meinem zweiten Dienstjahr als Pfarrer gewesen sein, da habe ich Heiligabend einen schrecklichen Fehler begangen:
In der zweiten Christvesper habe ich nicht Stille Nacht, heilige Nacht singen lassen.
Das gab Ärger mit einigen Gemeindegliedern.
Heiligabend ohne Stille Nacht – das geht einfach nicht!
Ja, ich hab’s eingesehen: Seitdem gab es bei mir keine Christvesper mehr ohne Stille Nacht, und sicher wird es auch nie wieder eine geben.
Wir haben’s eben ja auch gesungen.
Wir brauchen das für unseren weihnachtlichen Seelenhaushalt.
Warum? Was macht dieses Lied so besonders?
Es fasst das Wesentliche der Heiligen Nacht, der Weihnacht, in wenige eingängige Worte:
Drei Strophen reichen völlig aus, um alles zu sagen.
Und zu diesen Worten dann die Melodie, die sich von der Stille der heiligen Nacht hinaufschwingt zu einem großen Weihnachtsglockenklang – vor allem in der zweiten Strophe, wo es laut von fern und nah tönt: Christ der Retter ist da.
Alles Wesentliche ist gesagt und wird gesungen: die heilige Familie, das Kind in der Krippe, die Hirten und die Botschaft der Engel. Und in der dritten Strophe sind Wir dabei: Da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt.
*
Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten, schreibt der Apostel.
Christ der Retter ist da, sagen die Engel.
Hören die Hirten.
Singen wir.
Ja, sind wir denn noch zu retten?
Manchmal kommen uns Zweifel.
Dieser Wahnsinn!
Terror, Krieg, Flüchtlingselend.
Rette sich wer kann!
Und wir versuchen zu retten, was zu retten ist.
Wir versuchen zu retten, wen wir retten können.
Vielleicht ist gerade das das Christliche am Abendland: Menschen retten, die in Not sind.
Menschen helfen, die Hilfe brauchen, ohne Ansehen der Person.
Vielleicht ist das aber zugleich auch der Untergang des Abendlandes, befürchten manche: Wenn wir unter den Opfern des Terrors auch unerkannt die Täter willkommen heißen, die Wahnsinnigen, die Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Toleranz als Schwäche deuten und bekämpfen.
Wenn wir Freund und Feind nicht mehr unterscheiden. Wenn wir uns dort in Syrien in den Krieg einmischen. Und die syrischen Krieger sich unter uns mischen.
Vielleicht ist aber auch das der Untergang des Abendlandes, wenn seine Verteidiger selber zu Terroristen werden.
Wer Flüchtlingsheime anzündet oder Busse mit Menschen darin angreift, ist auch nur ein Terrorist.
Ja, sind wir denn noch zu retten?
Christ der Retter ist da, singen wir.
Glauben wir es auch?
Jedenfalls glaubt Gott es.
Er glaubt, dass wir noch zu retten sind.
Sonst wäre Christus nicht geboren.
Gott glaubt an uns.
Das Kind in der Krippe ist das Zeichen dafür.
Gott hat uns nicht aufgegeben.
Christ der Retter ist da.
*
Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten, schreibt der Apostel.
Gnade heißt: Dir ist das Leben geschenkt.
Einer wurde verurteilt – und dann begnadigt:
Ihm wurde das Leben geschenkt, das Leben in Freiheit.
Ein Kind ist geboren.
Ihm wurde das Leben geschenkt.
Von seinen Eltern.
Aber letztlich von Gott.
Denn Leben können wir nicht machen.
Wir können es nur bewahren, behüten, das Leben leben lassen.
Dass wir leben, dass wir behütet leben, dass wir in Freiheit leben – das ist Gnade.
Einem Kind wurde das Leben geschenkt.
Es ist das Kind, das uns das Leben schenkt.
Gott wird Mensch, Gott wird Kind.
Der gottlose Mensch wurde begnadigt.
Christus ist gekommen, um ihm das Leben zu schenken.
Christ, der Retter ist da.
*
Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten, schreibt der Apostel.
Und weiter:
Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben.
Gottes Gnade erzieht uns.
Sie nimmt uns in Zucht, übersetzte Luther.
Das befremdet.
Weil es auch nach Züchtigung klingt.
Zucht oder Erziehung kommt aber von Ziehen.
Und Gott zieht uns nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe.
Seht ihr, wie es die Menschen zur Krippe hin zieht?
Die Hirten damals.
Und euch heute, die ihr es nicht lassen könnt, Weihnachten in die Kirche zu kommen.
Niemand hat euch gezwungen.
Das Kind in der Krippe zieht von selber – immer noch.
Die Hirten sind anders von der Krippe weggegangen, als sie hingekommen waren. Ihr Herz war voller Freude, und ihr Mund ging über von dem, wovon ihr Herz erfüllt war.
Und auch ihr werdet anders von hier weggehen, als ihr gekommen seid. In eurem Herzen wird etwas klingen und schwingen von Stille Nacht und O du fröhliche.
So erzieht uns Gottes Gnade:
Sie verändert uns – zum Guten.
Durch das Kind in der Krippe.
Wer von Herzen Stille Nacht, heilige Nacht singt, der kann nicht gottlos sein, der kann seinem Mitmenschen nichts Böses tun.
Wer staunend erkennt, dass Gott das Leben schenkt, der wird auch anderen das Leben gönnen.

Ja, wir sind noch zu retten.
Denn: Christ, der Retter ist da.


Sonntag, 20. Dezember 2015

Predigt am 20. Dezember 2015 (4. Sonntag im Advent)

Der Apostel Paulus schreibt:
Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte lasst kundsein allen Menschen!
Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. (Philipper 4, 4-7)
*
Paulus sitzt im Gefängnis.
Untersuchungshaft.
Der Prozess steht bevor; wie er ausgehen wird ist völlig offen.
Im schlimmsten Fall droht ein Todesurteil.
Paulus sitzt im Gefängnis.
Hinter dicken Wänden.
Durch die schmalen Fensterschlitze sieht er den blauen Himmel, hört er am Morgen die Vögel und am Abend die Zikaden.
Aber dort hinaus, wo die Luft frisch und das Leben frei ist, dort hinaus kommt er nicht.
Die Türen sind verschlossen.
So ist das im Gefängnis.
Einmal in der Woche darf er Besuch empfangen.
Dann kommt Timotheus zu ihm; sein treuer Freund und Mitarbeiter.
Er erzählt ihm, was draußen geschieht:
Wie sie in der kleinen christlichen Gemeinde für ihn beten.
Und wie sie die Botschaft von Christus trotzdem weitersagen – obwohl das so gefährlich ist.
Aber jetzt, 
sagen sie, wo Paulus im Gefängnis ist, jetzt gerade!
Paulus sitzt im Gefängnis und freut sich.
Nicht, dass er in diesem dunklen Verlies sitzen muss.
Nicht, dass das Todesurteil droht.
(Obwohl: Manchmal ist er auch ein bisschen müde, und endlich ganz beim Herrn zu sein, das wäre auch nicht schlecht!)
Paulus freut sich, dass das Wort Christi läuft und dass seine Gefangenschaft sogar noch dazu beiträgt, dass es läuft.
Paulus freut sich, dass so viele an ihn denken und für ihn beten.
Er freut sich auch über gute Nachrichten aus der Ferne.
Da läuft es auch gut: bei den Glaubensgeschwistern in Philippi; die
sind ihm sowieso von allen die liebsten. Und er freut sich, dass Timotheus ihm Papyrus und Tinte mitbringen darf.
Paulus sitzt im Gefängnis und schreibt einen Brief an seine Glaubensgeschwister in Philippi.
Einen Freudenbrief:
Ich freue mich, schreibt er.
Ich werde mich auch weiterhin freuen, schreibt er.
Freut euch mit mir!, schreibt er.
Freut euch in dem Herrn!
Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!
Der Herr ist nahe.
*
Du verwandelst meine Trauer in Freude.
Du verwandelst meine Ängste in Mut.
Du verwandelst meine Sorge in Zuversicht.
Guter Gott! Du verwandelst mich.
Das haben wir manchmal gesungen. Sogar schon mal getanzt - zu Ostern.
Trauer verwandelt sich in Freude.
Ängste in Mut.
Sorge in Zuversicht.
Weil der Herr nahe ist.
*
Maria ist schwanger.
Sie weiß nicht, wie und von wem.
Alles ist so verwirrend.
Ihr Verlobter war’s nicht.
Wird er sie verlassen?
Wird er sie verklagen?
Ein Engel war zu ihr gekommen; aber wem konnte man das erzählen, wer sollte das glauben?
Und dieses Gefühl: Jetzt wächst da ein richtiges, lebendiges Kind in mir heran.
In ein paar Monaten werde ich es im Arm halten.
Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass ich mit Puppen gespielt habe.
Wie kann ich dem gewachsen sein?
Wie kann ich ihm eine gute Mutter sein.
Alles ist so verwirrend.
Sieh, Elisabeth, deine Verwandte ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist schon im sechsten Monat, dabei hat man doch gesagt, sie wäre unfruchtbar. Bei Gott ist nichts unmöglich.
Das hatte der Engel gesagt.
Wenn es einen Menschen gibt, mit dem sie jetzt über alles reden kann, dann ist es Elisabeth.
Und so geht sie übers Gebirge:
Verwirrt.
Fragend.
Sorgend.
Zweifelnd.
Hoffend.
Dann trifft sie auf Elisabeth.
Sie muss gar nichts sagen.
Die Ältere weiß schon, was sie eigentlich nicht wissen kann:
Dass auch Maria ein Kind erwartet.
Dass das mit Gott zu tun hat.
Und dass da eine innere Verbindung ist – zwischen ihrem und Marias Kind:
Als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.
Und selig bist du, die du geglaubt hast!
Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.
Maria ist schwanger und freut sich.
Alles bleibt ungewiss.
Ob ihr Verlobter bei ihr bleiben wird.
Ob sie das alles schaffen wird und ob sie eine gute Mutter sein wird.
Aber jetzt kann sie sich freuen.
Sie weiß: Der Herr ist nahe.
Maria singt:
Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes meines Heilandes.
*
Du verwandelst meine Trauer in Freude.
Du verwandelst meine Ängste in Mut.
Du verwandelst meine Sorge in Zuversicht.
Guter Gott! Du verwandelst mich.
Trauer verwandelt sich in Freude.
Ängste in Mut.
Sorge in Zuversicht.
Weil der Herr nahe ist.
*
Eine Freundin erzählt immer wieder von ihren syrischen Flüchtlingen.
(Im Internet. In Facebook.)
Die wohnen seit einigen Wochen in ihrer ausgebauten Pfarrscheune.
Sie erzählt, wie der 19-Jährige vor der Tür sitzt, dort wo das WLAN gut ist.
Klagende arabische Musik kommt aus dem Handy.
Er sitzt wie versteinert.
Fast nicht ansprechbar.
„Traurige Musik.“ –
„Ja, traurig.“
„Es geht dir nicht gut.“ –
Nicht gut. Syrien. Ali nicht gut. Alles nicht gut. Mama krank. Schwester krank. Papa kein Geld. Großes Problem.“
Ali hat keine Nachrichten von seiner Familie.
Vielleicht sind sie tot.
Wie kann eine deutsche Pfarrerin den 19-jährigen Syrer trösten?
Einmal geht sie mit den drei Jungs in die Kirche.
Sie wollen das gerne:
„Ich brauche Kirche. Kannst du mir zeigen beten?“
In der Kirche leuchtet nur der große Adventsstern.
Sie sitzen an der Orgel und hören auf die einzelnen Töne, die sie mit dem Finger anschlagen.
Dann gehen sie hinunter zum Altar.
Ein Weihnachtsaltar.
Sie erzählen über die Bilder. Mit wenig Deutsch und Englisch.Und über die Kirche:
Wie man sich bewegt.
Wie man sich hinsetzt.
Wie man betet.
Die Pfarrerin holt eine Sandschale für die Kerzen.
„Syria“ schreibt sie in den Sand.
Und dann beten sie.
Für alles, was ihnen auf dem Herzen liegt:
Mutter, Vater, Geschwister.
Freunde.
Syrien.
Die Pfarrerin sagt „Amen“.
Und Freude ist auf ihrem Gesicht:
„Amen“ – Das verstehen sie.
Wenn Bettina von ihren syrischen Flüchtlingen erzählt, dann spüre ich darin: Der Herr ist nahe!
*

Der Apostel Paulus schreibt:
Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte lasst kundsein allen Menschen!
Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Predigt am 6. Dezember 2015 (2. Sonntag im Advent)

So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.
Jakobus 5, 7-8
***
So seid nun geduldig!


Ich bin ein ungeduldiger Mensch.
Wenn wir am frühen Abend nach Hause fahren, stehen wir fast täglich im Stau. Die Insel ist voll mit Autos. Und alle wollen gleichzeitig nach Hause. Nervös trommle ich aufs Lenkrad. Aber davon geht es auch nicht schneller. Ärgerlich!
Ich bin ein ungeduldiger Mensch.
Wenn mein Gesprächspartner nicht auf den Punkt kommt und mir mit immer neuen Worten erklärt, was ich schon lange verstanden habe, dann werde ich unruhig. Und manchmal in einer Diskussion – im Kirchenvorstand, oder auch beim Bibelgespräch, oder mit meiner Frau – da falle ich dem andern ins Wort, lasse ihn nicht ausreden, und manchmal gibt es dann Streit und Verstimmung.
Oder wenn meine Frau am Computer sitzt und ich soll ihr erklären, warum er nicht macht, was sie will, dann bin ich genervt: Warum kann sie das nicht auch selber rauskriegen? Und dann erkläre ich was, und sie versteht es nicht gleich, und ich bin erst recht genervt. Ungeduldig eben. Und dann sitze ich an meinem Computer und er macht nicht, was ich will. Und ich bin jetzt super-genervt, schreie das berühmte Wort mit S-C-H, und aus der anderen Ecke der Wohnung höre ich: „Roland!“
Ich bin ein ungeduldiger Mensch.
Die Dinge müssen schnell gehen und auf Anhieb funktionieren. Das Gespräch soll auf den Punkt sein, kein sinnloses Gelaber.
Die Kommunikationskultur des Internetzeitalters kommt meiner Ungeduld entgegen. Statt einen Brief zu schreiben, kann ich sofort whatsappen. Wenn mich ein Buch interessiert, lade ich es mir auf den Reader, und wenn’s da keine E-Book-Ausgabe von gibt, bin ich schon mal sauer: Wieder bestellen und warten. Für Musik gibt’s Streaming-Dienste – wozu erst noch umständlich CDs kaufen?
Ich bin ein ungeduldiger Mensch.
Angeln mag ich nicht; das habe ich erst neulich jemandem erzählt. Er meinte, das wäre doch schön und entspannend: Einfach am Wasser sitzen, warten dass ein Fisch beißt und die Natur genießen. Ich weiß nicht: Dazu bin ich zu ungeduldig. Am Wasser sitzen und die Natur genießen, gerne. Aber dabei noch auf Fische warten und mich ärgern, wenn sie nicht beißen? Muss ich nicht haben.
Ich bin ein ungeduldiger Mensch.
Oder einen Garten bebauen, Pflanzen pflegen. Das habe ich mal versucht. Im Frühjahr habe ich mit Begeisterung Beete angelegt und gesät und gepflanzt. Dann gingen die Pflänzchen auf und mit ihnen das so genannte Unkraut. Nach ein paar Wochen hatte ich die Geduld verloren. Ein paar dürftige Möhrchen und Radieschen habe ich noch aus der grünen Wüste gerettet, und die Kartoffeln waren auch ohne viel Pflege geworden, die musste ich nur noch ausgraben. Aber eigentlich, habe ich gemerkt, bin ich zu ungeduldig dafür.
*
Seht, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig.
Der Bauer – oder der Gärtner – ist nicht ungeduldig. Er geht nicht jeden Tag auf das Feld, um zu sehen, ob die Pflanzen nun endlich wieder ein bisschen gewachsen sind. Das muss er nicht. Sie wachsen sowieso. Wenn das Wetter mitspielt. Wenn es zur rechten Zeit regnet und zur rechten Zeit die Sonne scheint.
Die Bauern, die ich kenne, die haben gar keine Zeit ungeduldig zu sein. Sie sind gut beschäftigt. Sie wissen, wann was zu tun ist. Sie haben lange Arbeitstage und schöne Feierabende. Die Zeit bis zur Ernte ist gut gefüllte Zeit. Keine Zeit für Ungeduld.
*
Advent. Wir warten auf Weihnachten.
In meiner Erinnerung ist die Adventszeit eine Zeit des ungeduldigen Wartens. Vier endlos lange Adventswochen. Was würde mich dann wieder an Wunderbarem erwarten? In diesem herrlichsten aller Augenblicke, wenn sich die Tür zur Weihnachtsstube öffnet? Aber bis dahin waren es noch so viele Türchen am Adventskalender, so viele Nachmittage im Kerzenschein, Abende mit Plätzchenbacken und Weihnachtsvorbereitungen, später auch mit vielen Posaunenchoreinsätzen. Vielleicht doch nicht so ungeduldig, denn es war eine gut gefüllte Zeit, die Adventszeit. Gefüllt mit Vorfreude. Eine erfüllte Zeit. Ja, was wäre Weihnachten ohne die Zeit zuvor, ohne Advent!
Schon lange hat sich das geändert. Die Adventswochen, in Wirklichkeit nur drei, vergehen wie im Flug. Es ist 2. Advent, und bei uns ist noch nicht mal die Krippe aufgebaut. Ideen für Geschenke sind dringend gesucht. Und überhaupt – so viel vorbereiten, und immer wieder neu und originell die alte Botschaft sagen. Nein, ich warte nicht auf Weihnachten; Weihnachten könnte noch ein bisschen auf mich warten. Keine Zeit für ungeduldiges Warten. Genau genommen aber: keine Zeit für geduldiges Warten. Die Zeit ist verdorben durch meine Ungeduld. Ich lasse den Dingen nicht ihre Zeit, und ich erlebe das, was dran, ist zu wenig als erfüllend. Das ist eigentlich schade. Schade um den Advent.
*
Gott sei Dank: Es gibt Momente, da staune ich über mich, dass ich so geduldig bin.
Ich stehe mit Andrea im Stau und wir haben Gelegenheit, in Ruhe über manches zu reden.
Ich höre mir dieselbe Geschichte zum wiederholten Male an und reagiere ganz freundlich. Ich merke: Das ist ihm ganz wichtig; da muss er eben drüber reden – oder sie.
Der Computer spinnt, und ich finde es spannend, das Problem zu lösen; und dann klappt es, und ich bin stolz auf mich.
Es gibt Gespräche, die brauchen Zeit und Geduld: Traugespräche. Oder Trauergespräche. Seelsorge. Da nehme ich mir Zeit zum Zuhören, und oft sind wir nahe beieinander, und ich habe das Gefühl: Das hat jetzt gut getan.
In meinem Zimmer mickert eine Grünpflanze vor sich hin. Immer wieder bringt sie doch wieder ein neues Blatt hervor. Ich gieße sie von Zeit zu Zeit, ich gebe sie nicht auf. – Vielleicht werde ich eines Tages doch wieder einen Garten haben, wer weiß. – Nur Angeln gehen werde ich wahrscheinlich nicht.
Ja, es gibt Momente, da staune ich über mich, dass ich so geduldig bin.
*
Advent. Wir warten auf Weihnachten. Ungeduldig. Oder geduldig. Oder beides. Oder gar nicht.
Alles hat seine Zeit. Der Adventsstern leuchtet seit einer Woche. Die Krippe werde ich wohl heute aufbauen. Und morgen denke ich wieder darüber nach, wie ich die alte Botschaft in diesem Jahr sagen kann. Weihnachten wartet auf mich. Seht, die gute Zeit ist da.
*
Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.
Advent, das Kommen des Herrn: Wir warten auf Gott.
Wahrscheinlich habt ihr jetzt ungeduldig darauf gewartet, dass ich noch die Jesus-Kurve kriege.
Aber vielleicht warten wir ja gar nicht wirklich auf ihn. Denn er ist ja schon bei uns. Wartet mit uns. Hat mit uns Geduld. Macht aus unserer Zeit erfüllte Zeit. Dass wir nicht ungeduldig werden.

Zündfunke (Rundfunkandacht) am 6. Dezember 2015 (1. Advent)

Liebe Hörer,

warten Sie gerne? Wenn die Schlange nur langsam voranrückt? Wenn der Flieger Verspätung hat? Wenn die Autobahn verstopft ist? Oder wenn die Lieferung nicht kommt, die Sie schon vor einer Woche bestellt haben? Wahrscheinlich warten Sie nicht gerne. Ich auch nicht. Ich trete von einem Bein auf das andere, trommle nervös auf das Lenkrad, werde mürrisch und aggressiv. Warten nervt.

Um so mehr, als Warten aus der Mode gekommen ist.
Als junger Mann habe ich noch sehnsüchtig auf Briefe gewartet. Heute schreiben wir uns Whatsapps. Und werden ungeduldig, wenn nach 5 Minuten noch keine Antwort da ist.
Früher wartete man auf die Hochzeit; heute geht man beim ersten oder zweiten Date miteinander ins Bett.
Früher haben wir uns Weihnachtsgeschenke gewünscht und sehnsüchtig gewartet, ob sie dann wirklich unter dem Christbaum lagen. Heute erfüllen wir uns unsere Wünsche sofort. Beim vorweihnachtlichen Shopping. Oder per Online-Bestellung, auf die man dann vielleicht doch noch eine unendlich lange Woche warten muss. Bücher lade ich mir sofort auf meinen E-Book-Reader. Und Musik höre ich per Streaming; komme mir keiner mehr mit CDs!
Warten ist aus der Mode gekommen; vielleicht nervt es deshalb um so mehr.
Wir sind ungeduldiger geworden.

So seid nun geduldig!, sagt unser Predigttext für diesen Adventssonntag. Nehmt euch ein Beispiel an einem Bauern. Der muss einfach warten, bis die Saat aufgeht und Frucht trägt. Und er kann das gut, weil er es weiß: Die Pflanze braucht ihre Zeit, braucht Feuchtigkeit und Pflege. Und er kann die Wartezeit für anderes nutzen.

Seid geduldig: miteinander, mit euch selber – und auch mit Gott! Manches braucht einfach Zeit. „Gut Ding will Weile haben“, sagt der Volksmund. Und wenn es dann da ist, worauf ihr gewartet habt, dann ist die Freude um so größer.


Erinnert ihr euch? In der Advents- und Weihnachtszeit haben wir das Warten geübt. Damals, als Kinder. Und es war eine gute Zeit.