Montag, 12. März 2012

Predigt am 11. März 2012 (Okuli)

Nur geringfügig überarbeitete Fassung einer Predigt von 2006



Umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht ge­schrieben (3.Mose 19,2): „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“ Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht; denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr
Glauben und Hoffnung zu Gott habt.
1. Petrus 1, 13­-21




Liebe Schwestern und Brüder,

Dietrich Bonhoeffer hatte einen französischen Freund, und sie sprachen miteinander über ihre Lebensziele. Der Franzose sagte einen sehr mutigen, anspruchsvollen Satz: „Ich möchte ein Heiliger werden.“ Dietrich Bonhoeffer entgegnete nach kurzem Überlegen: „Ich möchte lernen, ein Christ zu sein.“

Petrus schreibt an Christen: Auch ihr sollt heilig sein. – Heilig sein – das scheint mehr zu sein als „bloß“ ein Christ zu sein. Ein Heiliger ist ein besonders qualifizierter Christ. Bonhoeffer in protestantisch-deutscher Bescheidenheit und in dem gut lutherischen Bewusstsein, immer ein Sünder zu sein und zu bleiben, sieht schon im Christsein allein eine Aufgabe, die groß genug ist für ein ganzes Leben. Ein Heiliger werden? – Unmöglich!

Der Name des französischen Freundes ist heute weitgehend vergessen; ich weiß ihn jedenfalls nicht mehr. Dietrich Bonhoeffer aber ist ein Heiliger geworden, wenn es denn sowas wie evangelische Heilige gibt.

Was ist ein Heiliger oder eine Heilige?

Mir stehen bestimmte Beispiele von Heiligen vor Augen. Zum Beispiel die sicher für viele sehr abgelegene Gestalt des Heiligen Antonius, von dem ich vor einigen Monaten schon mal erzählt habe:

Ein junger Mann in einem ägyptischen Dorf des 3. Jahrhunderts. Er lebt in einer Welt, die aus seinem Dorf besteht und einem wahrscheinlich nur selten benutzten Weg zum nächsten Dorf. Es gibt ein paar durch Kanäle bewässerte Felder – bis hinunter zum großen Fluss, dem Nil. In die andere Richtung beginnt nur wenige Schritte hinter den letzten Hütten die Wüste. Die Wüste ist für damalige Menschen kein Ort von dieser Welt. Dort wohnt der Tod, hausen wilde Tiere und Dämonen. Am Rande der Wüste begrub man die Toten, aber hineingehen in die Wüste – das war unmöglich.

In dieser kleinen Welt ist Antonius einer der Größten. Von seinen Eltern, die früh verstorben sind, hat er ungefähr 80 Hektar Land geerbt. Er ist der Schwarm sämtlicher Mädchen des Dorfes. Aber er ist leider nicht zu haben. Denn er ist ein bisschen verrückt. Er hat sich der Keuschheit verschrieben. Absolut fremd in dieser wohl geordneten dörflichen Welt.

Aber damit nicht genug. Als er in der Kirche das Evangelium vom reichen Jüngling hört, dem Jesus sagt: Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib‘s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben (Matthäus 19, 21), da geht er hin, verkauft seinen Besitz und verschenkt seine Ländereien an die Nachbarn. Erst arbeitet er noch im Dorf für seinen Lebensunterhalt, dann zieht er hinaus zu den Gräbern, dorthin wo die Wüste beginnt. Dort haust er in einer der Grabhöhlen. Ein Freund bringt ihm von Zeit zu Zeit noch getrocknete Brotfladen, von denen er sich ernährt.

Was tut ein Einsiedler in der Wüste? – Er kämpft gegen den Teufel und seine Dämonen, die versuchen ihn mit allen Mitteln – von sexueller Verführung bis hin zu handgreiflicher Gewalt – von der Askese abzubringen. Antonius ist der Pionier christlicher Askese, der dann auch als erster noch weiter, noch tiefer in die Wüste zieht. Der buchstäblich diese Welt hinter sich lässt. Der dorthin geht, wo er nur noch sich selbst und den Mächten des Lichtes und der Finsternis unmittelbar gegenübersteht. – Und dann weichen die Mächte der Finsternis und zurück bleibt ein Mensch in der Gegenwart Gottes. Der äußerlich nichts tut als Psalmen zu beten und Seile zu flechten. Das mönchische „Bete und arbeite!“, 200 Jahre später in der Regel des Benedikt von Nursia festgehalten, nimmt bei Antonius seinen Anfang.

Das Verrückte ist: Antonius wird zur Attraktion seiner Zeit. Nicht nur seine Dorfbekannten pilgern zu ihm in die Wüste, sondern weit nilabwärts, bis in die Metropole Alexandria und schließlich bis ins ferne Konstantinopel erschallt die Kunde von ihm. Und die Menschen machen sich auf, um ihn zu sehen, ein Wort von ihm zu hören als Wegweisung fürs Leben, eine Berührung von ihm zu erfahren zum Segen und zur Heilung.

Andere Aussteiger folgen seinem Beispiel und beginnen unweit von ihm mit ihren asketischen Übungen. Nur wenige Jahrzehnte später wimmeln die ägyptischen und palästinensischen Wüsten von Einsiedlern, die jetzt gar nicht mehr so einsam siedeln, sondern sich in Vorformen klösterlicher Gemeinschaften zusammenfinden.
Einige Jahrzehnte später gehen aus diesen Klöstern wieder einzelne Asketen hervor, „Athleten Gottes“, wie man sie damals nannten, die wieder nach neuen Formen für die besondere Gottesnähe suchten. Höhepunkt dieser Entwicklung – im wortwörtlichen Sinne – waren dann die sogenannten Säulenheiligen, die auf bis zu 20 m hohen Säulen lebten, als erster ein gewisser Simeon. – Sonderbare Heilige!

Wir könnten sie ins Kuriositätenkabinett der Kirchengeschichte stellen – und würden ihnen damit doch Unrecht tun. Sie haben zu ihrer Zeit eine ungeheure Anziehungskraft ausgeübt. Warum? – Ich glaube, es ist kein Zufall, dass Antonius und die Wüstenväter, bis hin zu den Säulenheiligen gerade in dieser Zeit aufgetreten sind, als das Christentum seinen großen Umbruch von einer verfolgten Minderheitenreligion zur Staatsreligion durchlebte. Es war eine Zeit, in der Christsein nichts Besonderes mehr war, nichts Besonderes mehr sein musste. Man konnte ein alltägliches bürgerliches oder bäuerliches Leben führen und Christ sein – ohne Schwierigkeiten, ohne Nachteile. Aber da gab es diese sonderbaren Heiligen, die die Worte Jesu neu hörten und sie erschreckend wörtlich nahmen. Diese Worte, wie wir sie auch im heutigen Evangelium (Lukas 9, 57-­62) gehört haben: Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. – Folge mir nach! – Der Ruf Jesu in die Heimatlosigkeit. Lass die Toten ihre Toten begraben. – Der radikale Bruch mit Sitte und Tradition, und schließlich der radikale Bruch mit der Familie (das steht an einer anderen Stelle): Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert  (Matthäus 10, 37). Diese Worte waren für sie der Ruf in ein radikal anderes Leben. Ein weltfremdes Leben. Ein Leben, das sich allem, was normal und menschlich anmutet, entzieht: einer sättigenden und schmackhaften Ernährung, den eigenen vier Wänden, der eigenen Sexualität, der eigenen Familie und überhaupt der menschlichen Gemeinschaft. Aber eben gerade deshalb ein Leben ganz für Gott – ein heiliges Leben eben. Diese Art des Christseins war wieder etwas Besonderes. Und in diesem Besonderen lag eine erstaunliche Kraft der Erneuerung des Christentums.

Es gibt ein kleines frisch und frech geschriebenes Buch über diese sonderbaren Heiligen; das hat mich auch mit zu dieser Predigt inspiriert. Es heißt: „Als die Religion noch nicht langweiligwar. Die Geschichte der Wüstenväter“ von Hans Conrad Zander. Wahrscheinlich gehört das zu den größten Gefährdungen des Christentums in unserer Zeit, dass es zu einer Religion erstarrt ist, die langweilig geworden ist. Wo merkt man noch etwas davon, dass Nachfolge Jesu spannend ist, ein Abenteuer, etwas völlig Verrücktes und Weltfremdes – so verrückt wie der Aussteiger Antonius in der Wüste oder Simeon auf der Säule? Heute machen uns andere solche Verrücktheiten vor, vielleicht um ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen, oder im Dschungel-Camp. Spannend ist es anderswo, bloß nicht in der Kirche.

Bei den Heiligen ging es immer spannend zu. Da gab es den Hl. Franziskus, auch so ein junger Mann, der plötzlich etwas völlig Verrücktes tut, seinen Besitz weggibt und betteln, der sogar das einzige Neue Testament, das die Bruderschaft besitzt, verkauft, um mit dem Geld einer einzelnen bedürftigen Witwe zu helfen, und der so verrückt ist, dass er sogar für die Vögel predigt.

Oder es gab die Hl. Elisabeth von Thüringen. Als kleines Mädchen war die ungarische Prinzessin nach Eisenach gekommen und dem künftigen Landgrafen Ludwig verlobt worden. Als junge Landgräfin machte sie sich Feinde, weil sie den höfischen Besitz großzügig für Arme und Kranke ausgab. Ihr junger Mann starb auf dem Weg zum Kreuzzug, zu dem der Kaiser ihn gerufen hatte. Ob der neue Regent sie von der Wartburg vertrieb oder sie nur rausekelte, ist nicht sicher. Aber schon bald sah man sie mit ihren drei kleinen Kindern unter den einfachen Menschen leben und sich um Arme und Aussätzige kümmern. Auf Geheiß ihres Beichtvaters musste sie die Kinder weggeben und lebte nun ganz für die Armen, zum Teil im Schweinestall. Später konnte sie mit Hilfe des Erbteils, das ihr als Witwe zustand, in Marburg ein Aussätzigenspital errichten. Mit nur 24 Jahren starb sie. Nur vier Jahre nach ihrem Tod wurde sie heilig gesprochen.

All diese Heiligen sind irgendwie sonderbare Heilige. Offenbar gehört es zur Heiligkeit dazu, sonderbar zu sein. Ganz normal, unauffällig und langweilig sind sie nie gewesen, diejenigen, die in der Kirche als Heilige verehrt werden.

Und nun haben wir dieses Wort aus dem 1. Petrusbrief gehört: Auch ihr sollt heilig sein. Will doch sagen: Auch ihr sollt sonderbar sein. Auffällig und aufregend. Keine spießigen Langweiler. Eher Leute wie Antonius oder Simeon, wie Franziskus oder Elisabeth. Oder ganz einfach: wie Jesus. Wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Jesus hat schlicht und einfach in völliger Einheit und Übereinstimmung mit Gott gelebt. Und so war und ist er der eigentliche Heilige. Und wenn wir von Nachfolge sprechen, dann ist doch genau das gemeint: Werden wie Jesus – ganz an Gott hingegeben, in völliger Einheit und Übereinstimmung mit Gott leben.

Ich fühle mich überfordert. Wie kann ich ein solcher Heiliger werden? – Erinnern wir uns: Dietrich Bonhoeffer fühlte sich auch irgendwie überfordert und sagte, er wolle lernen, ein Christ zu sein. Und er ist ein Heiliger geworden. 

Ich glaube, das ist die Art von Heiligkeit, die Jesus von uns erwartet: Lernen als Christ zu leben. Denn es gibt keinen Unterschied zwischen gewöhnlichen Christen und besonders qualifizierten Christen. Es gibt keinen Unterschied zwischen gewöhnlichen Christen und gewöhnlichen Heiligen. Christen sind eben sonderbare Heilige. Sonderbar ist nur, wenn man uns davon nichts anmerkt, dass wir etwas Besonderes sind.

Das kann und muss, glaube ich, unsere tägliche Frage unser tägliches Bemühen sein: um Gottes Willen etwas Besonderes sein! Nicht zuletzt, damit die christliche Religion nicht mehr so langweilig ist. Damit auch in Zukunft wieder die Leute kommen und staunen und außergewöhnliche Worte hören und außergewöhnliche Taten sehen: so wie bei Antonius, Simeon, Franziskus und Elisabeth.

Findet ihr das alles ein bisschen sonderbar, mit diesen sonderbaren Heiligen und unserem Bemühen um Heiligkeit? Klingt euch Evangelischen unter uns das zu katholisch, zu sehr nach Werkgerechtigkeit? – Das täuscht. Echte Heiligkeit ist nie Werkgerechtigkeit gewesen. Die „Athleten Gottes“ wurden nicht gelobt ob ihrer frommen Leistungen, sondern immer und immer wieder wurde Gott gelobt für das, was er an diesen und durch diese Menschen getan hat. Heiligkeit ist letzten Endes – so wissen alle – Gottes Gabe, Gottes Gnade und nicht menschliche Leistung.

Schon unser Predigttext erinnert uns daran, woher Heiligkeit kommt: Ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. – Heilig können wir nur sein, weil wir erlöst sind. Wir sind schon was Besonderes. Denn Gott hat uns durch Jesus Christus schon zu etwas Besonderem gemacht: zu heiligen Gotteskindern. Was uns Petrus und die anderen neutestamentlichen Briefe sagen, ist nur immer wieder die Aufforderung: Lebt, was ihr seid! Lebt als Heilige, weil ihr Heilige seid. Lebt als Christen, weil ihr Christen seid. Man darf es euch ruhig anmerken: Ihr seid sonderbare Heilige! Amen.