Sonntag, 18. März 2012

Predigt am 18. März 2012 (Lätare)


Ich lasse euch aber wissen, liebe Brüder: Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten. Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen offenbar geworden, und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind um so kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu. Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut's aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.
Philipper 1, 12-21

Liebe Schwestern und Brüder,

für mich ist heute ein Freudentag. Für viele andere auch. Heute wird Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Ich freue mich nicht so sehr deswegen, weil Gauck ein Mann aus dem Osten ist oder weil er ein Pfarrer ist. An guten Leuten aus dem Osten mangelt es auch so nicht. Und andererseits würde ich nicht jeden Pfarrer, der sich in der Wendezeit als Bürgerrechtler profiliert hat, heute gerne als Bundespräsidenten sehen. – Aber Joachim Gauck, sehr wohl. Weil er ein großes Thema hat: die Freiheit. Freiheit in Verantwortung. Das ist auch für mich ein ganz großes Thema. Und mehr noch: weil für ihn die Freiheit im Grunde aus dem Glauben kommt. Seine Freiheit ist die Freiheit eines Christenmenschen.

So hoch er die politische Freiheit und die konkreten Freiheiten, die wir in einem demokratischen Rechtsstaat haben, schätzt, die eigentliche Freiheit, die innere Freiheit, die hatte er schon unter den schwierigen Bedingungen in der DDR: Die Freiheit, nicht mitmachen zu müssen, was von allen erwartet wurde. Die Freiheit, sich eine eigene Meinung zu bilden und sie zu vertreten. Die Freiheit, zu glauben, was ihm glaubwürdig war, und nicht, was uns an kommunistischen Glaubenssätzen eingetrichtert wurde. Und genau diese Freiheit, die hat Gauck in der christlichen Kirche und in der biblischen Botschaft gefunden.

Nein, er wollte ursprünglich sicher nicht Pfarrer werden, lieber Journalist. Aber das ging nicht. Er studierte Theologie, die wohl letzte Möglichkeit freier akademischer Bildung im sozialistischen Zwangssystem. Und selbst die noch mit dem Zwang zum Grundstudium des Marxismus-Leninismus – jedenfalls an der staatlichen Universität, wo Gauck studierte. – Obwohl es nicht der Weg war, zu dem er sich unbedingt berufen fühlte, ist er doch kein ungläubiger Pfarrer geworden. Im Gegenteil: Wenn man in seiner Autobiographie liest, dann erfährt man, wie er seiner Berufung nach und nach gewiss wurde, indem er Glauben lernte und im Glauben die Wahrheit fand, die frei macht.

Es war eine Wahrheit, die sich nicht von selbst verstand, die durchlebt und durchzweifelt werden musste, und dann doch da war als die tiefe Gewissheit: Ja, ich bin getragen, was immer auch geschieht.

Ich habe vieles anders erlebt als Joachim Gauck, aber das habe ich auch erlebt: Der christliche Glaube, die Rückbindung an Gott, den Grund meines Lebens, die Menschen in den kirchlichen Räumen, sie haben mich die Freiheit gelehrt. In unseren Jugendkreisen haben wir geredet und gefragt, diskutiert und gezweifelt, und wir waren darin frei. Wir haben uns entschieden für einen Weg, der nicht angepasst war, und der am Ende doch aus vielen Kompromissen bestand. Ich habe mit vielen anderen die Schikanen auf mich genommen, die man als Wehrdienstverweigerer bei den Bausoldaten erleben musste, und doch habe ich selten so viel geistige Freiheit erlebt, wie in der Gemeinschaft dieser ganz unterschiedlichen kritischen jungen Männer.

Auch ich habe Theologie studiert und habe es an der Kirchlichen Hochschule nachgerade als Erweckungserlebnis erfahren, wie freies, kritisches Denken aussehen kann. Z.B. als unser Philosophie-Lehrer Richard Schröder, dann auch einer der wichtigen Politiker von 89/90, mit uns die marxistischen Lehrsätze demontiert hat und uns richtige Philosophie gezeigt hat.

Nein, es ist kein Zufall, dass die Freiheitsbewegung von 1989 aus den Kirchen kam. Es war nicht nur der schützende Raum der letzten unabhängigen Großorganisation in der DDR; es war vor allem das, was diesen Raum ausmachte: Es war ja ein Raum der Begegnung, des Vertrauens, der Freiheit – inmitten einer uniformierten Gesellschaft, die vom Misstrauen gezeichnet war. Hier wuchs die innere Freiheit, die nach außen drängte. Denn die Freiheit des Geistes, die ihren Grund in Gott hat, sie machte die Freiheitsbewegung, das Eintreten für die äußere Freiheit erst möglich.

Es ist paradox: Wo wir geneigt sind zu denken, wir brauchten erst die äußere Religions- und Glaubensfreiheit, um dann frei glauben zu können, da zeigt sich: Die innere Freiheit des Glaubens ist auch schon da, wo Zwang und Unfreiheit ist, und erkämpft für sich und andere dann auch die Freiheit, in der wir ungezwungen glauben und leben können.

Es ist die Erfahrung, die die christliche Kirche immer wieder gemacht hat: Fast 300 Jahre Unterdrückung und Verfolgung haben die innere Freiheit der Christen nicht ausgelöscht, sondern haben das Christentum zur stärksten und einflussreichsten Religion im Römischen Reich werden lassen, die schließlich nicht mehr ignoriert werden konnte. Sie wurde schließlich von Kaiser Konstantin den anderen Religionen gleichgestellt und bald sogar bevorzugt. – Man kann die Konstantinische Wende im Nachhinien beurteilen wie man will: Für die Christen war das eine unglaubliche Befreiungserfahrung.

Drohungen, Zwang, Unterdrückung und Religionskriege haben die evangelische Wahrheit in der Reformationszeit und danach nicht zum Verstummen gebracht. Heute können wir in großer Freiheit evangelisch glauben und bekennen, auch in einst katholischen Landen. Für evangelische wie katholische Christen ist Religionsfreiheit zur Selbstverständlichkeit geworden.

Die Freiheit des Glaubens trotz Zwang, die Freiheit des Glaubens, die nach außen drängt, die sich nicht aufhalten lässt – darüber schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper.

Es ist ein Gefängnisbrief. Gefängnis heißt eigentlich Freiheitsentzug. Paulus, sonst immer unterwegs, immer aktiv in Sachen Glauben und christliche Freiheit, kann nicht, wie er will, sitzt fest. Muss zusehen, wie es ohne ihn läuft. Wie wir seinen Worten entnehmen können, muss er sogar mit dem Schlimmsten rechnen – der Todesstrafe. Aber Paulus schreib: Ich freue mich. Und selbst durch seinen Tod, werde ja noch Christus verherrlicht, und für ihn, dessen Leben, dessen Lebensinhalt Christus ist, ist auch Sterben letztlich noch Gewinn.

Ich freue mich, und ich werde mich auch weiterhin freuen. – Der ganze Philipperbrief ist ein Brief der Freude. Nirgendwo sonst kommt die Wörter freuen und Freude häufiger vor in der Bibel als hier. Diese Freude hat mit der Freiheit zu tun, mit der inneren Freiheit, der keine Ketten, kein Gefängnis, keine Mauer etwas anhaben kann.

Während Paulus im Knast sitzt, läuft draußen Gottes Wort weiter. Paulus kann nicht mehr öffentlich reden und wirken. Dafür tun es andere. Nicht immer aus lauteren Motiven, aber egal, so lange sie das Evangelium von Christus, das Evangelium von der Freiheit verkündigen, ist alles gut.

Und drinnen im Knast, da läuft es auch. Da macht Paulus selber Eindruck durch seine innere Freiheit, die er ausstrahlt. Alle wissen, warum er da ist: für Christus, für das Evangelium. Wer unter dem Wachpersonal vorher noch keine Ahnung hatte, was es damit auf sich hat, der weiß es inzwischen.

Man wollte Gottes Wort in Gestalt des Apostels einsperren, und nun läuft es noch viel besser als zuvor.
Das ist dieselbe Erfahrung, von der ich gesprochen habe: Die christliche Freiheit lässt sich nicht unterdrücken und einsperren. Sie drängt nach außen. Sie schafft sich ihre Freiräume. Sie macht Menschen mutig und frei. Ja, sie führt letztlich auch in eine freie Gesellschaft, in der die Wahrheit Raum hat.

Es ist schon paradox. Man könnte fast meinen: Zu viel Freiheit tut der christlichen Botschaft nicht gut. Religionsfreiheit heißt eben auch: nicht glauben dürfen oder anders glauben dürfen oder gleichgültig sein dürfen. Diese Gleichgültigkeit macht uns heute zu schaffen. Wir haben so viele Möglichkeiten, dass uns der Glaube nur noch wenig berührt und die selbstverständliche Freiheit nicht mehr kostbar ist. – Manche sagen: Damals in der DDR, da haben wir treuer, überzeugter, vielleicht sogar mit größerer innerer Freiheit geglaubt. – Das mag vielleicht im Einzelfall so sein; aber sollten wir uns deshalb nach der Unfreiheit zurücksehnen? Und sollten wir deshalb vergessen, dass der Zwang Menschen auch unfrei gemacht hat in ihren Herzen? Dass manche dem Druck unterlegen waren und die christliche Freiheit nicht bewahren konnten? Und dass die Unfreiheit auch unsere Herzen und Seelen deformiert hat, weil wir uns unbewusst anpassten, weil wir Kompromisse machten? – Wären wir denn wirklich auch bereit gewesen, für unseren Glauben ins Gefängnis zu gehen? Und dann noch uns zu freuen, wie Paulus?

Ich freue mich, zumindest bin ich dankbar, dass es immer wieder Menschen gab und gibt, die das konnten und die das können. Menschen, in denen der Glaube so stark ist, dass er dem Zwang widersteht, selbst wenn es ans Leben geht.

Ich denke an einen anderen Pfarrer aus DDR-Zeiten: Siegfried Schmutzler. Er war in den 50-er Jahren Studentenpfarrer in Leipzig und hat dann vier Jahre im Gefängnis gesessen – dafür, dass er seine ganz normale Arbeit getan hat: jungen Menschen das Wort Gottes gesagt, so dass sie gemerkt haben, dass es das Wort der Freiheit ist, unter den bedrückenden Verhältnissen dieser Zeit, und er ist mit ihnen zusammen zu den Arbeitern und einfachen Leuten in der Industrieregion Böhlen gegangen und hat dort für den Glauben geworben. Das alles hat man ihm verübelt und ihn aus dem Verkehr gezogen. Gebrochen worden ist er dadurch nicht. Und das Wort von der christlichen Freiheit wurde auch nicht zum Verstummen gebracht.

Ich denke an die Schwestern und Brüder, die heute anderswo in der Welt für ihren Glauben leiden. Z.B. an die 26-jährige Shamim Bibi aus Pakistan, Mutter eines fünf Monate alten Kindes, die vor kurzem unter dem Vorwurf der Blasphemie verhaftet wurde, angezeigt von Nachbarn, sie hätte den Propheten Mohammed beleidigt. Sie hatte sich wohl nur geweigert, als Christin zum Islam überzutreten. Kein Einzelfall.

Menschen wie sie, Menschen, die für ihren Glauben mit dem Leben einstehen, die für ihre innere Freiheit ihre äußere Freiheit verlieren, sie sind diejenigen, durch die das Wort Jesu Christi läuft und Menschen frei macht, innerlich und äußerlich.