Sonntag, 30. November 2014

Predigt am 30. November 2014 (1. Sonntag im Advent)

Als sie nahe an Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: „Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: ,Der Herr bedarf ihrer.‘ Sogleich wird er sie euch überlassen.“ Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: ,Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.‘
Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“
Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: „Wer ist der?“ Die Menge aber sprach: „Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa.“
Matthäus 21, 1-11


Reiten ist äußerst beliebt. Meine Tochter reitet seit vielen Jahren. Und hat ein eigenes Pferd. Ein Pferd, keinen Esel.
Wisst ihr wie viele Pferde es in Deutschland gibt? … -> 1,2 Millionen. Die Zahl der Pferde hat sich in den letzten 40 Jahren vervierfacht. Vor allem, weil so gerne geritten wird. In Spanien gibt es ca. 725.000 (wir leben ja in Spanien – da habe ich die Zahl auch mal recherchiert).
Und wisst ihr wie viele Esel es in Deutschland gibt? … -> 7.000. (Oder vielleicht doch ein paar Millionen?) In Spanien: 75.000. – Also mehr Esel in Spanien als in Deutschland. Aber natürlich immer noch viel weniger als Pferde.
Esel sind eine kleine benachteiligte Minderheit – im Vergleich zu ihren großen Verwandten.
Esel wurden jahrhunderte-, was sage ich, jahrtausendelang als Arbeitstiere gehalten. Sie zogen Wagen, sie trugen Säcke und Waren. Bei unseren Bergwanderungen in Rumänien vor 30 Jahren haben wir manchmal Eselskarawanen gesehen, die auf den schmalen Gebirgspfaden Lebensmittel zu den Bergütten brachten. Mit anderen Transportmitteln kam man dort nicht hin.
Esel sein war nie einfach. Die Arbeit war hart. Heute weiß man: meistens zu hart für die Konstitution eines Esels. Und gegenüber einem stolzen Ross sah der Esel immer grau und ärmlich aus.
Die Zeiten der Esel sind vorbei. Die Zahlen sprechen für sich. Pferde braucht man als Reittiere. Esel braucht man eigentlich gar nicht. Als Arbeitstiere werden sie nicht mehr benötigt und für den Reitsport sind sie ungeeignet.

Reiten war schon immer beliebt. Wenn wir als Kinder mit der Straßenbahn nach Dresden fuhren kamen wir in der Neustadt am Goldenen Reiter vorbei. Ein vergoldetes Reiterstandbild des sächsischen Königs August des Starken. Auch heute noch ein massiges und imposantes Standbild. Könige, Fürsten und andere Herrscher ließen sich immer gerne hoch zu Ross darstellen.
Wahrscheinlich gab es in der ganzen Weltgeschichte nur einen, der sich als König verehren ließ und dabei auf einem Esel ritt. Wir haben gerade von ihm gehört.

Lasst uns von ihm singen:
1. Nun jauchzet all ihr Frommen, zu dieser Gnadenzeit, weil unser Heil ist kommen, der Herr der Herrlichkeit, zwar ohne stolze Pracht, doch mächtig zu verheeren und gänzlich zu zerstören des Teufels Reich und Macht.
2. Er kommt zu uns geritten auf einem Eselein und stellt sich in die Mitten für uns zum Opfer ein. Er bringt kein zeitlich Gut, er will allein erwerben durch seinen Tod und Sterben, was ewig währen tut.

Die Geschichte Jesu ist eine richtige Eselsgeschichte. Schon bevor er geboren wurde, zogen Maria und Josef mit einem Esel von Nazareth nach Bethlehem. Zur Volkszählung. Ihr kennt die Weihnachtsgeschichte. Und die Bilder mit dem Esel. – Nur, dass davon nichts in der Bibel steht. Wir stellen uns das halt so vor.
Und als Jesus geboren war, da blickte er so ziemlich als erstes einem Esel ins Gesicht. Der soll da zusammen mit einem Ochsen im Stall von Bethlehem gestanden haben. – Freilich: auch darüber steht in Wahrheit kein Wort in der Bibel.
Oder doch? – Beim Propheten Jesaja (Jesaja 1,3) heißt es: Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht und mein Volk versteht’s nicht. – Das war natürlich ursprünglich ganz anders gemeint: Als Gleichnis für das Volk Israel – 800 Jahre zuvor. Die Christen meinten dann bei der Geburt im Stall, habe sich dieses Wort erfüllt, und so müssten da Ochse und Esel an der Krippe gestanden haben. – Und so ist es nun bis auf den heutigen Tag bei allen unseren Weihnachtskrippen: Ein Ochse und ein Esel sind immer dabei.
Und ich finde das auch gut so. Sie stehen da zeichenhaft für uns Menschen. Wir sind auch manchmal ziemliche Ochsen oder Esel. Aber wenn wir Weihnachten an der Krippe unseres Herrn stehen, dann sind wir da in guter Gesellschaft. Alles ist gut. Denn Jesus ist gerade auch für Ochsen und Esel wie wir gekommen.

Lasst uns ein paar Strophen von einem Weihnachtslied singen, wo Rind und Esel mit drin vorkommen...
9. Ach Herr, du Schöpfer aller Ding, wie bist du worden so gering, dass du da liegst auf dürrem Gras, davon ein Rind und Esel aß.
10. Und wär die Welt vielmal so weit, von Edelstein und Gold bereit', so wär sie doch dir viel zu klein, zu sein ein enges Wiegelein.
11. Der Sammet und die Seiden dein, das ist grob Heu und Windelein, darauf du König groß und reich herprangst, als wär's das Himmelreich.
12. Das hat also gefallen dir, die Wahrheit anzuzeigen mir, wie aller Welt Macht, Ehr und Gut vor dir nichts gilt, nichts hilft noch tut.

Ja, da haben wir den Bogen zur Geschichte vom Eselsritt nach Jerusalem: Das ganze Leben Jesu sieht alles andere als königlich aus. Es beginnt in der Krippe und endet am Kreuz. Für die einen ist es eine richtige Eselsgeschichte, für die anderen Gottes Geschichte.

Für viele ist die Geschichte Jesu eine richtige Eselsgeschichte.
Bald nachdem Jesus auf dem Esel in Jerusalem eingeritten war, haben die meisten, die ihm da noch zugejubelt hatten, schon geglaubt, dass das Ganze doch eine große Eselei war. Jesus war ein Esel. Weil er provozierte. Er begab sich in die Höhle des Löwen – Jerusalem, wo die Mächtigen saßen, die mächtigen Hohenpriester und die mächtigen Römer. Und da kam er an und sagte mit dem Eselsritt: „Hallo, ich bin der verheißene König, der Messias. Ich habe nur nichts, womit ich das beweisen kann, und keine Bataillone, mit denen ich das durchsetzen kann.“ Das konnte nicht gut gehen. Und es ging ja auch nicht gut. Keine Woche verging, und der König war tot.
Wer auf einem Esel reitend König sein will, ist ein Esel. Wer sich für seinen Glauben kreuzigen lässt, ist ein Esel. So haben viele gedacht.
Unter den Trümmern Roms hat man ein Spottbild gefunden, in die Wand geritzt: Ein Kreuz, daran ein Mann mit Eselskopf, davor ein anderer Mensch, und darunter in ungelenken Buchstaben: „Alexamenos betet seinen Gott an.“ Ein Spottbild aus dem 2. Jahrhundert. So hat jemand den christlichen Glauben wahrgenommen: Ein Gott, der sich kreuzigen lässt – das kann nur ein Esel sein. Und einer, der diesen Gott anbetet – naja...
So oder so ähnlich reden sie heute noch – oder wieder – über Jesus und den christlichen Glauben: Ein Esel, wer sich aufs Kreuz legen lässt. Ein Esel, wer an so einen Gott glaubt.

Wir anderen sagen, was wir auch gesungen haben:
Genau so hat es Gott gefallen: Er zeigt, dass all die Goldenen Reiter, all die Reichen, Schönen und Mächtigen nichts weiter sind als arme Esel, die sich vor dem wahren König in der Krippe und am Kreuz beugen müssen.
Der bekannteste König der Weltgeschichte, der einzig wahre König ist am Ende der, der auf dem Esel geritten kam. Alle anderen sind untergegangen, mehr oder weniger vergessen. Ihre Königreiche sind zerfallen, ihre Imperien untergegangen.
Ihm dienen Millionen und Milliarden von Menschen. Bis heute. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Darum mag man uns für weltfremde Esel halten. Aber da sind wir in guter Gesellschaft.

1. Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir, ja er kommt, der Friedefürst. Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!
2. Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk! Gründe nun dein ewig Reich, Hosianna in der Höh! Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!

3. Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild! Ewig steht dein Friedens­thron, du des ewgen Vaters Kind! Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild!