Sonntag, 16. November 2014

Predigt am 16. November 2014 (Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres)

Der Körper, in dem wir hier auf der Erde leben, gleicht einem Zelt, das eines Tages abgebrochen wird. Doch wir wissen: Wenn das geschieht, wartet auf uns ein Bauwerk, das nicht von Menschenhand errichtet ist, sondern von Gott, ein ewiges Haus im Himmel. In unserem irdischen Zelt seufzen wir, weil wir uns nach der Wohnung sehnen, die aus dem Himmel stammt, und am liebsten würden wir den neuen Körper wie ein Gewand direkt über den alten anziehen. Denn nur dann, wenn wir den neuen Körper angezogen haben, werden wir nicht unbekleidet dastehen. Ja, solange wir noch in unserem irdischen Zelt wohnen, wo so vieles uns bedrückt, seufzen wir voll Sehnsucht, denn wir möchten den jetzigen Körper am liebsten gar nicht erst ablegen müssen, sondern den zukünftigen unmittelbar darüber anziehen. Auf diese Weise würde das, was sterblich ist, sozusagen vom Leben verschlungen. Gott selbst hat uns auf dieses neue Leben vorbereitet, indem er uns seinen Geist als Unterpfand und Anzahlung gegeben hat.
Deshalb kann nichts und niemand uns unsere Zuversicht nehmen. Wir wissen zwar: Solange dieser Körper noch unser Zuhause ist, sind wir fern vom Herrn, denn unser Leben hier auf der Erde ist ein Leben des Glaubens und nicht des Schauens. Und doch sind wir voll Zuversicht, und unser größter Wunsch ist, das Zuhause unseres irdischen Körpers verlassen zu dürfen und für immer daheim zu sein. Daher haben wir auch nur ein Ziel: so zu leben, dass er Freude an uns hat – ganz gleich, ob wir schon bei ihm zu Hause oder noch hier in der Fremde sind. Denn wir alle müssen einmal vor dem Richterstuhl von Christus erscheinen, wo alles offengelegt wird, und dann wird jeder den Lohn für das erhalten, was er während seines Lebens in diesem Körper getan hat, ob es nun gut war oder böse.
2. Korinther 5, 1-10 (NGÜ)


Sommer 1987. Rumänien. Es ist kalt. Es regnet. Und wir haben nur ein Zelt. Ein winziges Zwei-Mann-Zelt. (Zwei-Personen-Zelt müsste es wahrscheinlich heute heißen; ich war ja auch nicht mit einem Mann unterwegs, sondern mit meiner Freundin.) Zwei Isomatten, zwei große Rucksäcke und zwei Menschen müssen darin Platz finden, in diesem Zelt. Und es ist kalt. Es regnet. An den Nähten sickert Wasser ein. Jede Berührung der Zeltwand ist nass. Nur in den Schlafsäcken drin ist es noch einigermaßen warm und trocken. Wir kuscheln uns aneinander. Nur nicht zu sehr bewegen – damit es nicht tropft und die Nässe nicht eindringt bis unter die Haut.
Scheußlich! Aber wir haben es so gewollt. Abenteuerurlaub mit einer Behelfsbehausung.
Und herrlich! Es ist kalt, und es regnet, und wir haben ein Dach über dem Kopf. Wie dünn und unvollkommen auch immer.
Vier Wochen später sitze ich wieder in meiner Studentenbude. Naumburg. Altstadt. 1987. Wenn sie so eine „Wohnung“ an einen Studenten vermieteten, dann nur deshalb, weil kein normaler Mensch mehr dort einzog; auch nicht für 13 Mark Miete. Durch die Fensterritzen pfiff der Wind. Der Putz fiel von den feuchten Wänden. Trotz billiger Braunkohle im Dauerbrandofen hatte ich immer kalte Füße. Und warmes Wasser zum Waschen musste ich mir mit dem Tauchsieder machen; an eine Dusche oder Badewanne war nicht zu denken. (Wissen unsere Kinder eigentlich noch, was ein Tauchsieder ist?)
Scheußlich! Wenn man sich das heute so überlegt.
Und herrlich! Die erste eigene Bude. Nächte mit viel Rotwein, Zigarettenqualm und heißen Diskussionen über Gott und die Welt. Und keiner, den das stört.
Viele Jahre sind vergangen. Wir machen schon lange keinen Urlaub mehr im Zelt. Mit dem Wohnwagen haben wir es noch manchmal versucht. Meistens bevorzugen wir dann doch ein Hotel oder Ferienhaus. Trocken, warm, sicher, teuer.
Und umgezogen sind wir auch oft genug. Immer größer, bequemer und komfortabler sind unsere Wohnungen geworden. Nur kalte Füße habe ich selbst hier auf Teneriffa noch.
*
Liebe Schwestern und Brüder,
für diesen Gottesdienst am Ende des Kirchenjahres habe ich im Gesangbuch die Lieder durchgeblättert zum Thema „Sterben und Ewiges Leben“. Und ich war überrascht, wie wenig es da gibt, was wir mit unserem Lebensgefühl von heute noch gut singen können.
Ich wollt, dass ich daheime wär
und aller Welte Trost entbehr.
Ich mein, daheim im Himmelreich,
da ich Gott schaue ewiglich.
(EG 517)
Wer von uns verspürt denn noch diese Sehnsucht nach dem Himmelreich?
Freu dich sehr, o meine Seele,
und vergiss all Not und Qual,
weil dich nun Christus, der Herre,
ruft aus diesem Jammertal…
(EG 524)
Wer von uns sieht diese unsere Welt denn noch als Jammertal an?
Und dann bin ich auf das Lied gestoßen: Ich bin ein Gast auf Erden.
Ich konnte mich irgendwie nicht entschließen, es als Predigtlied (EG 529) auszuwählen, obwohl es gut passt:
So will ich zwar nun treiben
mein Leben durch die Welt,
doch denk ich nicht zu bleiben
in diesem fremden Zelt.
Ich wandre meine Straße,
die zu der Heimat führt,
da mich ohn alle Maße
mein Vater trösten wird.
Mein Leben in der Welt – ein Zelturlaub. Und danach dann erschöpft und glücklich endlich zu Hause.
Wo ich bisher gesessen,
ist nicht mein rechtes Haus.
Wenn mein Ziel ausgemessen,
so tret ich dann hinaus;
und was ich hier gebrauchet,
das leg ich alles ab,
und wenn ich ausgehauchet.
so scharrt man mich ins Grab.
Mein Lebenshaus – nur eine provisorische Bruchbude. Am Ende muss ich ausziehen. Sie wird abgerissen. Und mir bleibt – nichts.
Ich konnte mich irgendwie nicht entschließen, das als Predigtlied zu singen: … so scharrt man mich ins Grab.
*
Wir wollen das nicht. Und darum singen wir so was auch nicht gerne.
Wir wollen das nicht. Wir hängen an dem, was wir haben. Besser ein wackliges Zelt als gar kein trockenes Plätzchen in dieser Welt. Besser eine runtergekommene Bruchbude als gar kein Dach über dem Kopf.
Wir wollen das nicht. Wir wollen unsere Zelte nicht abbrechen. Wir wollen unsere Häuser nicht verlassen. Wir wollen nicht ins Grab gescharrt werden.
Nein, wir tun alles, um unsere irdische Behausung lange und gut zu erhalten. Die Gesundheit ist für uns geradezu zum höchsten Gut geworden: Hauptsache gesund!
Realistisch ist das nicht. Ein Zelt hält nun mal nicht ewig.
*
Der Apostel Paulus wusste, wovon er schreibt: er war von Beruf Zeltmacher. Er nähte Zelte und Markisen zum Schutz vor Sonne und Regen. Er nähte Militärzelte für die Soldaten im Felde. Und so gut die Zelte auch waren, die er herstellte – er wusste, dass sie nur wenige Jahre halten würden.
Der Apostel Paulus wusste, wovon er schreibt: er war gesundheitlich nicht auf der Höhe. Und er mutete sich allerhand zu auf den weiten Reisen, wo es tagelang über Stock und Stein ging, über Berge und durch Flüsse und wo hinter jeder Wegbiegung Räuber lauern konnten. Er mutete sich gefährliche Schiffsreisen zu. Er mutete sich die fremden Menschen in den Städten zu, die ihm im besten Falle skeptisch begegneten, ihn manches Mal aber anzeigten, verhaften oder auspeitschen ließen oder gleich mit Steinen bewarfen. Er wusste, dass sein Körper das bei seiner schwachen Konstitution nur wenige Jahre durchhalten würde.
Aber er wusste eben auch, dass ein Zelt kein Wohngebäude für immer ist. Und dass der Leib des Menschen nicht für die Ewigkeit bestimmt ist.
*
Wir wissen das auch. Nur es gefällt uns nicht. Weil wir uns nicht vorstellen können, wie ein besseres Gebäude als dieses unser irdisches Lebenshaus aussehen könnte.
Wir wissen, was wir haben. Wir kennen die Häuser, in denen wir zu Hause sind. Wir sind heimisch in dieser Welt. Wir hängen an ihr. Oft genug ist sie kalt und ungemütlich. Ja, grausam und entsetzlich. Wir bekommen kalte Füße und finden es scheußlich! Und dann ist sie doch wieder warm und wunderbar. Wir kuscheln uns aneinander, ohne uns zu sehr zu bewegen, damit die Kälte nicht unter unsere Decke kriecht. Wir trinken Rotwein und diskutieren über Gott und die Welt. Und finden es herrlich.
Das haben wir. Und das werden wir zurücklassen. Das, was scheußlich ist. Das, was herrlich ist.
*
Der Apostel Paulus kannte einen, der wusste zu reden von den Wohnungen im Hause seines Vaters. Einen, dessen irdische Behausung schon abgerissen worden war. Ziemlich brutal sogar. Paulus wusste: Er ist schon dort, wo wir einmal sein sollen, wenn wir hier unsere Zelte abbrechen müssen. Er ist schon dort und hat alles vorbereitet: dort, in der himmlischen Wohnanlage Gottes.
Wir können uns das noch nicht vorstellen. Aber eines ist uns schon versprochen: Mit den Scheußlichkeiten dieser Welt wird es ein Ende haben. Und mit den Herrlichkeiten des Himmels wird es kein Ende haben.
*
Ich konnte mich nicht entschließen, das als Predigtlied zu singen. Wegen dem Verscharren im Grab. Aber es geht ja weiter:
Du aber meine Freude,
du meines Lebens Licht,
du ziehst mich, wenn ich scheide,
hin vor dein Angesicht
ins Haus der ewgen Wonne,
da ich stets freudenvoll
gleich wie die helle Sonne
mit andern leuchten soll.