Sonntag, 15. Juni 2014

Predigt am 15. Juni 2014 (Trinitatis – Tag der Heiligen Dreifaltigkeit)

Liebe Schwestern und Brüder, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, seid eines Sinnes, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt einander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
2. Korinther 13, 11-13


Liebe Schwestern und Brüder,
Ihr dürft euch jetzt küssen.
Wenn Braut und Bräutigam einander das Ja-Wort gegeben haben, wenn sie einander die Ringe angesteckt haben als Zeichen der Liebe und Treue und wenn ich die Verbindlichkeit der Ehe bestätigt habe mit den Worten des Herrn: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden, dann ist der Moment gekommen, wo die beiden sich küssen sollen, wollen und dürfen. Für manche der Höhepunkt der Trauzeremonie. Ihr dürft euch jetzt küssen. – Im Grunde genommen, denke ich manchmal: Das ist doch Quatsch. Sie haben sich doch schon vorher geküsst, von anderem ganz zu schweigen. Ja, auch die Zeiten, wo die Verlobung mit dem ersten Kuss vollzogen wurde bzw. umgekehrt: der erste Kuss schon die Verlobung bedeutete, diese Zeiten sind lange vorbei. Es wird munter geküsst – nicht erst vor dem Traualtar, sondern auch vor, während und neben der Ehe. – Und trotzdem: Der Kuss bei der Trauung soll sein, denn er ist Ausdruck der Liebe und der engen Gemeinschaft der beiden, die wir da vermählen. Wir zwingen sie nicht dazu; wir erlauben es und wir segnen es: Ihr dürft euch jetzt küssen.
In der Kirche wird sonst aber üblicherweise nicht geküsst. Schade eigentlich!
Der Apostel Paulus hat der Kirchengemeinde von Korinth im Grunde genommen genau dasselbe geschrieben: Ihr dürft euch jetzt küssen. – Ich stelle mir vor, wie der Brief im Gottesdienst verlesen worden ist, und am Ende hört die Gemeinde: Ihr dürft euch jetzt küssen. Bzw.: Grüßt einander mit dem heiligen Kuss. – Und dann beginnt die Knutscherei in der Kirche…
Daraus ist ein gottesdienstlicher Brauch entstanden, den wir bis heute praktizieren. Nun ja: Wir küssen uns nicht wirklich … leider! Wir haben den Kuss ein bisschen vergeistigt. Statt Ihr dürft euch jetzt küssen oder Grüßt einander mit dem Heiligen Kuss, sagen wir: Gebt einander ein Zeichen des Friedens. – Ja, richtig: unser Friedensgruß im Gottesdienst ist aus dem alten biblischen Brauch des heiligen Kusses entstanden. – Und ein Zeichen des Friedens – das muss ja nicht unbedingt nur ein Händedruck sein; eine Umarmung geht auch – oder vielleicht doch sogar ein besito – ein heiliges Küsschen.
Was ist eigentlich so toll am Küssen? – Nun, bei den richtig intensiven erotischen Küssen ist es letztlich die sexuelle Erregung. Aber das ist vielleicht nicht das Thema beim Heiligen Kuss des Paulus oder beim Friedensgruß in der Gemeinde. – Wahrscheinlich war die erotische Komponente beim Küssen auch ein Grund, weshalb das Küssen in der Kirche bald außer Gebrauch gekommen ist. – Nein, es küssen sich ja auch Eltern und Kinder, Omas und Enkel, Freundinnen, Bekannte und kommunistische Parteichefs; das ist alles eher nicht erotisch. Aber es ist ein sichtbarer, spürbarer Ausdruck von Nähe. Körperliche Nähe drückt emotionale Nähe aus. Normalerweise. – Und dass das normalerweise so ist, macht dann einen Judaskuss eben besonders schlimm: Da begeht einer unter dem Ausdruck größter Nähe Verrat. Ein Kuss kann auch eine Lüge sein.
Ob und wie ich einen Menschen küsse, drückt letztlich aus – mit vielen kulturellen Unterschieden, versteht sich –, wie nahe ich ihm stehe, wie unser Verhältnis ist: Wen ich küsse, dem stehe ich grundsätzlich nahe.
Das kann natürlich schwanken. Selbst in unserer Ehe gibt es Tage, wo wir uns nicht küssen. Da sind wir wegen irgendwas sauer aufeinander, haben uns gestritten, es gibt Differenzen; wir fühlen uns einander nicht so nahe, dass wir uns küssen müssten. Aber umgekehrt gibt es auch Tage, wo wir so harmonisch gestimmt sind, uns einander so nahe und verbunden fühlen, dass wir gar nicht anders können, als uns zu küssen. Und zwischen einem Nichtkusstag und einem Kusstag steht meistens so etwas wie eine Versöhnung: Jetzt ist alles in Ordnung; jetzt können wir uns wieder küssen. Ein Kuss wird zum Zeichen des Friedens und der Versöhnung.
Die Kirchengemeinde von Korinth war bekannt dafür, dass es dort immer wieder Streit und Differenzen gab. Ja, wenn man die Briefe des Apostels Paulus an die Korinther liest, gab es nirgends in den jungen christlichen Gemeinden so viel Ärger, so viel Streit, so viel Rechthaberei und Grüppchenbildung wie in Korinth. – Wenn Paulus nun am Ende seines Briefes schreibt: Ihr dürft euch jetzt küssen, dann steht dahinter natürlich der große Wunsch, sie mögen sich versöhnen, den Streit beilegen, aufeinanderzugehen – und, ja, sich umarmen und küssen. Nicht weniger wünscht er sich: die große Versöhnung, den heiligen Kuss:
Freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, seid eines Sinnes, haltet Frieden!
Und dann dürft ihr euch auch küssen.
Und was macht diesen Kuss zu einem heiligen Kuss? – Dass Gott dahintersteht. Gott möchte es, dass wir uns so nahe sind, dass wir uns küssen können. Er ist der Gott der Liebe und des Friedens. Darum geben wir einander ein Zeichen des Friedens und der brüderlichen Liebe.
Gott steht immer dahinter, wenn Menschen aufeinanderzugehen, sich nahekommen, sich versöhnen, Frieden schließen, einander in Liebe begegnen. Darum sind die Küsse der Liebe und des Friedens heilige Küsse.
Gott steht dahinter – das heißt: Er steht nicht nur dabei, wie der Pfarrer bei der Trauung – ich kann da ja nicht mitküssen –, sondern er sucht selber unsere Nähe, unsere Liebe, unseren Frieden. Gott kommt uns Menschen so nahe, dass wir uns von ihm geküsst fühlen dürfen.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! – Ihr kennt das. Ich sage es oft als Gruß vor der Predigt. Weil die Predigt eine der Möglichkeiten Gottes ist, um uns Menschen nahe zu kommen. Vielleicht, hoffentlich, berührt euch hin und wieder das Wort der Predigt. – Dann dürft ihr euch geküsst fühlen. Nicht von mir, sondern von Gott.
Geküsst von dem dreieinigen Gott, der in seiner Gnade als Mensch zu den Menschen geht und ihnen so nahe kommt, dass sie ihn körperlich berühren können. Mit echten Küssen der Verehrung – so wie jene Frau, die ihn gesalbt hat. Oder auch mit falschen Küssen des Verrats – so wie Judas. Sogar dass erträgt er, und das ist Gnade.
Geküsst von dem dreieinigen Gott, der uns in Liebe erträgt und unsere Welt bewahrt, in der wir doch oft so weit entfernt sind von Gottes Liebe. Aber er kündigt uns seine Liebe nicht auf.
Geküsst von dem dreieinigen Gott, der Gemeinschaft entstehen lässt, der unsere Herzen erhebt und beflügelt, der unser Denken und Fühlen in Richtung auf Gott hin bewegt und in Richtung auf unsere Menschenschwestern und -brüder.
Dreifach geküsst von dem dreieinigen Gott.
Heute am Tag der heiligen Dreifaltigkeit denken wir daran, dass es mit Gott nicht immer so einfach ist: er begegnet uns dreifach, dreifaltig, dreieinig. Es ist wohl deshalb nicht so einfach mit Gott, weil es mit der Liebe und dem Frieden nicht so einfach ist.
Zur Liebe braucht es mindestens zwei. Da gibt es Gemeinsamkeiten und Differenzen. Aufeinanderzu und Voneinanderweg. Einheit und Verschiedenheit. Nicht Einfachheit oder Einfältigkeit. Genau so wie es zum Küssen immer zwei braucht.
Ja, und dann muss es noch irgendwas geben, was die zwei zueinander zieht, miteinander verbindet. Eine Idee, eine Sehnsucht, ein Gefühl, das in beiden ist – ein gemeinsamer Geist. Daraus wird Liebe und Frieden.
So ungefähr können wir etwas vom Geheimnis der Dreieinigkeit erahnen. Gott ist Liebe. Ein einfältiger Gott wäre sich selbst genug. Der dreifaltige Gott ist Liebe. Und diese Liebe ist groß genug für uns, für seine Geschöpfe.
Gott berührt uns mit seinem heiligen Kuss. Er wirkt Frieden, Versöhnung und Gemeinschaft mit uns und unter uns. Und so geben wir einander Zeichen des Friedens, der Versöhnung und der Gemeinschaft. – Ob wir uns nun wirklich küssen, oder ob wir uns die Hand reichen und sagen: „Schön, dass du da bist, du geliebtes Gotteskind! Friede sei mit dir!“