Montag, 6. Juni 2016

Predigt am 5. Juni 2016 (2. Sonntag nach Trinitatis)

Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.
So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.
Epheser 2, 17-22

In Trier, so las ich gestern, wird es in diesem Jahr eine Weinkönigin geben, die aus Syrien stammt. Vor vier Jahren ist sie zusammen mit ihrer Schwester als Bürgerkriegsflüchtling nach Deutschland gekommen. Und jetzt Weinkönigin. – Angekommen in einer neuen Heimat. Und so heimisch geworden, dass sie diese neue Heimat mit ihrer Tradition vertreten kann. Integration gelungen.
So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger und Hausgenossen.
In der vergangenen Woche wurde einiges über Fußball und vor allem über Fußballspieler geredet. Am Freitag beginnt ja die Europameisterschaft. Erst erregten sich ein paar Idioten über Kinderbilder auf Kinder-Schokolade, weil da nicht nur blonde und blauäugige abgebildet waren, und hatten wahrscheinlich noch nicht mal mitgegkriegt, dass das Kinderbilder von heutigen Fußballstars wie Gündogan und Boateng waren. Dann soll einer gesagt haben, die meisten Deutschen wollten eben diesen Boateng nicht als Nachbarn haben. Dabei ist er geborener Deutscher, Sohn einer deutschen Frau und dazu noch Christ, nur ein bisschen dunkelhäutiger als die meisten von uns, und spielt ein bisschen besser Fußball. – Manche würden offenbar sogar Eingeborene zu Gästen und Fremdlingen erklären.
Dabei soll es doch andersherum sein: Aus Gästen und Fremdlingen sollen Mitbürger werden. Und sicher ist gerade so etwas wie Fußball dazu geeignet, Menschen in der Fremde heimisch werden zu lassen. Oder eben auch das örtliche Weinfest.
Es geht um Integration. Wer gehört dazu und wer nicht?
Die Debatte, was dazu gehört, ist allemal zu abstrakt. Es geht nicht darum, ob der Islam zu Deutschland gehört. Es geht darum, ob Menschen zu Deutschland gehören oder nicht. Und der entscheidende Punkt für mich ist dabei: Wollen sie denn dazugehören?
Die Weinkönigin aus Syrien will ganz offensichtlich dazugehören. Fußballspieler, deren Hautfarbe an Afrika erinnert oder deren Namen türkisch oder albanisch klingen und die für Deutschland den Ball treten, die wollen ganz offensichtlich dazugehören. Ihnen diese Zugehörigkeit absprechen zu wollen, ist schlicht und einfach idiotisch und rassistisch.
Schwieriger ist es mit denen, die nicht dazugehören wollen und doch da sind. Die ihre eigenen Regeln und Gesetze mitbringen. Die unsere Sitten und Gebräuche nicht achten. Die vielleicht sogar gerade die angreifen, die sich hier integrieren wollen.
Verrückt ist ja, dass oftmals integrierte Zugewanderte besonders kritisch sind gegenüber der unbegrenzten Zuwanderung. Sie sind nach Deutschland gekommen, weil es ein schönes, demokratisches, freies Land ist und jetzt haben sie Angst vor denen, die diese Freiheit am liebsten abschaffen wollen.
Gäste und Fremdlinge bleiben üblicherweise für eine gewisse Zeit; dann gehen sie wieder. Oder aber sie bleiben und werden zu Mitbürgern und Hausgenossen. Beides zusammen geht nicht: Gast und Fremdling sein und gleichzeitig Einheimischer. Entweder du gehörst dazu oder nicht.
Im übrigen betrifft diese Frage auch uns selber: Wer sind wir hier als Deutsche in Spanien, auf den Kanarischen Inseln – Gäste und Fremdlinge oder Mitbürger und Hausgenossen? Wollen wir dazugehören oder nicht? Sind wir Teil der kanarischen Gesellschaft oder leben wir in einer Parallelgesellschaft? – Ich kann es zum Beispiel nicht verstehen, wenn jemand jahre- und jahrzehntelang hier lebt und nicht bereit ist, Spanisch zu lernen. Und ich kann es erst recht nicht verstehen, wenn mancher Deutsche, der nicht mal Spanisch kann, den Canarios erklären will, wie dies oder jenes in der Organisation und Verwaltung zu funktionieren hätte. Das steht mir als Gast und Fremdling nicht zu. – Nein, wenn wir nicht bereit und in der Lage sind Mitbürger zu sein, dann sollten wir uns zumindest als Gäste freundlich benehmen und unseren Gastgebern nicht erklären, wie sie ihre Wohnung einzurichten haben.
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So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.
Manchmal, nein, eigentlich jede Woche tauchen neue Gesichter auf, hier bei uns in der Kirche. Manche sehen die offen Kirche und treten neugierig ein. Bleiben eine Weile und gehen wieder. Vielleicht verstehen sie unsere Sprache nicht, vielleicht aber verstehen sie aber ein bisschen von der christlichen Symbolik. – Gäste und Fremdlinge. Sie sind uns willkommen.
Andere haben uns gesucht und gefunden, weil sie hier Urlaub machen und sich zugehörig fühlen zur Kirche, zu Gott, weil sie die Gemeinschaft der Heiligen suchen. Für uns sind sie Gäste und Fremdlinge. Aber wenn wir uns nach dem Gottesdienst unterhalten, vielleicht noch beim Kirchencafé, dann merken wir: Sie sind eigentlich Mitbürger und Hausgenossen.
In unserer kleinen Gemeinde auf La Gomera tauchte beim vorletzten Gottesdienst ein neues Gesicht auf. Sie hatte sich extra auf den langen Weg von Valle Gran Rey nach San Sebastián gemacht, um bei unserem Gottesdienst dabei zu sein. Als Gast und Fremdling. Durch ihren Mann hatte sie den Glauben kennengelernt, die Bibel, das Beten. Durch das Internet hatte sie von uns erfahren, mir eine E-Mail geschrieben, und jetzt war sie da. Sie will dazugehören. Sich demnächst taufen lassen. Nicht mehr Gast und Fremdling sein, sondern Mitbürgerin und Hausgenossin. Ach, eigentlich ist sie das schon. Als sie mit vorn stand, habe ich ihr Brot und Wein gereicht. Ich weiß: Abendmahl für Ungetaufte soll eigentlich nicht sein. Aber sie hat ja schon zu Jesus gefunden. Hätte er sie weggeschickt? – Und die Taufe holen wir bald nach.
Vorgestern hat hier wieder jemand nach dem Mitgliedsantrag gefragt. Er ist schon getauft und kommt, wenn es zeitlich geht, zu uns in den Gottesdienst. Warum dann nicht auch als eingeschriebenes Gemeindeglied dazugehören? – Wir freuen uns über neue Mitbürger und Hausgenossen.
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Es geht um Integration. Wer gehört dazu: zu Gott und zu seiner Kirche?
Darum ging es schon immer, von Anfang an. Gehören nur die dazu, die schon immer dabeiwaren? Deren Eltern und Großeltern schon zu Gott gehört haben, zu seinem auserwählten, heiligen Volk? Gehören nur die dazu, die alle Regeln des alten Gottesgesetzes befolgen, einschließlich Beschneidung der Männer?
Paulus hat es am klarsten erkannt und verkündet: Jeder darf dazugehören, der dazugehören will. Jeder, der Jesus glaubt. Denn Jesus hat Frieden gemacht: Frieden zwischen Gott und den Menschen. Und darum auch Frieden zwischen den Menschen: Zwischen denen, die schon immer dabei waren, und denen, die neu hinzukommen. Zwischen Juden und Nichtjuden. Zwischen Männern und Frauen. Zwischen Freien und Sklaven. Zwischen Einheimischen und Fremden. Zwischen Hellhäutigen und Dunkelhäutigen. Zwischen Altgläubigen und Neugläubigen.

Darum: Wenn du dich noch als Gast und Fremdling fühlst – du darfst dazugehören, du darfst Mitbürger und Hausgenosse sein.
Und wenn du das schon bist, Mitbürger und Hausgenosse, dann lass auch den dazugehören, der es gerne will. Baue keine Barrieren auf! Richte keine Gesetze auf, die andere ausschließen! Öffne deine Tür und öffne dein Herz! Denn Gott hat sein Herz schon geöffnet.