Sonntag, 5. April 2015

Predigt am 5. April 2015 (Ostersonntag)

Als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechend Öle, um hinzugehen und den Leichnam Jesu zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.
Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.“
Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.
Markus 16, 1-8



Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zum Staube.
Wie oft habe ich diese Worte gesprochen!
An offenen Gräbern gestanden mit den Angehörigen.
Wir haben Abschied genommen.
Von vielen, die ich erst kennengelernt habe, nachdem sie gestorben waren – in Gesprächen mit den Hinterblieben.
Von manchen, die ich selber gut kannte.
Von solchen, wo ich sagen konnte: Es ist gut so; dieses Leben war vollendet.
Von anderen, die völlig unerwartet aus dem Leben gerissen wurden, und wo es nicht gut war:
Eine dreißigjährige Mutter von zwei Kindern.
Ein junger Mann von 17 Jahren.
Ein kleiner Mensch, der nur ein paar Monate im Mutterleib gelebt hatte.
Und dann auch der Friedhofsmeister, der drei Jahre lang immer neben mir am Grab gestanden hatte – und jetzt lag er im Grab.
Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zum Staube.
Immer, fast immer war der Abschied am Grab gut.
Wenn einer bestattet ist, unter der Erde, das Grab geschlossen, dann ist der Tod endgültig.
Wir beginnen zu begreifen, dass er nicht zurückkehrt und dass unser Leben weiter geht.
Anders, ohne ihn.
Aber weiter.
Wir gehen zum Trauerkaffee und atmen auf.
Bei Kaffee und Kuchen, Schnittchen und Schnaps kehrt das Leben zurück.
Wie wir mit dem Tod umgehen, dient am Ende dem Leben.
Wir geben dem, was wir nicht fassen können, eine Form:
Im Ritual.
Im Wort.
Im Gebet.
Im Gang zum Grab.
Im Händedruck und der Umarmung.
Mit Grabhügel und Grabstein.
Friedhöfe sagen uns: Unsere Toten sind nicht weg.
Sie haben einen Platz in unserem Ort,
in unserer Gemeinschaft.
Sie haben einen Platz in unserem Herzen.
Aber die Erde auf dem Grab, die Steinplatte darüber und der Grabstein dabei, sie markieren auch die Grenze, die wir nicht mehr überschreiten können:
Dort sind die Toten.
Hier geht das Leben weiter.
*
Damals war vieles anders.
Der Verstorbene musste schnell noch unter die Erde.
Vor Sonnenuntergang.
Vor dem Feiertag.
Keine Zeit für ein großes Begräbnis,
für Worte, Gebete, Rituale oder Trauerkaffee.
Nichts ist begriffen oder verarbeitet.
Das Leben steht noch still.
Geht nicht weiter.
Der Tod ist noch nicht gültig.
Noch nicht endgültig.
Nur der schwere Stein verschließt schon das Grab.
Der Grenzstein zwischen den Lebenden und dem Toten.
Die Frauen – Maria Magdalena, die ihn liebte, und die anderen – wollen nachholen, was fehlt:
Worte, Gebete, Rituale.
Den Toten salben.
Beweinen.
Zu ihm gehen, um ihn loslassen zu können.
Aber offenbar zu spät:
Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?
Der Grenzstein zwischen Lebenden und Toten ist unüberwindlich.
*
An diesem Morgen ist alles anders:
Sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.
Die Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Tod und Leben ist offen.
Durchlässig.
Sie treten ein in die Höhle des Todes,
und finden ihn nicht: den Tod.
Den Toten.
Sie sind entsetzt.
Wenn Tote nicht mehr dort sind, wo wir sie gelassen haben, dann ist das unbegreiflich.
Entsetzlich.
Wie sollen wir Abschied nehmen?
Wohin mit unseren Worten, Gebeten und Ritualen?
Die Höhle des Todes ist nicht leer.
Gott sei Dank!
Da ist einer, der sagt: Entsetzt euch nicht!
Da ist einer, der sagt: Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.
Nicht irgendeinen Toten, sondern IHN.
Da ist einer, der sagt: Er ist auferstanden.
Aufgestanden.
Weggegangen.
Um euch vorauszugehen.
Hier ist er gewesen.
Dort wird er sein.
Hier, wo die Toten sind, ist er gewesen.
Dort, wo ihr lebt, wird er sein.
Geht ihm nach.
Sucht ihn.
Findet ihn.
In Galiläa.
Auf Teneriffa.
Oder auch in Haltern.
Oder in Garissa, Kenia.
Da, wo es schlimm ist.
Da, wo es gut ist.
Da ist einer, der sagt: Entsetzt euch nicht!
Ein Bote Gottes im weißen Gewand.
Ein Engel.
Engel sagen das immer: Entsetzt euch nicht!
oder: Fürchtet euch nicht!
*
Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zum Staube.
Das sage ich – am offenen Grab.
Aber das ist nicht alles.
Ob im weißen oder im schwarzen Gewand:
Fürchtet euch nicht!, sage ich.
Und von Jesus spreche ich, dem Gekreuzigten:
Er ist auferstanden, sage ich.
Und er ist hier.
Gerade hier.
Nicht nur dort, wo die Toten sind.
Da auch.
Aber dort, wo ihr lebt, wird er sein.
Geht ihm nach.
Findet ihn.
Hier auf Teneriffa.
Zuhause in Deutschland.
Begegnet ihm da, wo das Leben weiter geht:
Bei Kaffee und Kuchen, bei Schnittchen und Schnaps. Beim Spielen und Wandern.
Im Urlaub und bei der Arbeit.
In der Trauer und im Glück.
Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zum Staube.
Dann haben wir Blumen ins Grab geworfen und es mit Erde oder Stein verschlossen.
Einen Grenzstein gesetzt zwischen Leben und Tod.
Damit das Leben weiter geht, auch ohne den, der von uns gegangen ist.
Und dass wir trotzdem erinnert werden, dass er noch einen Platz hat: in unserer Gemeinschaft.
In unserem Herzen.
Und bei Gott.
*
Ostern ist alles anders.
Der Grenzstein zwischen Tod und Leben ist weg.
Der Gekreuzigte lebt.
Und er kehrt nicht ins Grab zurück.
Er geht dorthin, wo wir leben.
Dorthin, wo wir sterben.
Dorthin, wo wir ewig sein werden.
*
Fürchtet euch nicht!, sage ich und spreche von Jesus, dem Auferstandenen.
Die Grenze zwischen Tod und Leben ist nicht endgültig.
Er hat den Grenzstein verrückt.
Und die heute im Grabe liegen, werden am Übermorgen mit uns leben.
Und er ist bei uns.
Wir werden ihn sehen.