Sonntag, 22. Juni 2014

Predigt am 22. Juni 2014 (1. Sonntag nach Trinitatis)

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft. Und diese Worte, dich dich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.
5. Mose 6, 4-9


Liebe Schwestern und Brüder,
Gebt einander die Ringe als Zeichen eurer Liebe und Treue.
Wie letzten Sonntag das Wort vom Küssen so steht auch diese Woche ein Satz aus der Trauung am Beginn der Predigt:
Gebt einander die Ringe als Zeichen eurer Liebe und Treue.
Weil es auch diese Woche um die Liebe geht.
Weil es immer um die Liebe geht.
Weil es um Gott geht, der die Liebe ist.
Und weil es um uns geht, die wir von der Liebe leben.
Wie der Kuss ein Zeichen der Liebe ist, so ist auch der Ring ein Zeichen der Liebe.
Nur: weniger flüchtig als ein Kuss.
Gebt einander die Ringe als Zeichen eurer Liebe und Treue.
Und sie stecken einander die Ringe an den Finger.
Und da sollen sie bleiben.
Denn die Liebe soll bleiben:
so lange wir leben,
in guten und in bösen Tagen,
bis der Tod uns scheidet.
Ja, mit Gottes Hilfe.
So haben sie es einander gerade versprochen.
So haben sie sich zueinander bekannt.
Und die Ringe sind sichtbare Zeichen,
Merkzeichen, dass dieses Bekenntnis gilt.
Natürlich ginge es auch ohne.
Ohne Ringe, ohne Trauung, ohne sichtbare Zeichen.
Denn die Liebe kommt ja nicht vom Ring.
Sie kommt vom Herzen, aus dem innersten Inneren.
Wir wollen einander lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all unsrer Kraft.
Aber wie gut ist es doch, wenn es dafür äußere Zeichen gibt. Zeichen, an denen wir die Liebe erkennen. Zeichen, die nicht flüchtig sind: wie etwa ein Kuss.
Es gibt Tage, habe ich letzte Woche erwähnt, an denen ich meine Frau nicht küsse. Aber deswegen lege ich noch lange nicht meinen Ring ab. Er bleibt.
Denn ich will sie lieben und ehren – nicht nur in guten Tagen, auch in weniger guten.
Ich will ihr treu sein. Nicht nur, wenn es leicht fällt, sondern auch wenn nicht alles stimmt. Auch wenn andere mir gefallen, mich faszinieren, mich verlocken.
Da ist der Ring; ich nehme ihn nicht ab. Er sagt mir und allen anderen: Ich bin der Einen treu.
Eine ganze Zeit lang konnte ich meinen Ring nicht tragen. Er war kaputtgegangen. Letztes Jahr in Deutschland habe ich ihn zum Juwelier meines Vertrauens gebracht. Die Reparatur war teurer als ein neuer Ring. Aber es sollte der gute alte bleiben: den mir Andrea damals angesteckt hat, in der ihr Name eingraviert ist und der Tag unserer Trauung.
„Willst du ihn gleich anstecken?“, fragte mich der Juwelier, als ich den Ring wieder abholte. – „Ja, natürlich.“
Seitdem trage ich ihn wieder:
In guten und in bösen Tagen – bis der Tod uns scheidet.
*
Vor Jahrtausenden hat Gott einen Ehebund geschlossen: mit seinem Volk Israel.
Einen Bund der Liebe und der Treue.
Einen unauflöslichen Bund.
Gott liebt sein Volk: von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller seiner Kraft.
Und er wünscht sich von seinem Volk, dass es ihn ebenso liebt: von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller seiner Kraft.
Und damit Israel das nie vergisst, hat Gott ihm Merkzeichen seines Bundes gegeben:
Seine Gebote.
Wenn Juden bis heute die Gebote Gottes so penibel genau nehmen, dann hat das mit ihrer Liebe und Treue zu Gott zu tun. Sie fragen nicht danach, wie sinnvoll jedes einzelne dieser Gebote ist; sie sind einfach Zeichen der Liebe.
Die Beschneidung.
Wenn Juden ihre kleinen Jungs am achten Tag beschneiden, dann hat das mit ihrer Liebe und Treue zu Gott zu tun. Die Beschneidung ist Zeichen des Liebesbundes mit Gott – schon seit Abrahams Zeiten.
Diese Worte selber:
Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.
Das Bekenntnis der Juden zu ihrem Gott – bis heute: Sch’ma Jisrael, adonaj elohenu, adonaj echad.
Sie sprechen es täglich, so wie viele von uns das Vaterunser. Damit sie es immer im Herzen haben.
Sie geben es weiter an ihre Kinder, von Generation zu Generation, seit Jahrtausenden.
Und sie binden es sich mit ihren Gebetsriemen in kleinen Kapseln auf die Hand und auf die Stirn, so wie es hier gesagt ist. Wahrscheinlich habt ihr das auch schon gesehen auf Bildern von frommen Juden.
Und sie schreiben es auf die Pfosten ihres Hauses; dort in Israel oder wo auch immer sie leben in dieser Welt.
Das sind Merkzeichen für die Liebe Gottes zu seinem auserwählten Volk.
Angefeindet und ausgelacht wurden sie – und werden sie – für diese Zeichen:
Muss man es so genau nehmen mit alten religiösen Vorschriften?
Muss man Kinder verletzen in einem archaischen Ritus?
Braucht man genau diese Worte, um den Glauben an Gott zu bekennen?
Nein, man muss nicht.
Man muss auch keinen Ehering tragen, wenn man verheiratet ist.
Man muss auch nicht heiraten, wenn man sich liebt.
Aber es ist gut, der Liebe eine verbindliche Gestalt zu geben. Und verbindliche Zeichen.
Angefeindet und ausgelacht wurden sie – und werden sie.
Gehasst, verfolgt, boykottiert und getötet wurden sie – und werden sie.
Natürlich nicht für diese Zeichen, sondern dafür, wofür sie stehen: Fürr den unauflöslichen Liebesbund mit Gott.
Dafür, dass sie daran festhalten, Gottes auserwähltes Volk zu sein.
Es ist inzwischen über zwei Jahrzehnte her, dass ich in Israel war. Damals, vor Beginn der ersten Intifada, waren die Verhältnisse, verglichen mit heute, noch geradezu friedlich. Wir fuhren mit unserem jüdischen Begleiter nach Bethlehem, um die Geburtskirche zu sehen und palästinensische Christen zu treffen. Dort in Bethlehem nahm er plötzlich seine Kippa ab und ließ sie in der Tasche verschwinden. Er fürchtete sich, als Jude erkannt zu werden. Das hat mich damals tief beeindruckt und erschüttert. Was damals in Bethlehem war, kann heute schon in Berlin passieren: dass du als Jude angegriffen und zusammengeschlagen wirst, wenn du die Kippa trägst. Und dann versteckst du lieber dieses Zeichen, das dich als frommen Juden erkennbar macht…
Ich denke an die drei Jungs – Eyal, Gilad und Naftali –, die vorletzte Woche entführt wurden – einfach weil sie Juden sind, erkennbar auch an ihrer Kippa. Und ich denke daran, wie begrenzt das Verständnis und das Mitleid in unseren Medien ist: Talmudschüler, Siedler, unterwegs im Westjordanland – im Grunde genommen sind sie selber schuld; fast so klingt es. Drei Jungs, die dabei sind, die Worte Gottes zu Herzen zu nehmen, die unterwegs waren in einem Land, das seit Jahrtausenden Judäa heißt, weil es das Land der Juden war, gekidnappt von denen, die dieses Land für sich allein beanspruchen, die es judenrein haben wollen.
Die Liebesgeschichte Gottes mit seinem Volk war und ist auch eine Leidensgeschichte. Aber Gottes Volk lebt und es trägt die Zeichen der Liebe Gottes weiter von Generation zu Generation. Wahrscheinlich ist das das größte Wunder der Weltgeschichte und der einzig wahre Gottesbeweis.
*
Liebe Schwestern und Brüder,
vor rund zwei Jahrtausenden hat Gott einen neuen Bund geschlossen: Einen Bund der Liebe und der Treue mit den Menschen, die nicht von Geburt zu seinem Volk gehören.
Gott liebt auch uns von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller seiner Kraft. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzig-einen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.
Und er wünscht sich von uns, dass wir ihn genau so lieben: von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller unsrer Kraft.
Und damit wir das nicht vergessen, hat Gott auch uns Merkzeichen seines Bundes gegeben:
Die Taufe und das Abendmahl.
Wenn wir Menschen taufen, dann nehmen wir sie hinein in den Liebesbund Gottes mit den Menschen. Sichtbar. spürbar. Nachweisbar: denn wir tun es unter Zeugen und beurkunden es (wie bei der Trauung).
Wenn wir miteinander an den Tisch des Herrn treten, dann feiern wir den Liebesbund Gottes mit uns Menschen. Sichtbar. Spürbar. Dankbar.
Je länger, je mehr bedauere ich, dass wir das Mahl des Herrn nicht in jedem Gottesdienst feiern, so wie unsere katholischen Schwestern und Brüder.
Gottes Worte, die er uns durch Jesus Christus sagt.
Die lesen wir in jedem Gottesdienst. Sie sollen uns vertraut werden – auch durch stetige Wiederholung. Wie Evangelium, Wochenspruch und Psalm, die sich Jahr für Jahr wiederholen.
Und wir predigen Gottes Worte in jedem Gottesdienst. Sie sollen uns zu Herzen gehen.
Und wir nehmen sie mit in unseren Alltag. Wir sollen sie leben und weitersagen.
An alten Häusern finden wir manchmal noch Bibelworte angeschrieben.
In unseren Häusern hängt vielleicht aus Großmutters Zeiten ein gesticktes Bibelwort, das wir nie vergessen werden. Oder aus neueren Zeiten ein Poster, ein Kalender, eine Karte mit einem Bibelwort.
Wie viele Bibelworte habe ich eigentlich von solchen Karten, Postern und Kalendern gelernt?
Und als drittes Merkzeichen: das Kreuz Jesu.
Am Kreuz zeigt Gott der Welt, wie sehr er uns liebt.
Im Kreuz haben Taufe und Abendmahl ihren tiefsten Grund.
Im Kreuz haben die Worte Gottes ihren Mittelpunkt.
Hinterfragt und vergessen werden sie heute oft genug, diese Merkzeichen des Glaubens:
Liebt Gott etwa nur die Menschen, die getauft sind und zum Abendmahl gehen?
Kann man die alten Worte der Bibel wirklich noch verstehen und erstnehmen?
Ist das Kreuz als Zeichen der Liebe Gottes nicht überbewertet? Will Gott nicht das Leben?
Ja, man kann alles hinterfragen. Und in der Tat liebt Gott uns trotz alledem.
Ja, man kann alles vergessen. Und Gott wird uns dennoch nicht vergessen.
Aber ich glaube, Gott tut es weh, wenn er keine Zeichen unserer Gottesliebe mehr an uns sieht.
Und ich glaube, es tut auch unserem Verhältnis zu Gott selber nicht gut, wenn es keine sichtbaren Zeichen seiner Liebe mehr in unserem Leben gibt.
So wie ich weiterhin meinen Ehering trage, so wie ich weiterhin meine Frau küsse, so will ich auch weiterhin erkennbar als Christ leben.
Gewiss ist das für mich als Berufschrist ein bisschen einfacher.
Aber auch ihr könnt euch Merkzeichen des Glaubens setzen und bewahren:
Wenn ihr mit uns Gottesdienst feiert.
Wenn ihr Worte der Bibel lest oder sichtbar in euren Häusern habt.
Vielleicht auch ein Andachtsbild oder ein Kruzifix.
Wenn ihr betet. Zum Beispiel das Vaterunser.
Wenn ihr mit euren Kindern und Enkeln von eurem Glauben sprecht.
Wenn ihr auch vor Freunden, Nachbarn und Kollegen zu eurem Glauben steht.
Und wenn ihr eurem Mitmenschen mit Liebe und Achtung begegnet – so wie Gott euch geliebt hat.
Auf jeden Fall sollt ihr das nie vergessen: Dass ihr mit Gott verbunden seid durch das unauflösliche Band seiner Liebe.