Sonntag, 15. November 2015

Predigt am 15. November 2015 (Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres)

Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Wenn der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zu seiner Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: ,Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.‘ Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen; ,Herr, wann haben wir dich hungrig und durstig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?‘ Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: ,Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.‘
Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: ,Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen, und ihr habt mich nicht besucht.‘ Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: ,Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?‘ Dann wird er ihnen antworten und sagen: ,Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.‘ Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.“
Matthäus 25, 31-.46

Im Glaubensbekenntnis sprechen wir:
Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.
Jesus, der Menschensohn.
Jesus, der König.
Jesus, der Richter über Lebende und Tote.
Das alles ist er.
Im Himmel gibt es keine Gewaltenteilung.
Ihm ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.
Legislative, Exekutive, Judikative – Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung.
Der Menschensohn sitzt als König auf dem Richterstuhl und hat Macht über ewiges Leben und ewigen Tod:
Kommt her, ihr Gesegneten – in Gottes Reich!
Geht weg, ihr Verfluchten – ins ewige Feuer!
Wir hören das nicht so gerne.
Wir glauben das nicht so gerne:
Dass es dieses Gericht geben wird.
Und dass es zwei Ausgänge hat: Himmel und Hölle.
Warum überhaupt ein Gericht?
Um der Gerechtigkeit willen.
Das hängt zusammen: Gerecht und Gericht.
Ein Gericht ist dazu da, Gerechtigkeit herzustellen.
Wenn es Streit gibt zwischen zwei Parteien, und jede Seite meint, sie hätte Recht, dann gehen sie vor Gericht, und das Gericht stellt fest, was gerecht ist – nach Recht und Gesetz.
Wenn einer was Verbotenes getan hat, dann stellt ein Gericht fest: Stimmt das? Ist er schuldfähig? Wie waren die Umstände? Welcher Paragraf kommt zur Anwendung? Wie ist er zu bestrafen?
Und ja nachdem geht er ins Gefängnis, zahlt eine Geldstrafe oder wird auf Bewährung verurteilt.
Todesstrafe gibt es nicht mehr bei uns.
Oder aber er wird frei gesprochen.
Das ist gerecht. Mehr oder weniger.
Manchmal finden wir Gerichtsurteile zwar ungerecht.
Aber das ist der Einzelfall.
Das Prinzip finden wir schon gerecht.
Kein Übeltäter soll ungestraft davonkommen.
Kein Unschuldiger soll verurteilt werden.
In dieser Welt kommen aber viele Übeltäter ungestraft davon.
Und Unschuldige werden verurteilt.
Die größten Halunken laufen frei herum und freuen sich des Lebens.
Die Kleinen und Schwachen haben zu leiden.
Es war immer so und wird immer so sein:
Dem einen geht es unverdient gut.
Dem anderen geht es unverdient schlecht.
Und häufig ist kein Gericht der Welt dafür zuständig.
Darum hoffen wir auf eine bessere Gerechtigkeit.
Wir hoffen, dass Gott alles sieht.
Und dass er einmal alle Ungerechtigkeiten der Welt überwindet.
Wir hoffen, dass kein Übeltäter davon kommt, ohne wenigstens von Gott zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Und wir hoffen, dass es denen, die hier unverschuldet leiden müssen, im Himmel um so besser gehen wird.
Genau so stellt Jesus uns auch das Weltgericht vor:
Die Gutes getan haben – Hungrige gespeist, Durstige getränkt, Nackte gekleidet, Fremde beherbergt, Kranke und Gefangene besucht –, die kommen ins Himmelreich. Die das Gute unterlassen haben, das sie hätten tun sollen, die kommen ins Höllenfeuer.
Das ist gerecht.
Oder?
Wir denken an die barmherzigen Samariter dieser Welt, an den Heiligen Martin – wir hatten ja gerade erst Martinstag – und an Mutter Teresa und ihre Schwestern, an den Besuchsdienst in vielen Kirchengemeinden, aber auch in Krankenhäusern und Gefängnissen.
Und in diesen Zeiten denken wir vor allem auch an die vielen Helfer, die sich um Flüchtlinge und Zuwanderer kümmern.
Jesus nennt sie Gesegnete meines Vaters.
Und er hat recht.
Wir denken vielleicht auch an die vielen Gleichgültigen und an die, die sagen: Ihr spinnt ja! Wir können uns nicht um die ganze Welt kümmern, und dabei kümmern sie sich nicht mal um ihren kranken Nachbarn.
Wir denken an die, die aus Angst um ihr eigenes bisschen Wohlstand, denen, die weniger haben als sie, das wenige nicht gönnen; die den Schwächsten nicht helfen, sondern sie ihren Hass spüren lassen und im schlimmsten Einzelfall das Dach überm Kopf anzünden.
Jesus nennt sie Verfluchte.
Und hat er nicht recht?
Aber dann denken wir vielleicht auch an uns.
Auf welcher Seite stehe ich?
Bei den Guten?
Weil ich immer allen gerecht geworden bin,
allen geholfen habe, die mich brauchten,
nur Gutes getan habe?
Also komme ich in den Himmel!
Oder bei den Schlechten?
Denn an wie vielen Bettlern bin ich vorbeigegangen,
wie oft habe ich mich lieber in meine vier Wände oder meinen Freundeskreis zurückgezogen, anstatt für Hilfsbedürftige da zu sein?
Wie wenig habe ich gespendet für gute Zwecke, und wie viel hätte ich geben können?
Wahrscheinlich reicht es nicht; dann komme ich in die Hölle!
Wir können uns nicht sicher sein.
In den meisten von uns ist beides:
Der gute, gerechte, mitmenschliche Mensch - der Gesegnete auf dem Weg in den Himmel.
Und der böse, ungerechte, egoistische Mensch – der Verfluchte auf dem Weg in die Hölle.
Wenn ich mich auf meine guten Taten verlassen will, dann kann ich mir nicht sicher sein, ob es am Ende reicht.
Das ist das Martin-Luther-Problem (Wir hatten ja erst Reformationstag): Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Nicht nur einen gerechten Gott, der die guten belohnt und die bösen bestraft, sondern einen gnädigen Gott, der den Unvollkommenen eine Chance gibt?
Es ist seltsam mit uns Menschen:
Wir wünschen uns die ganz große und endgültige Gerechtigkeit – dass kein Übeltäter davonkommt und kein Unschuldiger mehr leiden muss.
Aber wenn wir ganz ehrlich an uns selber denken, dann können wir uns das gar nicht so richtig wünschen, denn irgendwie sind wir ja auch alle kleine Übeltäter – oder auch größere.
Sünder, wie das biblisch heißt.
Und das hat nichts mit Torte oder Schnaps zu tun – und meistens auch nicht mit Sex.
Sünder ist, wer Übles tut: schon einfach dadurch, dass er Gutes, das er tun könnte, unterlässt, und Böses, das er unterlassen könnte, tut.
Und das ist die Martin-Luther-Entdeckung:
Wir sind und bleiben Sünder.
Selbst wenn wir noch so viel Gutes tun.
Selbst wenn wir regelrecht Heilige werden.
Dann sind wir eben Heilige und Sünder zugleich:
heilige Sünder, sündige Heilige.
Und was dann?
Was wird aus uns heiligen Sündern im Gericht?
Die Trennung müsste durch uns selber hindurchgehen – durch unser Herz.
Ein Teil von uns geht in die Hölle.
Ein Teil von uns geht in den Himmel.
Ja, so wird es wohl sein:
Unsere Sünde, unsere Schlechtigkeit, unsere Lieblosigkeit – die hat keinen Platz im Himmel.
Die verträgt sich nicht mit Gott.
Die muss draußen bleiben.
Ja, die muss in der Hölle verbrennen.
Und unsere Heiligkeit, alles, was gut und wertvoll ist in unserem Leben – das kann nicht zur Hölle gehen.
Das kann nicht zerstört werden, in Ewigkeit nicht.
Das wird im Himmel sein.

Und vergessen wir nicht, wer es ist, der die Lebenden und die Toten richtet:
Der Menschensohn, Jesus Christus.
Die Menschlichkeit auf dem Thron Gottes.
Jesus, der gekommen ist, die Sünder zu retten.
Ihm liegt nicht daran, dass wir Menschen zur Hölle gehen.
Auch darum erzählt er so ausführlich vom Weltgericht:
damit wir uns vor Augen führen, was am Ende zählt:
die Menschlichkeit unter uns Menschen.
Wenn wir menschlich miteinander umgehen – Hungernde speisen, Fremde beherbergen, Kranke besuchen usw. – dann werden wir auch menschlich behandelt vom Weltenrichter.
Und umgekehrt: Weil er uns menschlich behandelt, darum können und sollen auch wir menschlich miteinander leben.
Menschlich ist: Leben und leben lassen.
Und das will er: Uns leben lassen.
In dieser Erdenzeit.
Und in der Himmelsewigkeit.