Sonntag, 23. November 2014

Predigt am 23. November 2014 (Ewigkeitssonntag)



Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann Buße finde. Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden. Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze schmelzen werwden. Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.
2. Petrus 3, 8-13



Blick von unserem Balkon am Morgen des Ewigkeitssonntags: der Conde und der Himmel.

1. Die güldne Sonne / voll Freud und Wonne / bringt unsern Grenzen / mit ihrem Glänzen / ein herzerquickendes liebliches Licht. / Mein Haupt und Glieder, / die lagen darnieder; / aber nun steh ich, / bin munter und fröhlich, / schaue den Himmel mit meinem Gesicht. (EG 449)


Jeden Morgen stehe ich an der Balkonbrüstung. Schaue in den Morgen. Genieße das Morgenlicht. Den Blick auf den Conde, den Blick auf den Atlantik, La Gomera. Den Blick in den Himmel. Manchmal klar und licht und blau. Manchmal wolkenbedeckt, manchmal ganz dunstig, so dass man die Insel da drüben gar nicht mehr sieht. Aber fast immer: Herzerquickendes liebliches Licht.
Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast…
Ich stehe da, munter und fröhlich, und spreche Luthers Morgensegen. Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.
Aufstehen ist wie Auferstehen. Oder umgekehrt: Auferstehen ist wie Aufstehen. Davon singt Paul Gerhardts Morgenlied.


Jeden Morgen sitze ich dort auf dem Balkon am Frühstückstisch, und bei Kaffee und Toast lese ich die Nachrichten und Kommentare, die mir das Internet zusammenstellt. Lebenszeichen von Freunden auf Facebook. Und die Meldungen und Kommentare zum Weltgeschehen.
Weltgeschehen – das heißt fast täglich: Menschen sterben. Prominente - weil sie alt genug sind zum Sterben. Kranke – weil es keine Möglichkeiten gibt, sie zu heilen. Christen, im Irak oder in Nigeria – weil sie Christen sind. Juden, in Jerusalem oder anderswo – weil sie Juden sind. Ukrainer oder Russen – weil sie für ihr Vaterland kämpfen – kämpfen wollen, oder müssen.
Weltgeschehen – das heißt immer: Menschen sterben. Und so lange Menschen sterben, sind Menschen unglücklich. Weil sie sich sorgen um die, die sterben müssen und deren Sterben sie nicht verhindern können. (Manchmal hinauszögern, ein wenig, immerhin.) Weil sie die vermissen, die gestorben sind. Weil sie sich ängsten darum, dass sie selber sterben müssen. Weltgeschehen – das ist im Grunde genommen der Kampf um so viel Leben wie möglich, und am Ende müssen doch alle sterben.
Ich sitze auf dem Balkon und werde auch ein bisschen unglücklich, weil so viel gestorben wird. Schon wieder. Immer noch. Weit weg. Und doch nahe. Unausweichlich.
Ich habe das Gefühl: Ich müsste aufstehen. Etwas tun gegen das viele Sterben. Und kann es doch nicht. Meine Möglichkeiten sind begrenzt. Dem Tod ist nicht beizukommen. So lange weiter Weltgeschehen geschieht.
Und so bleibe ich sitzen. Warte ab. Warte, was dieser Tag bringen mag. Warte, was die Zukunft bringen mag. Warte auf eine neue Welt ohne das tödliche Weltgeschehen.
Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.


2. Mein Auge schauet, / was Gott gebauet / zu seinen Ehren / und uns zu lehren, / wie sein Vermögen sei mächtig und groß, / und wo die Frommen / dann sollen hinkommen, / wann sie mit Frieden / von hinnen geschieden / aus dieser Erden vergänglichem Schoß.


Wenn ich in den Himmel sehe, dann sehe ich luftiges Blau, wolkiges Weiß, regnerisches Grau. Ich sehe alle Schattierungen von Gelb, Orange, Rot und Violett, wenn die Sonne die Wolken bescheint. Licht, Luft, Wasser – daraus ist mein Himmel gemacht.
Paul Gerhardt, der Liederdichter hat den Himmel mit anderen Augen angesehen: als Zelt, als Kuppel, als massives Gebilde über der Erde. „Feste“ hatte Luther das biblische Wort übersetzt; „Firmament“ sagen wir manchmal noch – da steckt auch das Wort „fest“ drin. Darum: Mein Auge schauet, was Gott gebauet: das Himmelsgebäude.
Und in diesem Gebäude, irgendwo oberhalb der sichtbaren Kuppel, da müsste dann der Ort sein, wo die Frommen, dann sollen hinkommen, wann sie mit Frieden von hinnen geschieden.
Ja, früher war es noch einfach sich das vorzustellen, dass wir in den Himmel kommen. Für uns hat sich dieser Himmel in blauen Dunst aufgelöst. Und darum ist es uns so schwerer zu glauben, dass unsere Verstorbenen dorthin kommen, in den Himmel.
Und doch haben wir dieses Wort nicht aufgegeben: den Himmel – Gottes Himmel. Über allen sichtbaren Himmeln. Und über allen gefühlten Himmeln. Selbst noch über dem siebenten.
Wenn ich in den Himmel sehe, dann ahne ich etwas von dem, der Himmel und Erde, Wolken, Luft und Winde, Sonne, Mond und Galaxien gemacht hat. Und dessen Himmel noch weit über allen Himmeln ist, die wir uns vorstellen können, der ewig über allem Weltgeschehen ist und wo nicht gestorben wird.


7. Menschliches Wesen, / was ist’s gewesen? / In einer Stunde / geht es zugrunde, / sobald das Lüftlein des Todes drein bläst. / Alles in allen / muss brechen und fallen, / Himmel und Erden / die müssen das werden, / was sie vor ihrer Erschaffung gewest.


Weltgeschen: Menschen sterben. Der Todeshauch weht.
Alles wird ein Ende haben. Wann auch immer. Wie auch immer. Die Apokalypse.
Alle Szenarien sind schon durchgespielt. Auf der Leinwand zumindest. Atomkrieg. Klimakollaps. Killer-Viren. Asteroideneinschlag. Alien-Invasion.
Alle Szenarien sind schon durchgespielt. Auch schon auf den Seiten der Heiligen Schrift:
Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.
Die Apokalpyse. Da ist das Weltgeschehen am Ende. Die Weltgeschichte endet im Weltgerichte.
Es wird nicht mehr gestorben. Weil alle tot sind.


8. Alles vergehet, / Gott aber stehet / ohn alles Wanken; / seine Gedanken, / sein Wort und Wille hat ewigen Grund. / Sein Heil und Gnaden, / die nehmen nicht Schaden, / heilen im Herzen / die tödlichen Schmerzen, / halten uns zeitlich und ewig gesund.


Das Ende der Geschichte: Alles vergehet. Der Tod hat das letzte Wort.
Nein, hat er nicht. Nur das vorletzte. Wenn alles vergeht, dann auch der Tod, auch das Sterben. Der Tod ist tot.
Und der lebendige Gott steht. Besteht. Übersteht das Ende der Geschichte. Denn er steht über der Geschichte. Ewig. Ohne alles Wanken.
Und wir mit ihm. Wenn der Tod tot ist, dann lebt alles, was gestorben ist. Mit Gott, aus Gott, in Gott. Zeitlich und ewig.


Liebe Schwestern und Brüder,
jeden Morgen stehe ich an der Balkonbrüstung. Schaue in den Morgen. Genieße das Morgenlicht. Den Blick in den Himmel.
Manchmal denke ich: Wenn dieser Himmel mit seinem luftigen Blau und wolkigen Weiß schon so wunderbar ist – wie mag dann erst Gottes Himmel sein!
Wenn die Berge und das Meer und die Insel da drüben so wunderschön sind im Licht eines ganz normalen Morgens – wie mag dann erst der Morgen sein, wenn ich aus dem Tod aufstehe.
Auferstehen ist wie aufstehen. Ich lebe. Und der Tod ist tot.
Ich sitze auf dem Balkon und fühle mich ein bisschen glücklich. Weil ich darauf hoffe und warte, dass das so sein wird: Der Tod ist tot, und es wird nicht mehr gestorben wird.
Wir warten auf eine neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.
Oder mit den Worten von Paul Gerhardt:
12. Kreuz und Elende, / das nimmt ein Ende; / nach Meeresbrausen / und Windessausen / leuchtet der Sonnen gewünschtes Gesicht. / Freude die Fülle / und selige Stille / wird mich erwarten / im himmlischen Garten; / dahin sind meine Gedanken gericht’.