Sonntag, 29. Mai 2016

Predigt am 29. Mai 2016 (1. Sonntag nach Trinitatis)

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.
Wenn jemand spricht: „Ich liebe Gott“, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1. Johannes 4, 16b-21
*
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Mit dem Gedicht von Erich Fried endete die Predigt von Wolfgang Gerth letzte Woche.
Und damit beginnt auch die Predigt von heute:
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Die Liebe lässt sich nicht auf einen Begriff bringen.
Sie lässt sich nicht definieren, nicht beschreiben, nicht erklären.
Aber sie lässt sich leben und erleben.
Sie lässt sich fühlen und sie lässt sich üben.
Und wenn sie da ist, dann wissen wir es:
Das muss Liebe sein.
Es ist, was es ist.
Gerhard Schöne hat vor vielen Jahren ein Lied davon gesungen:
Wenn Dreizehnjährige nachts im Taschenlampenkegel
den ersten Brief beginnen an ihr Rockidol
am Schluss mit rotem Lippenstift
noch einen Kuss als Unterschrift.
Und wenn die Tante jeden Tag vorm Vogelbauer
dem lieben, guten Bubi Küsschen-Küsschen gibt.
Wenn sie ihn vorsichtig berührt
und dann sein Herz so pochen spürt.
Das ist alles Liebe…
Es ist, was es ist.
*
Die Liebe ist göttlich.
Das wussten die Menschen schon immer.
Und sie haben sie als Gott verehrt.
Eros – Amor: der mit dem Bogen Pfeile verschießt in die Herzen der Menschen: und da ist sie – die Liebe.
Wie eine brennende Wunde, die wir uns nur gegenseitig heilen können.
Und das auf die Gefahr hin, dass mit dem Herzschmerz am Ende auch die Liebe weggeheilt ist.
Amor zieht weiter und verschießt seine Pfeile anderswo.
Die Liebe ist ein Gott: Unberechenbar.
Und wunderbar.
Es ist, was es ist.
Was die Menschen noch nicht immer wussten:
dass es in Wahrheit umgekehrt ist.
Nicht: Die Liebe ist Gott – ein Gott, neben anderen.
Sondern: Gott ist die Liebe.
Der eine Gott ist die Liebe.
Nada más.
Alles andere, was von Gott zu sagen ist, sind Liebesgeschichten, ist seine Liebesgeschichte.
Gott ist die Liebe.
Das macht den Unterschied.
Auch wenn wir über andere Religionen sprechen.
Manche haben Raum für die Liebe, vielleicht sogar eine eigene Gottheit dafür.
Andere glauben vielleicht an den einen Gott, aber er ist für sie etwas anderes: mächtig, fordernd, gerecht oder ganz auf der Seite seiner Anhänger; aber er ist nicht die Liebe.
Und das merkt man dann:
An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.
Und natürlich auch bei der eigenen Religion: Wenn für manche Christen Gott etwas anderes ist als die Liebe, dann erkennt man das auch an den Früchten.
*
Gott ist die Liebe.
Alles, was von Gott zu sagen ist, ist seine Liebesgeschichte.
Letzten Sonntag war Trinitatis, der Tag der Heiligen Dreifaltigkeit – oder Dreieinigkeit.
Das Geheimnis der Dreieinigkeit heißt schlicht und einfach: Gott ist die Liebe.
Gott ist in seinem tiefsten Wesen Miteinander, Zueinander, Ineinander.
Nicht einfältig, nicht einsam, sondern zweisam, dreisam, dreifaltig und dreieinig.
Das ist alles Liebe.
Das Geheimnis der Schöpfung heißt schlicht und einfach: Gott ist die Liebe.
Er kann und will nicht für sich sein, sondern mit der Welt, für die Welt, in der Welt.
Das ist alles Liebe.
Das Geheimnis der Erlösung heißt schlicht und einfach: Gott ist die Liebe.
Er kann und will es nicht hinnehmen, dass seine Geschöpfe sich von ihm trennen.
Er leidet daran.
Und er tut alles, um mit ihnen zusammen zu sein:
Die ganze Geschichte von Jesus –
das ist alles Liebe.
Das Geheimnis der Kirche heißt schlicht und einfach:
Gott ist die Liebe.
Er ruft uns zusammen, dass wir ihm begegnen und einander begegnen und gemeinsam in der Liebe leben.
Zum Wesen des christlichen Glaubens gehört die Gemeinschaft der Heiligen.
Das ist alles Liebe.
*
Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
In ihm leben und weben und sind wir.
Hat Paulus mal gesagt über Gott – in Athen, auf dem Areopag (Apostelgeschichte 17, 28).
In Gott - das heißt: in der Liebe.
Hat Johannes geschrieben – in diesem Brief, aus dem ich vorgelesen habe.
Die ganze Welt ist voller Liebe:
Da, wo die alte Tante ihren Wellensittich küsst.
Da, wo sich die Eheleute streiten und versöhnen.
Da, wo zwei Männer miteinander baden.
Da, wo die Schwester den Oberarzt anhimmelt.
Und da, wo eine den andern füttert und windelt: ob als Baby oder als alten Menschen.
Und da, wo sie später noch jahrelang Blumen zum Friedhof bringt.
Die ganze Welt ist voller Liebe.
Die ganze Welt ist voller Gott.
Manchmal übersehen wir ihn.
Weil wir nicht dran denken, dass er da ist, wo die Liebe ist (weil er ja selber die Liebe ist).
Martin Luther hat etwas Wunderbares gesagt:
Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da reichet von der Erde bis an den Himmel
[Martin Luther: Acht Sermone gepredigt zu Wittenberg in der Fastenzeit]. Manchmal spüren wir seine Wärme. Manchmal, wenn in diesen Tagen die Sonne auf meine Haut brennt, denke ich daran: Gottes Liebe ist wie die Sonne, sie ist immer und überall da. Aber genau genommen ist da gar kein Unterschied zwischen Gott und seiner Liebe. Er ist die brennende, wärmende, wohltuende Liebe. In ihr, in ihm leben und weben und sind wir.
*
Das ist das eine:
Gott ist immer schon da.
Die Liebe ist immer schon da.
Das andere ist:
Liebe ist kein Etwas, kein Ding, das irgendwie irgendwo vor sich hin existiert.
Liebe ist Lieben.
Liebe ist Tätigkeit.
Ist: einen Brief schreiben.
Ist: einen Wellensittich küssen, oder einen anderen Mann.
Ist: ein Auto pflegen, oder einen Menschen.
Ist: sich für jemanden interessieren, sich seine Geschichten anhören und ihm das Herz öffnen.
Liebe ist, wenn wir Liebe machen.
Im engeren und auch im ganz weiten Sinne.
Liebe üben, heißt es auch in der Bibel.
Liebe ist wie Musik.
Musik existiert nur, wenn sie gespielt wird.
Alles andere ist Musiktheorie, Noten, die Idee von Musik.
Liebe existiert nur, wenn sie gelebt wird.
Alles andere ist Verhaltensforschung, Moral und Ethik.
Gott existiert nur, wenn er geglaubt wird.
Alles andere ist Theologie, eine Idee von Gott.
Und Gott glauben, ist: die Liebe leben.
Ist: die Musik spielen, die uns von Ewigkeit her umgibt.

Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Es ist Gott, sagt der Glaube.