Dienstag, 24. Juli 2012

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Dienstag, dem 24. Juli 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

“Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!” – Vielleicht haben Sie als kleines Kind ja auch dieses Gebet aufsagen müssen. Und vielleicht war das auch in Ihrer Kinderzeit die normale Form von Gott zu reden: der liebe Gott.


Aber wie lieb ist der liebe Gott eigentlich? – Wenn Erwachsene vom lieben Gott sprechen, dann schwingt doch immer ein ironischer Unterton mit. Der liebe Gott, das klingt ein bisschen wie Weihnachtsmann und Nikolaus oder Petrus, der für das Wetter verantwortlich sein soll. Genau so viel oder wenig wie von Petrus scheinen sich viele Erwachsene noch vom lieben Gott zu erwarten.


Gibt es ihn überhaupt diesen lieben Gott? – In der Bibel wird er nicht so genannt. Und wenn wir gleich auf den ersten Seiten davon lesen, dass Gott die Menschheit durch eine Flut vernichtet, wenn wir weiter lesen, wie er mit den Feinden seines Volkes umgeht – er lässt gleich mal eine ganze Armee im Roten Meer ersaufen – und wie er sein Volk mit seinen Feinden umgehen heißt – wir lesen von widerlichen Gemetzeln und Gräueltaten an Frauen und Kindern im Namen Gottes, dann müssen wir allen denen Recht geben, die sagen: Dieser Gott ist gewiss nicht lieb.


Aber das ist ja der Gott des Alten Testaments, sagen manche, der Gott des Neuen Testaments, der Gott von Jesus, der ist da ganz anders, der ist wirklich lieb! – Aber auch das stimmt nicht. Auch das Neue Testament droht den Feinden Gottes Höllenstrafen an, auch Jesus droht mit Heulen und Zähneklappern, und vor allem: Gott lässt seinen eigenen Sohn am Kreuz sterben. Ist das lieb?


Das Neue Testament gibt eine kühne Antwort auf diese Frage: Das ist nicht lieb, sondern das ist Liebe! – Es klingt vielleicht absurd: Aber dass einer sein Leben hingibt für andere, dass er lieber selber leidet als andere leiden zu lassen, das ist Liebe. So hat Jesus gelebt. Und darum ist er gestorben. Aus Liebe an der Lieblosigkeit der Menschen zugrunde gegangen. – Nein, es ist ja nicht so, dass Gott ihn dazu gezwungen hat. Gott steht nicht außerhalb und fordert ein brutales Opfer von seinem Sohn. Sondern Gott ist in seinem Sohn als die Macht der Liebe, der leidenschaftlichen Liebe, die sich aufopfert.


Und so heißt es im Neuen Testament auch: Gott ist die Liebe. Also: Gott ist nicht der Liebe, sonder er ist die Liebe. Er ist nicht immer lieb, und schon gar nicht nett und kuschlig, aber er ist die Liebe, er liebt seine Menschen mit ganzer Hingabe.

Montag, 23. Juli 2012

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Montag, dem 23. Juli 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnnen und Hörer,

sprechen Sie manchmal mit Gott? Ich meine: Beten Sie?



Es gibt Umfragen, nach denen die meisten Menschen beten – zumindest manchmal –, auch wenn sie sonst gar nicht so religiös sind, jedenfalls nicht regelmäßig in die Kirche gehen.


Klar, da gibt es diese Stoßgebete: “Oh Gott, lass es jetzt gut gehen!” “Hilf mir!” oder auch das mal eben ausgesprochene: “Gott sei Dank!” – Beten, mit Gott reden, das kann einfach so, ganz schnell geschehen, das braucht keinen feierlichen Rahmen und keine vorgestanzten Formulierungen.

Wenn Sie manchmal mit Gott sprechen, wie sprechen Sie dann eigentlich mit ihm? Ich meine: Wie reden Sie ihn an? – Einfach nur mit “Gott”? Oder sagen Sie zu ihm “Lieber Gott”? Oder “Herr”? oder nennen Sie ihn “Vater”?


Gott hat viele Namen, bei denen wir ihn rufen können. In der Bibel und auch in unseren christlichen Liedern gibt es ganz verschiedene Bezeichnungen für Gott: “Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren” – Wir nennen Gott Herr und König. “Der Herr ist mein Hirte” beginnt der bekannteste aller Psalmen – Gott ist der “gute Hirte.” “Ein feste Burg ist unser Gott” – auch so können wir Gott nennen: unsere Burg! In manchen Bibelversen aus dem Alten Testament und auch in manchen älteren Liedversen trägt Gott den Beinamen Zebaoth – wer weiß eigentlich, was damit gemeint ist? Und die Anhänger einer christlichen Sondergemeinschaft, die wir alle mehr oder weniger kennen, bestehen darauf, Gottes richtiger Name wäre Jehova – was hat es damit auf sich? Juden vermeiden es, Gott beim Namen zu nennen. Sie umschreiben ihn mit Ausdrücken wie der Allmächtige oder der Ewige. Und natürlich wird Gott auch in christlichen Gebeten und Bekenntnissen so genannt.


Was hat es mit diesen vielen Namen und Benennungen Gottes auf sich? – Ich möchte in den nächsten Tagen mit Ihnen über verschiedene Gottesnamen nachdenken.


Und heute möchte ich Ihnen einen ersten Antwortversuch geben: Ich denke, die Vielfalt seiner Namen hat damit zu tun, dass Gott den Menschen auf so viele und unterschiedliche Weise begegnet. Jeder Gottesname drückt etwas davon aus, wie Gott zu uns ist.



Vielleicht überlegen Sie ja gerade jetzt mal ganz kurz: Wie würde ich Gott heute, in diesem Moment ansprechen?

Sonntag, 22. Juli 2012

Predigt am 22. Juli 2012 (7. Sonntag nach Trinitatis)


Es gibt doch bei euch Ermutigung im Namen von Christus, es gibt doch liebevollen Zuspruch, es gibt doch geistliche Gemeinschaft, und es gibt doch Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft. Macht mir doch die größte Freude, indem ihr einmütig gesinnt seid, allen die gleiche Liebe erweist und miteinander dasselbe Ziel verfolgt. Nicht Eigennutz und Selbstgefälligkeit sollen euch bestimmen, sondern die Haltung der Demut, die den anderen wichtiger nimmt als sich selbst. Achtet also nicht auf euren eigenen Vorteil, sondern auch darauf, was dem anderen nützt. Seid so gesinnt, wie es auch Jesus Christus entspricht.
Philipper 2, 1-5 (eig. Übersetzung)


Liebe Schwestern und Brüder,

stell dir vor, du willst dir ein neues Auto kaufen, oder einen neuen Computer, oder neue Schuhe. Wirst du in das erstbeste Autohaus, den nächsten Computerladen oder irgendein Schuhgeschäft gehen und einfach etwas kaufen? Oder wirst du dir nicht vorher einigermaßen klar werden, was du genau willst und brauchst, und dann schauen, wo du es am günstigsten bekommst, vielleicht mit Rabatt oder noch ein paar Extras zusätzlich. Ok, beim Schuhekaufen kann das auch anders sein. Aber normalerweise bist du beim Einkaufen oder überhaupt im geschäftlichen Leben auf deinen eigenen Vorteil bedacht. Du willst das Beste rausholen zum günstigsten Preis. – Und ich finde das in Ordnung so.

Umgekehrt wird auch der Verkäufer versuchen sein Produkt so günstig wie möglich abzusetzen, zum eigenen Vorteil. Er wird dir keinen Rabatt gewähren, wenn er sein Produkt auch so los wird – weil es gute Qualität hat oder anderswo schwer zu kriegen ist.

Es gibt dieses klassische Zitat von Adam Smith: „Es ist nicht die Wohltätigkeit des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers, die uns unser Abendessen erwarten lässt, sondern dass sie nach ihrem eigenen Vorteil trachten.“ – So funktioniert die Wirtschaft, die Marktwirtschaft: Jeder sucht seinen eigenen Vorteil, und allen ist damit gedient. „Der Wohlstand der Nationen“ beruht nach Smith' Überzeugung – und das ist auch meine Überzeugung –, auf einer funktionierenden kapitalistischen Marktwirtschaft, in der jeder seinen eigenen Vorteil sucht.

Ich teile überhaupt nicht die Ansicht, dass die gegenwärtige Krise auf ein Versagen des Marktes zurückzuführen ist, sie beruht eher darauf, dass man Regeln des Marktes außer Kraft gesetzt hat und immer wieder außer Kraft setzt – wenn nämlich z.B. der Staat zahlungsunfähige Marktteilnehmer „rettet“ und das unternehmerische Risiko sozialisiert. Wenn der Handlungs- und Handelsmaßstab die Wohltätigkeit wird, statt die wirtschaftliche Vernunft und der eigene Vorteil.

Ich habe vor ein paar Tagen ein schönes Zitat gelesen – sinngemäß: Früher hieß Sparen, Geld, das man hat, nicht auszugeben. Heute heißt Sparen, von dem Geld, das man nicht hat, etwas weniger auszugeben. – Es mag zwar wohltätig sein, Geld, das man nicht hat, auszugeben, aber am Ende fehlt es einem selber und man ist selber auf die Wohltätigkeit anderer angewiesen. Wer bezahlt am Ende das, was fehlt? – Das ist die große Frage, um die es bei der derzeitigen Krise geht. Über kurz oder lang werden wir wohl beim Leben über unsere Verhältnisse alle ärmer werden.


Aber gut, ich möchte eigentlich keinen ökonomischen Vortrag halten, sondern eine christliche Predigt. – Und, ja, unser Predigttext ist nun gerade das Gegenteil von dem, was ich gesagt habe: keine Anleitung zur volkswirtschaftlichen Vernunft, keine Mahnung, doch bitte den eigenen Vorteil zu suchen, sondern die eindringliche Bitte, den eigenen Vorteil zurückzustellen, das Wohl des anderen zu sehen und höher zu achten als das eigene. Usw. usf., das alles, was wir unter christlicher Nächstenliebe verbuchen können. Da geht es nicht um ökonomische Vernunft im Großen, sondern um ein vernünftiges Zusammenleben im Kleinen.

Die Regeln, die ich bewusst oder unbewusst befolge, wenn ich mir ein Auto oder Schuhe kaufe, sind andere Regeln als die, die zum Beispiel in einer Ehe oder Familie gelten.

Da mag es zwar auch so was wie geschäftliche Beziehungen geben: etwa gute Noten in der Schule gegen gutes Taschengeld. Aber das ist nicht das Wesentliche, und man darf auch fragen, ob das überhaupt so gut ist. In der Familie geht es nicht um Leistung und Gegenleistung, um die Maximierung des eigenen Vorteils, sondern in der Familie werden alle, vor allem die Eltern und Ehepartner das Wohl der anderen, der Kinder, des Partners, im Blick haben und nicht nur das eigene.

Jedenfalls kann ich mir das schlecht vorstellen, dass ein eheliches, partnerschaftliches, familiäres Miteinander funktioniert, wenn jeder nur den eigenen Vorteil sucht.

Manche meinen zwar, die Ehe wäre auch nur eine Art Geschäftsmodell: geregelter Sex gegen geregelte Versorgung, und dass die Ehe heute häufig nicht mehr so gut funktioniert, das läge daran, dass die Frau für die Versorgung nicht mehr auf die Ehe angewiesen ist, während umgekehrt für den Mann Sex auch außerhalb der Ehe leichter verfügbar geworden ist.

Ich muss gestehen, in mir sträubt sich alles gegen ein solches Verständnis von Ehe und Partnerschaft. Und merkwürdig: So viele Paare ich getraut habe, so viele Traugespräche ich geführt habe, so oft ich auch Eheleute zu Silbernen oder Goldenen Hochzeiten eingesegnet habe, so hat keiner von ihnen je seine Ehe beschrieben. Was da zwei Menschen zusammengeführt und beieinander gehalten hat, das war regelmäßig etwas anderes – nämlich Liebe, kein Geschäft.

Häufig schon habe ich den zweiten Teil unseres Predigttextes im Traugottesdienst gelesen, in der traditionelleren Lutherübersetzung. Und immer habe ich Zustimmung gefunden, dass das eine zutreffende Beschreibung, ein gutes Ideal für das gemeinsame Leben sei: Einmütigkeit, Liebe, Demut. Und meistens ist das auch ein Thema in den Traugesprächen gewesen, wie Einmütigkeit aussieht und sich herstellt, was eigentlich Liebe ist – über die Verliebtheit und das erotische Begehren hinaus, und was Demut bedeutet: nämlich nicht den eigenen Vorteil suchen, jedenfalls nicht nur, sondern immer auch den Vorteil, das Wohlergehen des anderen im Blick haben.

Jemand hat mal zugespitzt gesagt: „Wer glücklich werden will, soll nicht heiraten, sondern wer glücklich machen will.“ – Liebe heißt, das Glück des anderen suchen. – Ja, das ist zugespitzt. Natürlich heiraten Menschen, weil sie miteinander glücklich werden wollen. Meistens sind sie schon miteinander glücklich, wenn sie den Hafen der Ehe ansteuern. Sie wollen nun dieses Glück auf Dauer stellen. – Aber dazu ist dann eben doch der zweite Teil entscheidend wichtig. Menschen können nur miteinander glücklich werden, wenn sie einander glücklich machen. Woher soll das Glück denn sonst kommen? Man muss etwas dafür tun, und das versuche ich den jungen Eheleuten regelmäßig mit auf den Weg zu geben.

Und wenn ich mit anderen auf 25, 50 oder 60 Ehejahre zurückblicke, dann stellen wir meistens fest, dass sie genau das gemacht haben: etwas dafür getan, um einander immer wieder glücklich zu machen und so miteinander glücklich zu bleiben.

Es ist komisch, wenn von Glück und von Liebe die Rede ist, dann lande ich immer wieder bei dem Modell der Ehe …


Unser Predigttext ist nicht speziell für Eheleute geschrieben, auch wenn er für Eheleute sehr geeignet ist. Er ist für eine christliche Gemeinde geschrieben.

Eine christliche Gemeinde ist im Grunde genommen auch eine Liebesgemeinschaft. Dass ich zur christlichen Kirche gehöre, ist keine Geschäftsbeziehung.

Wenn das so wäre, würden die meisten ein ziemlich schlechtes Geschäft machen. Wie viel Tausende oder Zehntausende an Kirchensteuern, Kollekten und Spenden geben wir im Leben für die Kirche aus, und dafür bekommen wir dann Taufe, Trauung und Bestattung umsonst, vielleicht mal ein Gespräch mit dem Pfarrer oder einen Blumenstrauß zum Achzigsten. Lohnt sich das?

Nun ja, man könnte es auch anders sehen: Im christlichen Glauben geht es schließlich um etwas mehr. Also: Bezahle ich und mache ich mit, damit ich einen guten Platz im Himmel bekomme? – Wenn ich das glaube, dann wäre die Kirchenmitgliedschaft vielleicht gar kein so ein schlechtes Geschäft!

Aber das alles ist es ja nicht! Vielleicht erinnert sich der eine oder andere daran, dass das Wort gratis aus der christlichen Lehre kommt, genau genommen sogar aus der Bibel. Wir kommen gratis in den Himmel. Gott nimmt uns an, ohne dass wir dafür etwas tun oder bezahlen müssen, ohne dass erst das Geld im Kasten klingen muss. – Es könnte sogar sein, es kommt jemand in den Himmel, der in seinem Leben keine Kirchensteuer bezahlt hat. Denn: Glaube ist kein Geschäft. Die christliche Kirche ist keine Versicherungsanstalt für geistliche Betreuungssleistungen oder fürs ewige Leben. Sondern sie ist eine Gemeinschaft, die auf Liebe beruht – so ähnlich wie eine Ehe oder Familie.

Ich glaube, daran werden wir als christliche Kirche im Großen und als christliche Gemeinde im Kleinen immer noch zu lernen haben. Denn wer von uns sucht ihn denn nicht, den eigenen Vorteil, auch bei uns in der Kirche?

Der eigene Vorteil, das kann auch heißen: Anerkennung suchen und finden, sehen und gesehen werden, etwas gegen die eigene Langeweile tun oder im besten Falle etwas Erbauliches für die eigene Seele hören und erleben.

Ich glaube, wir kommen da gar nicht heraus, aus dem Blick auf den eigenen Vorteil, auf das eigene Wohl. Und ich glaube, das ist auch nicht wirklich schlimm. Achtet auch darauf, was dem andern nützt, hat Paulus geschrieben. Nein, reine Selbstlosigkeit gibt es nicht und braucht es auch nicht zu geben. Aber was es geben soll, wenn die christliche Gemeinde dem nahe kommen soll, wie Gott sie gedacht hat, das ist der Blick auch auf den andern. Am besten auch mit den Augen des andern. Wie geht es ihm (oder ihr)? Was könnte dem andern guttun und nützen – unabhängig davon, wie ich selber dabei wegkomme? …

Das Schöne ist: Wir sollten diesen Blick auf den andern und mit den Augen des andern ja schon kenne, schon gelernt und geübt haben: in unseren Ehen, Familien und engen menschlichen Gemeinschaften.

Wenn nicht, dann lernen und üben wir ihn in der christlichen Gemeinde.

Denn wir lernen ihn von Jesus Christus. Wenn einer um der Liebe willen den Vorteil der anderen und nicht den eigenen gesucht hat, dann nämlich war er es, Jesus. Von ihm und mit ihm können wir christliche Liebe lernen. Denn er war, er ist auf unseren Vorteil, auf unser Wohl, auf unser Heil bedacht. Und darum, weil wir ja von ihm schon alles haben, darum können wir auch auf das Wohl und das Heil unseres Bruders, unserer Schwester bedacht sein.


Ja, in der großen weiten Welt, in der Gesellschaft im Geschäftsleben, da muss ich selber auf meinen Vorteil bedacht sein. In der kleinen Gemeinschaft von Mensch zu Mensch, und gerade bei uns in der christlichen Gemeinde, da lasst uns darauf achten, was unserem Mitmenschen nützt!

Sonntag, 15. Juli 2012

Predigt am 15. Juli 2012 (6. Sonntag nach Trinitatis)

Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: "Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist." Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.
Der Geist aber sprach zu Philippus: "Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!" Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: "Verstehst du auch, was du liest?" Er aber sprach: "Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?" Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53, 7-8): "Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen." Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: "Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?" Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.
Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: "Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse?" Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.
Apostelgeschichte 8, 26-39





Liebe Schwestern und Brüder,

Gemeinsam unterwegs für kurze Zeit – das könnte ein Slogan sein für Kirche im Ausland, besonders für Tourismus-Kirche, wie wir sie hier bei uns erleben.

Wir waren vorletzte Woche zur Auslandspfarrerkonferenz der Evangelischen Kirche in Deutschland. Fünf Tage gemeinsam unterwegs auf den Straßen von Wittenberg und auf den Spuren Martin Luthers und der Reformation. Ein Geschenk für uns: Schwestern und Brüdern aus der ganzen Welt treffen, miteinander reden, miteinander hören, singen und beten. Und zum Abschluss miteinander Abendmahl feiern. Dann sind wir wieder auseinander gegangen auf unterschiedlichen Straßen, aber fröhlich, gestärkt, bewegt, verändert.

Wir haben voneinander gehört, wie unterschiedliche Kirche im Ausland aussehen kann. Doch was die meisten Auslandsgemeinden verbindet, ist dieses Gemeinsam unterwegs für kurze Zeit. An vielen Orten, auch da, wo nicht der Tourismus dominiert, ist ständiges Kommen und Gehen. Ich habe erst vor kurzem das Wort Expat gelernt: das ist der Expatriate, der für meist nur zwei, drei Jahre für eine Firma oder eine Organisation im Ausland tätig ist. Solche deutschen Expat-Gemeinden, wie es sie in vielen Hauptstädten gibt, zum Beispiel in Addis Abeba, in Äthiopien, haben nach spätestens vier Jahren eine völlig neue Zusammensetzung. – Christen im Ausland sind gemeinsam unterwegs für kurze Zeit.

Und wir Pfarrer sind ein Teil dieses Kommens und Gehens. Sechs Jahre sind normal, manchmal werden es neun. Dann kommt wieder ein anderer.

Gemeinsam unterwegs für kurze Zeit, das sind auch wir hier. Manchmal ist es nur diese eine Stunde Gottesdienst, wo wir einander begegnen: Kirche im Urlaub, und dann wieder auf anderen Wegen unterwegs. Aber hoffentlich fröhlich, gestärkt, bewegt, verändert.


Ich finde es wunderbar, dass die Geschichte, die wir gehört haben, genau von diesem Gemeindemodell erzählt: Der Bildungsreisende aus dem fernen Land und der Tourismusseelsorger Philippus sind für ein paar Stunden gemeinsam unterwegs, und es ist erfüllte Zeit, die die beiden bewegt und verändert und sie auf ihren unterschiedlichen Straßen fröhlich weiter ziehen lässt.

Zwei Menschen begegnen sich, und sie begegnen Gott, sie begegnen dem Herrn Jesus Christus. Und ihre Begegnung ist kein Zufall – das kriegt man sofort mit –, sie ist organisiert vom Heiligen Geist. Er hat die beiden vorbereitet. Der Heilige Geist zieht im Hintergrund die Strippen.

Da ist Philippus, Diakon und Evangelist im Reisedienst. Er hört die Stimme eines Engels, der schickt ihn los in Richtung Süden, Richtung Gaza, Richtung Wüste. Er weiß noch nicht genau, warum. Vielleicht ist er sich nicht mal sicher, ob das wirklich ein Engel war oder bloß eine verrückte Idee. Auf jeden Fall geht er los, und irgendwann sieht er von ferne diesen exotischen Reisewagen, und er spürt den Impuls des Heiligen Geistes: Geh hin, halte dich zu diesem Wagen. – Philippus ist vorbereitet für das, was dann kommt, auch wenn er noch nicht weiß, was ihn erwartet.

Ihn erwartet ein äthiopischer Hofbeamter, der als Bildungsreisender und Pilger unterwegs ist. Ziemlich außergewöhnlich: Da hat sich einer aus dem oberen Niltal, aus Schwarzafrika, auf den Weg gemacht nach Jerusalem. Er hat erfahren von dem einen wahren Gott, der in Jerusalem verehrt wird. Er will ihn besser kennen lernen. Will die jüdische Religion studieren, obwohl er ihr niemals wird angehören können, denn er ist ein Eunuch, ein Kastrat – anders konnte man kein Hofbeamter der äthiopischen Königin werden – und Eunuchen durften nach dem Gesetz des Alten Testaments nicht zu Gottes Volk gehören.

Wir dürfen uns diese Begegnung nicht ganz so klein und einsam vorstellen. Als Minister wird er keinen Kleinwagen gefahren haben, sondern ein großes eindrückliches Gespann. Er wird auch nicht selber gefahren sein, sondern hatte einen Fahrer, der wahrscheinlich neben den Pferden herging. Und dazu hatte er sicherlich noch Personal dabei und ausreichend Garderobe und vieles mehr. Wir müssen uns also eher eine recht eindrückliche kleine Karawane vorstellen mit einer Staatskarosse in der Mitte. – Und dann brauchen wir uns auch nicht zu wundern, dass Philippus erst noch einen besonderen Impuls des Heiligen Geistes braucht, um sich diesem Wagen wirklich zu nähern.

Der Minister hat es geschafft, sich eine handgeschriebene Schriftrolle mit Originalbibeltext zu beschaffen. Die gibt es nicht am Andenkenkiosk, sie kostet ein Vermögen und wird normalerweise gar nicht an Nichtjuden verkauft. Wie auch immer, er hat sie irgendwoher bekommen, er möchte die Geheimnisse des jüdischen Gottesglaubens verstehen, und so liest er auf der langen Fahrt darin. – Es bringt ja auch nichts, eine wer weiß wie teure Bibelausgabe sein eigen zu nennen und dann nicht reinzugucken.

Als religiös offener und suchender Mensch und jetzt auch als Bibelleser ist er gut vorbereitet für eine geistliche Begegnung, für eine Begegnung mit dem lebendigen Gott.

Selbst bei der Auswahl des biblischen Buches und der Bibelstelle, die er gerade liest, hat wohl der Heilige Geist im Hintergrund die Fäden gezogen: Jesaja 53 – das rätselhafte Lied vom leidenden Gottesknecht. Was für Uneingeweihte rätselhaft ist, ist für die Christen einer der klarsten Hinweise auf Jesus Christus im ganzen Alten Testament: Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. – Klar, das ist Christus, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt! – Aber wenn einer Christus noch nicht kennt, dann ist das einfach ein Rätselwort.

Verstehst du auch, was du liest?, fragt Philippus. Genau die richtige Frage.

Verstehst du auch, was du liest, wenn du in der Bibel liest, falls du in der Bibel liest? – Vielleicht hast du sie ja schon wieder weggelegt, weil du nichts verstehst …

Nein, die Bibel ist nicht selbst-verständlich.

Ja, es gibt Worte in der Bibel, die sprechen ganz für sich selbst. Sie sind groß und klar.
Und dann gibt es noch viel mehr Worte in der Bibel, die machen Mühe, die müssen erklärt, interpretiert, verständlich gemacht werden.

Glauben weitergeben, das geht nicht, wenn wir den Leuten Bibeln in die Hand drücken und sagen: Nimm und lies! Glauben geben wir weiter, wenn wir miteinander die Bibel lesen und auslegen. So kommt der Glaube aus der Predigt, heißt es zu Recht (Römer 10, 17). Nicht aus dem Lesen, sondern aus dem Hören.

Verstehst du auch, was du liest? – Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und der Bibelleser bittet den Bibelausleger zu sich auf den Wagen.

In diesem Moment ist sie da: die Gemeinde unterwegs. Dort, hoch auf dem äthiopischen Wagen sitzen zwei und reden über die Bibel. Einer fragt, einer erklärt … und es öffnen sich neue Horizonte.

Man spricht heute so gerne von der gleichen Augenhöhe. Ich finde es beeindruckend, dass die beiden, der reiche Finanzminister und der arme Wanderprediger, der ahnungslose Heide und der gebildete Theologe sich auf gleicher Augenhöhe begegnen. Philippus darf auf dem Wagen mitfahren. – Das gehört für mich dazu zum Gemeindesein: dass wir kein Oben und Unten haben. Dass soziale Stellung und Bildung unwichtig werden, wenn wir von Gottes Geist bewegt, einander begegnen.

Wisst ihr, warum es in der Kirche überhaupt erhöhte Kanzeln gibt? – Nicht etwa weil der Pfarrer über dem Rest der Gemeinde steht. Es sind zwei andere Gründe: Der eine Grund ist schlicht und einfach die Akustik. Die Kanzel wurde ja erfunden, als es noch keine Lautsprecheranlage gab. Der andere Grund ist die Symbolik: Gottes Wort soll über allem stehen. Nein, nicht der Pfarrer als Person, sondern Gottes Wort, das er sagt. – Ich soll euch nämlich nicht von oben herab abkanzeln, sondern euch Gottes Wort nahe bringen, indem ich wie Philippus dem Minister die Bibel erkläre und euch Jesus Christus verkündige, und das möglichst verständlich und auf Augenhöhe mit euch.

Es ist für mich hoch interessant, wie Philippus mit der Bibel umgeht, wie er die Schrift auslegt, wie er das Wort Gottes sagt. Es heißt: Philippus tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.

Das Entscheidende ist: Philippus predigt das Evangelium von Jesus. Er fängt mit einem Schriftwort an, aber er bleibt nicht bei dem Schriftwort stehen. An keiner Stelle in der Bibel finden wir das, was manche fromme Hardliner behaupten, dass die Bibel selber das Wort Gottes sei. Die Bibel ist der Ausgangspunkt für die Verkündigung des Wortes Gottes. Das Wort Gottes selber ist Jesus Christus – so steht es in der Bibel! – Ich finde diese Erkenntnis unheimlich wichtig, wenn sich Leute in frommer Absicht auf Bibelworte berufen, die sie aus dem Zusammenhang gerissen haben, und dann behaupten, das wäre Gottes Wort. Nein, Gottes Wort ist das Wort, das einen Menschen erreicht und anspricht, das ihm das Evangelium, die Gute Nachricht von Jesus Christus zuspricht und den Glauben in ihm weckt.

Genau das geschieht hier: Der Glaube ist geweckt bei diesem äthiopischen Finanzminister. Das muss er gar nicht weiter erklären. Er will sich sofort taufen lassen.

Denn Glaube und Taufe gehören zusammen. Wer glaubt und getauft wird, wird selig werden, hat Jesus versprochen. Glaube und Taufe gehören zusammen. Wenn bei einem Menschen der Glaube geweckt ist, dann soll er getauft werden. Und umgekehrt, wenn ein Mensch getauft ist, so wie bei uns meistens schon als Kind, dann soll in ihm auch der Glaube geweckt werden.

Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse? – Nichts. Und so steigen sie beide hinab vom hohen Wagen, Philippus und der Minister. Gleiche Augenhöhe auch in der Taufe. War Philippus erst zu dem hohen Beamten hinaufgestiegen, so steigt der jetzt mit Philippus hinunter in einen einfachen Wasserlauf, um sich taufen zu lassen.

Ja, Glaube und Taufe, das ist auch ein Herabsteigen, ein Kleinwerden, ein Abtauchen. Ich werde klein vor Gott, ich erkenne ihn an als Herrn über mein Leben. Ich vertraue mich ihm an und tauche in ihn ein. Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. So hat es der Apostel Paulus ausgedrückt (Galater 2, 20).

Der äthiopische Eunuch, der nach den Ansprüchen des alttestamentlichen Gesetzes nie wirklich zu Gottes Volk gehören durfte, kommt durch das Evangelium von Jesus Christus nun doch zu Gott, darf zum neuen Gottesvolk gehören.

Die Begegnung der beiden ist an ihr Ziel gekommen. Gottes Geist hat neue Aufgaben und neue Wege für jeden der beiden bereit. Ihre Wege trennen sich. Aber sie gehen anders weiter, als sie gekommen sind: fröhlich, gestärkt, bewegt, verändert.

Bewegt durch den Heiligen Geist. Gestärkt durch Wort und Sakrament. Verändert durch das Evangelium, die Gute Nachricht von Jesus Christus. Fröhlich, weil sie auch auf getrennten Wegen nicht allein sind, sondern mit Jesus Christus gehen.


Gemeinsam unterwegs für kurze Zeit – das ist nicht wenig. Das kann etwas ganz Großes sein. Die kurze Weggemeinschaft vielleicht nur heute hier im Gottesdienst kann uns berühren und kann uns neu mit Gott in Berührung bringen. Und dann ziehen wir unsere Straße fröhlich.

Sonntag, 8. Juli 2012

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Sonntag, dem 8. Juli 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

über die Zeit habe ich in den letzten Tagen mit Ihnen gesprochen. In der Bibel gibt es ein ganz großes und wunderbares Gedicht über die Zeit, das sogar bis in die Popmusik hinein gewirkt hat. Es steht im Buch des Predigers (Prediger 3):

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit …
Und so geht es noch ein ganzes Stück weiter.


Ich finde, das ist noch mal eine ganz andere Sicht auf die Zeit. Zeit ist nicht einfach nur ein Nacheinander, sondern ein geordnetes Nacheinander. Es gibt gute und schlechte Zeiten, passende und unpassende Zeiten. Es kommt drauf an, was gerade dran ist.


Das hat mit Lebensweisheit zu tun: Es erkennen und annehmen können, dass nicht nur Lachen, nicht nur Aufbauen und nicht nur Lieben seine Zeit hat, sondern auch Hassen, Einreißen und Weinen. Ja, auch Sterben hat seine Zeit. Es gehört zur menschlichen Größe, das annehmen zu können. Ja, es annehmen zu können, dass unsere Zeit begrenzt ist.

Vor ein paar Tagen habe ich hier ein Bibelwort aus den Psalmen zitiert: Meine Zeit steht in deinen Händen (Psalm 31, 16). Damit ist vor allem eines gemeint: Meine begrenzte Zeit und die Grenze meiner Lebenszeit steht in Gottes Händen.


Wenn die Zeit in Gottes Händen ist, dann ist Gott größer als die Zeit. Gott ist nicht zeitlich, sondern ewig. Gott hat keinen Anfang und kein Ende. Er hält die Zeit und uns in unserer Zeit in seinen Händen. Und wenn unsere Zeit zu Ende ist, ist da immer noch Gottes Ewigkeit.


Wenn wir über die Zeit nachdenken, bekommen wir eine Ahnung davon, was mehr ist als die Zeit. Nach dem schönen Gedicht über die Zeit lesen wir noch einen tiefen Gedanken: Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er dem Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt.


Wie schön: Wir tragen im Herzen etwas, was mehr und größer ist als alle Zeit der Welt – Gottes Ewigkeit.







Der Zündfunke ist täglich ca. 8.40 Uhr (WEZ) auf Radio Megawelle (88,3 / 103,7 / 104,7 MHz oder unter http://radionetz.de:8000/megawelle.mp3) zu hören.

Samstag, 7. Juli 2012

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Samstag, dem 7. Juli 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

die merkwürdigste und geheimnisvollste Zeitform ist die Zukunft. Etwas kommt auf uns zu, aber wir wissen nicht, was.


Dabei ist die Zukunft ja nicht zufällig. Sie hängt von Ereignissen und Entscheidungen der Vergangenheit und der Gegenwart ab. Wir können für die Zukunft planen. Wir können auch einiges voraussehen, was die Zukunft bringen mag; je näher die Zukunft liegt, um so mehr.


Und trotzdem ist die Zukunft offen. Sie kann jeden Tag völlig unerwartete Ereignisse bringen. Unerwartete Ideen, unerwartete Entwicklungen, unerwartete Entscheidungen. Deshalb müssen wir letzendlich eingestehen: Wir kennen die Zukunft nicht. Es wird etwas sein in der Zukunft, aber wir wissen nicht was.


Manchmal drängt sich dann die philosophische Frage in den Hinterkopf: Ist die Zukunft wirklich ganz und gar offen? Oder steht es insgeheim doch schon fest, was sein wird? Vielleicht gibt es ja einen großen Plan, in dem jedes Ereignis, jeder Gedanke, jede Bewegung, jeder Quantensprung (das ist physikalisch gesehen eine ganz kleine und keine ganz große Veränderung), wo also alles und jedes schon vorhergesehen oder vorherbestimmt ist.


Wenn das so wäre, könnte man dann in die Zukunft schauen? Propheten, Wahrsager, Astrologen und Futurologen versuchen das mit unterschiedlichen Mitteln. Und sie werden immer interessierte Kunden finden, weil es allzu verlockend ist, vielleicht ja doch ein ganz klein wenig von der Zukunft zu erhaschen.


Aber wenn wir etwas von unserer Zukunft wüssten, wie würde das unser Tun beeinflussen? Würden wir versuchen, das Vorhergesehene zu vermeiden, oder es gerade herbeizuführen? Wie ginge es mir, wenn mir jemand mein Sterbedatum voraussagen würde? – Ich habe kein gutes Gefühl dabei.


Die Bibel geht mit Aussagen über die Zukunft sehr vorsichtig um. Ja, es gibt Prophezeiungen; aber die hängen meistens an bestimmten Bedingungen: Wenn ihr euer Leben nicht ändert, dann wird dieses oder jenes Unheil geschehen, z. B. Und die großen apokalyptischen Zukunftsvisionen reden in Bildern, die kaum verlässlich zu entschlüsseln sind. So bleibt am Ende nur eine verlässliche Zukunftsaussage übrig: Die Zukunft liegt bei Gott. Die Welt und wir Menschen gehen auf Gott zu. Wir sollen in Ewigkeit bei ihm sein.


Aber die Ewigkeit – das ist dann noch mal ein neues Thema …







Der Zündfunke ist täglich ca. 8.40 Uhr (WEZ) auf Radio Megawelle (88,3 / 103,7 / 104,7 MHz oder unter http://radionetz.de:8000/megawelle.mp3) zu hören.

Freitag, 6. Juli 2012

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Freitag, dem 6. Juli 2012

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

die wichtigste Zeit ist unsere Gegenwart, habe ich gestern gesagt. Wir leben im Jetzt und Heute. Trotzdem möchte ich heute über die Zeitform der Vergangenheit sprechen. Denn wir kommen ja aus der Vergangenheit. Die Vergangenheit hat uns geprägt, hat uns zu denen werden lassen, die wir heute sind. Wir können unsere Vergangenheit nicht einfach abschütteln und loswerden.


Wie schlimm das eigentlich ist, wenn Menschen ihre Vergangenheit verlieren, das sehen wir an Demenzkranken: Menschen verlieren mit ihren Erinnerungen auch ihre Persönlichkeit.


Freilich, mancher möchte auch gerne seine Vergangenheit hinter sich lassen. Da sind Dinge schief gelaufen. Da hat einer Fehler gemacht. Vielleicht ist er schuldig geworden. Vielleicht kriminell. Und dann merkt er, er wird diese Vergangenheit nicht los: "Das ist doch der … usw." Da hat einer irgendwann die Weichen falsch gestellt und sagt: Wenn ich mein Leben noch mal leben könnte, dann würde ich alles anders machen. – Aber diese Chance bekommt er nicht.


Für mich ist es beeindruckend, wie Gott mit der Vergangenheit von Menschen umgeht: Aus dem Christenverfolger Saulus wird der Christusverkündiger Paulus. Aus einem Feigling, der Jesus im entscheidenden Moment verleugnet hat, Petrus, wird einer, der mutig sein Leben einsetzt für den Glauben an Jesus. Aus betrügerischen Zöllnern werden Nachfolger Jesu. In den ersten christlichen Gemeinden wimmelte es von ehemaligen Gotteslästern, Alkoholikern, Kleinkriminellen und Prostituierten (1. Korinther 6,9ff). Und auch heute finden frühere Kirchenverächter und Leute mit nicht ganz weißer Weste den Weg in unsere christlichen Gemeinden.


Der Grund dafür ist, dass Menschen bei Gott tatsächlich ihre Vergangenheit hinter sich lassen können. Weil Gott ihnen vergibt.


Vergebung bedeutet: Die Vergangenheit zählt nicht mehr. Du wirst nicht mehr bei dem behaftet, was früher mal gewesen ist. Es ist vergeben.


Können wir das auch: so vergeben, wie Gott uns vergibt? – Das würde heißen: Wir geben anderen eine Chance, ihre dunkle Vergangenheit hinter sich zu lassen und tatsächlich neu anzufangen.


Gott jedenfalls gibt uns diese Chance. In der Bibel heißt es: Wenn jemand mit Jesus Christus lebt, dann ist er ein neuer Mensch. Das Alte ist vergangen. Etwas Neues hat begonnen (2. Korinther 5, 17).





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