Sonntag, 22. November 2015

Predigt am 22. November 2015 (Letzter Sonntag des Kirchenjahres)

Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: ,Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!‘ Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig. Die törichten aber sprachen zu den klugen: ,Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. Da antworteten die klugen und sprachen: ,Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst.‘ Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: ,Herr, Herr, tu uns auf!‘ Er antwortete aber und sprach: ,Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.‘ Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“
Matthäus 25, 1-13

Türen schließen sich.
Zurückbleiben bitte.
Der Zug setzt sich in Bewegung.
Menschen winken.
Aus dem Zugfenster.
Und vom Bahnsteig aus.
Bis sie sich aus den Augen verlieren.
Der Zug ist abgefahren.
Er kommt nicht zurück.
Türen schließen sich.
Nimm deine Sachen und geh!
Komm nie wieder!
In meine Wohnung.
In mein Leben.
Es ist vorbei.
Türen schließen sich.
Die Tür des Krankenhauses hinter dir.
Und du weißt: Du kommst hier nicht wieder raus.
Nicht lebend.
Oder die Tür des Pflegeheimes.
Endstation.
Türen schließen sich.
Die Tür des silbergrauen Wagens, wo sie den Sarg hineingeschoben haben.
Die Türen der Brennkammer im Krematorium.
Die Grabplatte auf dem Cementerio, hinter der der Leichnam seinen Platz gefunden hat, oder die Asche.
Letzte Ruhestätte.
Türen schließen sich.
Einer ist fort.
Der andere bleibt zurück.
Einer ist drin.
Der andere draußen.
Einer ist tot.
Der andere lebt.
*
Totensonntag.
Türen haben sich geschlossen.
Menschen sind gegangen.
Und wir sind zurückgeblieben.
Menschen, die vor einem Jahr noch bei uns waren.
Von den wenigsten hatten wir erwartet, dass sie jetzt schon gehen: Horst, Bernd, Ludwig, Gisela, Johanna, Uli…
Und so viele andere.
Die ihr vielleicht kennt, an die ihr denkt.
Oder die 130 von Paris, deren Namen auch im Internet bewusst erinnert werden: Isabelle, Christophe, Cécile, Fabian, Justine… und wie sie alle hießen (ich habe die Namen nur zufällig ausgewählt).
Wir fragen: Warum?
Warum mussten so viele sterben, die das noch gar nicht wollten?
Warum wurden uns so viele Türen zugeschlagen, durch die wir noch gehen wollten?
Warum?
Auch die Antwort auf diese Frage liegt für uns wie hinter einer verschlossenen Tür.
Und wir stehen davor.
Traurig.
Ratlos.
Unglücklich.
Totensonntag.
Das unglückliche Ende des Kirchenjahres.
Wir stehen vor verschlossenen Türen.
*
Ewigkeitssonntag.
So heißt dieser Sonntag am Ende des Kirchenjahres auch.
Das ist eine andere Perspektive.
Der Blick auf die andere Seite.
Der Blick ins Jenseits – jenseits der verschlossenen Türen.
Wie durchs Schlüsselloch.
Oder durch die Butzenscheiben.
Und wir sehen:
Dort ist Licht.
Dort ist Leben.
Dort ist alles heil.
Keine Tränen mehr.
Kein Leiden mehr.
Keine Angstschreie mehr.
Keine Schmerzen mehr.
Kein Tod mehr.
Dort ist alles gut.
Dort ist alles Gott.
Ewigkeitssonntag steht für das glückliche Ende.
Das glückliche Ende des Lebens.
Das glückliche Ende der Welt.
Happy End.
Alles wird gut.
Wir wünschen und glauben, dass sich, wenn sich für uns die Türen schließen, bei Gott die Türen öffnen.
Ewigkeitssonntag steht für den glücklichen Ausgang.
Und den glücklichen Eingang – zu Gott.
*
Happy End.
Hochzeit.
Braut und Bräutigam kriegen sich.
Dürfen jetzt wirklich und ganz und für immer zusammen sein.
So war das mal mit der Hochzeit.
Und immer noch steht die Hochzeit für Happy End.
(Obwohl sie eigentlich Happy Beginning ist).
So auch in der Bibel.
Bei Jesus.
Im Gleichnis von den zehn Brautjungfern.
Sie warten auf das Happy End.
(Oder auf das Happy Beginning.)
Zusammen mit der Braut fiebern sie der Ankunft des Bräutigams entgegen.
Er wird kommen und die Braut zu sich holen.
Und sie werden dabei sein.
Werden dem Brautpaar mit ihren Ölfackeln den Weg beleuchten.
Werden singen und tanzen.
Den ganzen Weg, die ganze Nacht.
Noch ist er nicht da.
Er lässt auf sich warten.
Die Zeit wird lang.
Die Lider schwer.
Die Gespräche schlafen allmählich ein.
Und sie auch.
Bis sie aufschrecken:
Der Bräutigam kommt, der Bräutigam kommt!
Jetzt geht es los.
Und sie zünden ihre Fackeln an.
Und einige merken erst jetzt:
Sie haben zwar Fackeln, aber sie haben kein Öl.
Die Dochte glimmen nur kurz, und dann ist es vorbei.
Gebt uns Öl ab, bitten sie die anderen.
Aber die sagen: Dann reicht es nicht.
Reicht nicht für euch und nicht für uns.
Reicht nicht für den ganzen Weg ins Haus des Bräutigams.
Besorgt euch selber welches.
Und während sie sich auf den Weg machen, um den Händler aus dem Schlaf zu reißen zu dieser nachtschlafenen Stunde, ziehen die anderen los:
Mit Bräutigam und Braut.
Sie singen und tanzen im Schein der Fackeln.
Zehn sollten es sein.
Nun sind es nur fünf.
Aber auch so ist es schön.
Die anderen haben den Zug verpasst.
Sie laufen hinterher, aber können ihn nicht mehr einholen.
Sie kommen zu spät.
Und stehen schließlich vor verschlossener Tür.
Die einen sind drin.
Sie bleiben draußen.
Ich kenne euch nicht, sagt der Bräutigam.
*
Was ist es mit diesem Öl?
Wofür steht es?
Was meint Jesus?
Ist es der Heilige Geist?
Sind es die guten Werke
(Wer letzte Woche hier war, erinnert sich vielleicht: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde aufnehmen, Kranke und Gefangene besuchen)?
Oder ist es der Glaube
(Wer die evangelische Lehre kennt, der weiß, dass wir durch Glauben gerecht werden und nicht durch Werke)?
Vielleicht von allem etwas.
Ich denke immer wieder an die Dreiheit von Glaube, Hoffnung und Liebe: die machen unsere christliche Existenz aus.
Sie sind der Brennstoff für unser Leben.
Wenn uns Glaube, Hoffnung und Liebe fehlen, dann stehen wir im Dunkeln.
Dann stehen wir vor verschlossenen Türen.
Dann ist der Tod uns allein Abschied, Trauer, Ende.
Unglücklicher Ausgang des Lebens.
Da gibt es nichts mehr zu glauben, zu hoffen und zu lieben.
Wenn in uns die Fackeln des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe brennen, dann sind wir auf dem Weg zum Happy End, auf dem Weg zum Hochzeitsfest des Herrn.
Es ist finstere Nacht, aber wir machen sie hell.
Wir singen und tanzen mit Jesus und seiner Kirche.
Mit allen Seligen und Heiligen.
Und Türen, die sich einmal geschlossen haben, werden sich wieder öffnen.
Wir werden uns in den Armen liegen.
Und alles ist gut.
Und alles ist Gott.

Totensonntag ist Ewigkeitssonntag.