Montag, 20. Juni 2016

Predigt am 19. Juni 2016 (4. Sonntag nach Trinitatis)

Du, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.“
So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ägernis bereite.
Römer 14, 10-13

Du, was richtest du?
Ich richte die Krawatte – oder das Beffchen.
Ich richte mich nach der Gottesdienstordnung.
Und nach den Gesetzen, Geboten und Spielregeln.
Ich richte mich nach ihnen aus.
Ich richte mich ein.
Ich richte mein Haus ein.
Ich richte meine Wohnung her.
Und bei uns in Sachsen kann ich sie auch vorrichten (sprich: renovieren).
Ich richte das Essen an.
Ich richte den Hund ab.
Ich verrichte meine Aufgaben.
Und ich berichte dir davon.
Und dann sehe ich die Nachrichten.
Wo sie Leute hinrichten.
(Welch Fortschritt, als vor etlichen Jahren ein bayerischer Ministerpräsident nur die Blumen in seinem Garten hinrichten wollte!)
Du, was richtest du?
Ist es etwa nicht richtig zu richten?
Wenn ich richte, dann heißt das doch:
Ich mache etwas richtig.
Ich bringe etwas zurecht.
Ich gebe ihm die Richtung.
Oder mir selbst und meinem Leben.
Das Beffchen soll richtig sitzen.
Und mein Verhalten soll stimmen.
Alles soll seinen richtigen Platz haben, seine Ordnung.
Und der Hund soll richtig gut erzogen sein.
Und die Blumen sollen nicht die Köpfe hängen.
*
Wenn der Richter richtet, dann geht es auch darum:
Was nicht richtig ist, soll wieder richtig werden.
Zurechtgebracht.
Im Zivilrecht:
Da geht es um Kaufpreise und Entschädigungen, um Rechtsansprüche und den Schutz des Eigentums.
Es soll alles richtig sein, gerecht, fair.
Nach allgemeingültigen Regeln.
Dazu gibt es das bürgerliche Gesetzbuch.
Und im Strafrecht:
Da geht es um Menschen, die wieder zurechtgebracht werden sollen.
Ein Straftäter wird verurteilt, und im Idealfall wird er das, was er getan hat, nie wieder tun.
Die Strafe soll ihn erziehen, zurechtbringen.
Oft ist das nicht so, das wissen wir.
Dann soll die Strafe wenigstens so etwas wie einen gerechten Ausgleich schaffen:
Wenn einer Böses getan hat, dann soll er auch Böses erfahren.
Er soll den Preis dafür bezahlen.
Das finden wir gerecht.
Mehr oder weniger.
Auge um Auge, Zahn um Zahn, sagt die Bibel, das Alte Testament, und meint damit nicht überbordende Rache, sondern gerechte Strafe: Der Schaden, der dem Täter zugefügt wird, soll der Tat angemessen sein und dem Schaden, den das Opfer erlitten hat.
Wenn also einer einem einen Zahn ausgeschlagen hat, dann ist es nicht gerecht, ihn dafür zu töten; gerecht wäre, ihm auch einen Zahn auszuschlagen; noch besser aber, ihn auf andere Weise dafür bezahlen zu lassen.
Und wenn einer einen tötet?
Da sind wir beim Thema Todesstrafe. – Kann die gerecht sein?
Schwierig: Wie soll ein Mensch zurecht gebracht werden, wenn man ihm die Möglichkeit abschneidet, sein Leben zu ändern?
Dass in christlichen Ländern und Kulturen die Todesstrafe jahrhundertelang als völlig normal und gerecht angesehen wurde, hat aber gerade auch damit zu tun, dass der Tod eben nicht als endgültig angesehen wurde.
Die irdische Gerechtigkeit konnte nur Leben mit Leben bezahlen lassen; aber zugleich wusste man um die himmlische Gerechtigkeit: Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.
Den Leib kann man töten, die Seele nicht.
Bei all den grausamen Strafen vergangener Jahrhunderte bis hin zu den entsetzlichen Arten, Menschen zu Tode zu bringen, steht ein Gedanke im Hintergrund, den wir heute nicht mehr verstehen: Wir töten den Leib, um die Seele zu retten.
Bei der Verfolgung von Ketzern und Hexen ging es nicht darum, Feinde und Kritiker zu vernichten, sondern darum Seelen zu retten: Die Menschen sollten bewahrt werden vor dem Schaden, den Irrlehre und böse Zauberei anrichten, und die verirrten Menschen selber sollten die Chance erhalten, von Gott gerichtet, das heißt zurechtgebracht zu werden.
Von Gott.
Denn was wir Menschen richten, ist noch lange nicht richtig.
*
Du, was richtest du?
Ich richte, weil ich möchte, dass das richtig wird, was falsch ist.
Ich richte, weil ich Gerechtigkeit möchte.
Ich richte, weil es mich stört, wenn anderen Unrecht geschieht (und erst recht wenn mir Unrecht geschieht).
Wenn einer sich auf Kosten anderer bereichert, wenn einer lügt und betrügt und krumme Geschäfte macht, dann macht mich das wütend, und ich nenne ihn ein Schwein.
Wenn jemand seinen Hass und seine Unzufriedenheit an den Schwächsten auslässt, dann nenne ich ihn ein Arschloch.
Wenn jemand Leute erschießt, die sich vergnügen wollen, und das nur, weil sie schwul sind, dann bin ich nicht weit weg von dem Wunsch, dass man ihn auch erschießen sollte.
So richte ich.
Mit Gedanken und mit Worten.
Aber nichts wird dadurch besser, richtiger.
*
Du, was richtest du?
Letztendlich muss ich nicht richten.
Ich kann das Richten denen überlassen, die dazu berufen sind.
Ich bin ein großer Anhänger des Rechtsstaates.
Es gibt Regeln, nach denen sich alle zu richten haben.
Und es gibt Regeln für den Fall, dass sich jemand nicht nach den Regeln richtet.
Es gibt eine Rechtsprechung mit mehreren Instanzen, um Fehlurteile korrigieren zu können.
Und es gibt eine Instanz über allen Instanzen; das sagt mir mein Glaube:
Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.
Wer hier auf Erden richtet, wer hier Recht spricht, ist immer noch einem höheren Richter verantwortlich.
Und wem das irdische Recht – aus welchen Gründen auch immer – nicht gerecht wird, der darf immer noch auf den himmlischen Richter hoffen.
Also du, was richtest du?
Überlass das Richten denen, die dazu berufen sind.
Überlass das Richten dem, der über alle Richter ist.
*
Und du, was verachtest du deinen Bruder?
Wenn ich den anderen schon nicht zurecht bringen kann, ihn richtig machen kann, dann kann ich ihn wenigstens verachten:
Ich bin richtig; er ist falsch.
Ich bin gut; er ist böse.
Ich stehe über ihm, und ich zeige es ihm.
Das ist nichts Neues, aber in den Tagen von Twitter und Facebook lässt es sich besonders gut ausleben und besichtigen:
Ein falsches Wort, und ein Shitstorm bricht los.
Ein falscher Kontakt oder ein dummes Zitat, und du bist moralisch erledigt.
Anstelle von Argumenten tritt der Gestus: Wie kann man nur!
Wie kann man nur so etwas sagen, so denken, solche Artikel teilen, mit solchen Menschen in Kontakt sein!
Selbstherrlich erklärt man, dass über bestimmte Meinungen gar nicht diskutiert werden muss.
Und dass man mit bestimmten Leuten gar nicht erst zu sprechen hat.
Hey du, was verachtest du deinen Bruder?
Wie kannst du dir so sicher sein, dass du Recht hast und er nicht, vielleicht nicht mal ein bisschen?
Klar, möchtest du bei den Guten sein.
Aber ist es nicht ein Kinderglaube, dass man säuberlich zwischen Guten und Bösen trennen kann?
Und kann es nicht sein, dass ein anderer auch gute Argumente und Beweggründe hat?
Seid ihr nicht beide auf der Suche nach dem, was gut und richtig ist?
Und wenn ihr euch austauscht, kommt ihr dem vielleicht beide näher.

Ich habe seit Jahrzehnten das Gefühl, dass mein Platz zwischen den Stühlen ist.
Nicht bei den Guten, die so von ihrem Gutsein überzeugt sind.
Nicht bei den Bösen, die sich in ihren Provokationen und Gemeinheiten gefallen.
Mein Platz ist zwischen den Stühlen.
Zwischen Liberalen und Konservativen.
Zwischen Rechten und Linken.
Zwischen Gläubigen und Ungläubigen.
Zwischen Gerechten und Sündern.
Zwischen den Stühlen, und nicht auf dem Richterstuhl.
Dort, auf dem Richterstuhl, sitzt Gott, der alles und alle so beurteilen kann, wie es recht ist.
Dort sitzt Gott, der alles richtig macht und alle zurecht bringt.
Ich muss das nicht.
Gott sei Dank!