Sonntag, 19. April 2015

Predigt am 19. April 2015 (Miserikordias Domini)

Jesus sprach: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie. Der Mietling flieht; denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.
Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater.
Und ich lasse mein Leben für die Schafe.
Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.
Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.“
Johannes 10, 11-16. 27-30


Der Herr ist mein Hirte.
Und ich, ich bin sein Schaf.
Schäfchen.
Knuddelwolleweich.
Zwischen Gras, Kräutern und Glücksklee
weidet er mich auf grüner Aue.
Mit all den anderen Schafen.
Schäfchen.
Wolle an Wolle.
Führt mich ans frische Wasser.
Und bringt mich ins Trockene.
Und wenn der Wolf kommt,
der böse Wolf,
dann fürchte ich kein Unglück.
Er ist ja bei mir.
Ich weiß nicht mal, ob es ihn gibt, den bösen Wolf;
so behütet bin ich in meiner Herde.
In Seiner Herde.
In Seinen Händen.
Ich bin sein Schaf.
Schäfchen.
Dummes Schaf.
Herdentier.
Ich laufe mit, wohin alle laufen.
Ich folge der Stimme, der alle folgen.
Und kann nur hoffen, es ist Seine Stimme,
die Stimme meines guten Hirten.
Nicht die Stimme des falschen Hirten,
der mir am Ende das Fell über die Ohren zieht.
Nicht die Stimme des Wolfs,
der nur Kreide gefressen hat.
Der Herr ist mein Hirte.
Und, ja, ich möchte behütet sein.
Aber kein dummes Schaf.
Kein Herdentier.
Kein Mitläufer.
Ich möchte wissen, wer der Wolf ist.
Und wo.
Ich möchte die Stimme meines Herrn hören.
Aber ich möchte sie auch verstehen,
bevor ich ihr folge.
Und sie kennen und heraushören unter den vielen Stimmen.
*
Der Herr ist mein Hirte.
Und Schafe hat er viele.
Große, kleine.
Alte, junge.
Schwarze, weiße.
Streithammel und Unschuldslämmer.
Kuschelig ist es nicht immer in seiner Herde:
so Wolle an Wolle.
Manchmal eher zum Weglaufen.
Irgendwo zurückbleiben.
Am Spitzwegerich schnuppern.
Die Schäfchenwolken am Horizont bestaunen.
Vom Himmel träumen
und sich fragen, ob es da oben auch noch schwarze Schafe gibt.
Oder ob sie vorher schäfchenwolleweiß gewaschen werden.
Aber dann bekomme ich Angst, so allein.
Und rufe, bis er mich hört und findet.
und zurückbringt zu seiner Herde.
Der Herr ist mein Hirte.
Aber nicht mein Hirte allein.
Er hat noch andere Schafe.
Welche, die anders blöken.
Und einen anderen Stallgeruch haben.
Er ist auch ihr Hirte.
Und sie sind meine Verwandten.
Ich möchte das lernen
und verstehen.
Und sie annehmen.
Auch wenn’s schwer fällt.
*
Der Herr ist mein Hirte.
Und ich bin Sein Hirte.
Also nicht, dass ich ihn hüte.
Sondern dass ich in seinem Auftrag hüte.
Sein Unterhirte.
Sein Mitarbeiter.
Pastor.
Das bedeutet ja: Hirte.
Weil Er gesagt hat: Weide meine Schafe.
Zu Petrus hat er das gesagt.
Und ich – als Pastor – bin ein Nachfolger Petri.
Dazu muss man ja nicht erst Papst werden.
Angestellter Unterhirte also.
Ein Mietling.
Ein Lohnarbeiter.
Ja, ich mach’s für Geld.
Ich bin korrupt.
Abhängig von der EKD.
Abhängig von euren Kollekten, Spenden und Beiträgen.
Abhängig von eurem und ihrem Wohlwollen.
Angewiesen, dass sie mich zur sprudelnden Quelle führen,
damit ich meine Schäfchen ins Trockene bringen kann.
Ich weiß nicht, was ich mache, wenn der böse Wolf kommt.
Ich bin kein Kämpfer.
Ich habe Angst.
Vielleicht laufe ich davon.
Ich bin kein guter Hirte.
Was ist mit den verlorenen Schäfchen?
Die den Anschluss zur Herde verloren haben,
die irgendwoanders den Glücksklee suchen?
Ich gehe ihnen nicht immer nach.
Ich suche sie nicht lange.
Bin zu feige, zu faul, zu träge.
Manche hören meine Stimme,
und ich kenne sie,
und sie folgen mir.
Andere hören nicht auf mich.
Vielleicht kenne ich sie gar nicht.
Und sie bleiben fern.
Und ich lasse sie, wo sie sind.
Es sind ja nicht meine Schafe.
Nein, aber es sind Seine Schafe!
Und Er kennt sie.
Und Er lässt sein Leben für sie.
Und Er will ihnen das ewige Leben geben.
Und Er ist mein Hirte.
Der Oberhirte.
Der seinem Unterhirten gesagt hat:
Weide meine Schafe.
Meine Schafe.
Er bezahlt mich nicht mit Geld.
Er bezahlt mich gar nicht.
Er beschenkt mich.
Mit Liebe.
Und mit seinem Wort.
Und darum mache ich seine Worte zu meinen Worten.
Versuche es zumindest.
Möchte seine Stimme durch meine Stimme hindurchklingen lassen.
Möchte seine Liebe mit anderen teilen.
Und dann sind es doch meine Schafe.
Mir anvertraut.
Und sie sind mir nicht mehr gleichgültig.
Für Ihn will ich sie suchen und rufen und hüten und beieinander halten.
Auch wenn ich nicht so ein guter Hirte bin.
Er ist ja der gute Hirte.
Aber ich doch sein Unterhirte.
Sein Mitarbeiter.
Euer Pastor.
*
Der Herr ist mein Hirte.
Und ich bin mehr als nur ein Schaf
(auf der Suche nach Glücksklee).
Auch der beste Hirte hier auf Erden schert seine Schafe, und am Ende zieht er ihnen das Fell über die Ohren und lässt sich den Hammelbraten schmecken.
Dazu sind Schafe da – hier auf Erden:
für Wolle,
für Milch und Käse,
für Lammkoteletts.
Und das ist gut so.
Anders der Himmelshirte,
Jesus, mein Seelenbischof.
Für ihn bin ich mehr als nur ein Schaf
(auf der Suche nach Glücksklee,
das am Ende doch nur ein Glied in der Nahrungskette ist).
Ich bin ein Mensch
(nach Gottes Bild geschaffen).
Ich bin sein Freund.
Und sein Bruder.
Kein Herdentier.
Kein Mitläufer.
Sondern ein Mitarbeiter:
Meines Bruders Hüter.
Der Herr ist mein Hirte.
Und ich bin sein Gast.
Er deckt mir den Tisch.
Er salbt mir das Haupt.
Er füllt mir den Becher.
Und ich bin zu Hause bei ihm.
Für immer und ewig.

Jesus sagt: Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.