Sonntag, 11. Dezember 2016

Predigt am 11. Dezember 2016 (3. Sonntag im Advent)

Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste. Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, wie geschrieben steht im Buch des Propheten Jesaja: „Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden, und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.“
Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir nun tun? Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso. Es kamen aber auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!
Als aber das Volk voll Erwartung war und alle dachten in ihrem Herzen, ob Johannes vielleicht der Christus wäre, antwortete Johannes und sprach zu allen: Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber der, der stärker ist als ich; ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. In seiner Hand ist die Worfschaufel, und er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheunen sammeln, die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen. Und mit vielem andern mehr ermahnte er das Volk und predigte ihnen.
Lukas 3, 1-18

Johannes, das ist der mit dem langen Finger.
Auf dem berühmten Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars steht er, das aufgeschlagene Bibelbuch in der einen Hand, die andere weist mit langem Finger auf Christus den Gekreuzigten: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünden trägt! So hat Johannes Jesus genannt – schon lange bevor Er am Kreuz hing. Und: Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen, hat er über Ihn gesagt. Und so steht es auch auf dem Gemälde des Isenheimer Altars: Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen. Er, Gottes Lamm, Er, der nach mir kommt, Er, der stärker ist als ich. Auf Ihn zeigt der lange Finger des Johannes. Weg von sich. Hin auf Ihn.
Und darum gehört Johannes auch in den Advent. Alles im Advent weist auf Ihn hin, auf Jesus Alles im Advent bereitet sein Kommen vor. Jedes Adventslied, jeder Tannenzweig, jede Christbaumkugel und jede Krippenfigur – alles ist Vorbereitung auf das Kommen Jesu. Natürlich: Wir feiern zu Weihnachten allem, dass er gekommen ist, Seine Geburt vor über 2000 Jahren. Aber eigentlich, im Grunde, im Wesentlichen soll es so sein, dass Er auch zu uns kommt, alle Jahre wieder: in unsere Welt, in unser Leben, in unser Herz.
Darauf weist alles hin im Advent. Und Johannes weist auch auf Jesus hin. Nicht dass die Menschen zu ihm kommen – hinaus in die Wüste, hinunter an den Jorden –, nicht, dass die Menschen zu ihm kommen, darauf kommt es ihm an, sondern dass Er – Jesus, der Christus – zu ihnen kommen kann, dann, wenn er kommt. Dass sie vorbereitet sind. So wie wir uns vier Wochen lang auf Weihnachten vorbereiten, so sollen sie sich auf Ihn vorbereiten.
Bereitet dem Herrn den Weg! Räumt die Hindernisse weg. Macht die Zugangswege frei. Die Wege Gottes zu eurem Herzen. Dass Er da einziehen kann. So sagt es Johannes; so hat es schon der Prophet gesagt, den Johannes zitiert.
Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast; macht seine Steige richtig, lasst alles, was er hasst; macht alle Bahnen recht, die Tal lasst sein erhöhet, macht niedrig, was hoch stehet, was krumm ist, grad und schlicht. So hat es dann der Dichter in Verse gefasst, und wir haben es gerade gesungen.
Johannes weist mit seinem langen Finger auf Jesus hin. Aber Johannes erhebt ihn auch, den langen Finger, um zu mahnen und zu drohen. Der berühmte erhobene Zeigefinger: Wenn ihr euch nicht bekehrt, dann landet ihr im Höllenfeuer. Wenn euer Leben keine guten Früchte bringt, dann werdet ihr abgehauen, wie verdorrte Bäume. Was bildet ihr euch ein, wer ihr seid? Otterngezücht! (Ein wiederentdecktes Wort in der neuen alten Lutherübersetzung.) Otterngezücht, Schlangenbrut! Böse, gefährlich, giftig, teuflisch – so seid ihr! Johannes wütet gegen die, die da zu ihm gekommen sind, um den Rufer in der Wüste zu hören. Vielleicht ist Publikumsbeschimpfung ja ein Erfolgsrezept. Ich kenne jedenfalls noch Evangelisationsredner, die mit Höllendrohungen die Leute zu Gottes Liebe bekehren wollten. Und manchmal, erstaunlich genug, ist es ihnen gelungen: Erst Angst machen und dann die Rettung anbieten. Manchmal hat mir jemand gesagt, ich sollte doch auch so predigen: mehr Drohung, mehr erhobener Zeigefinger. Tut mir leid, ich kann es nicht. Ihr würdet mir das sowieso nicht glauben, wenn ich euch Otterngezücht nennen würde. Aber eines möchte ich schon festhalten: Gott meint es ernst. Und die Frage müsst ihr euch schon stellen: Wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Vielleicht habt ihr ja auch eine Antwort auf die Frage. Ich sage euch dann gleich meine Antwort.
Aber noch mal zum langen Finger des Johannes: Er weist auf Christus, er mahnt und droht, und er zeigt auf dich, auf euch. Auf die Leute, die zu ihm kommen und von ihm etwas erwarten. Auf euch kommt es an, sagt Johannes. Ihr müsst Buße tun, euch besinnen, euch bekehren, euer Leben ändern! Ihr müsst es tun. Ich kann es nicht. Ich kann euch mit Wasser taufen. Aber wenn ihr euch von mir taufen lasst, dann hat das nur Sinn, wenn es ein Zeichen eures guten Willens ist, wenn ihr wirklich bereit seid, euer Leben zu ändern. Ihr müsst rechtschaffene Früchte der Buße bringen. Ihr selbst.
Wie die aussehen, die Früchte der Buße? Eigentlich ganz einfach: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso. Und den Zöllnern, also den Staatsbeamten, sagt er: Seid nicht korrupt; Begnügt euch mit dem, was euch zusteht! Und den Soldaten sagt er: Übt keine Gewalt und kein Unrecht gegen Zivilisten; raubt und plündert nicht! (Johannes ist kein Idealist oder Pazifist; er sagt nicht, dass es keine Zöllner oder Soldaten geben dürfte, und er behauptet auch nicht, dass solche Berufe vom Heil ausschließen würden. Johannes ist – modern gesprochen – ein Anhänger des Rechtsstaates.)
Was ihr tun sollt, ist eigentlich ganz einfach, sagt er: Nicht auf Kosten und zum Nachteil des Nächsten leben, sondern fair, gerecht und hilfsbereit. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!, hätte er auch sagen können – mit dem alttestamentlichen Gebot, das Jesus dann erneut in Erinnerung gerufen hat, und das doch immer schon das Selbstverständliche hätte sein müssen.
Also, der Finger des Johannes zeigt auch auf dich: Du sollst und kannst dein Leben in Ordnung bringen, heute besser machen, was du gestern nicht gut gemacht hast, und auch morgen danach fragen, was Gott will und deinem Nächsten nützt. So einfach.
In eine Richtung weist der lange Finger des Johannes nicht: auf sich selbst. Er will nur die Stimme für einen anderen, Größeren sein, nur ein Rufer in der Wüste. Kein Messias und kein Starprediger. Es kommt nicht auf mich an, sondern auf euch, sagt er. Und vor allem auf den, der kommt – auf Christus. Ich kann euch nur an euch selber verweisen – und an Ihn. Stellt euch drauf ein, dass er kommt!
Johannes sieht ihn kommen, ganz nahe, als den Richter.
Als Jesus dann da war, war er nicht der Richter. Noch nicht. Er war der Retter, der Heiland, der Gottessohn. Er konnte mit dem Finger auf sich selber zeigen: Ich bin es – das Brot des Lebens, das Licht der Welt, die Tür zum Vater und der gute Hirte, die Auferstehung und das Leben, der rechte Weinstock, der Weg und die Wahrheit und das Leben. Johannes konnte das nicht von sich sagen. Keiner kann das. Christus allein ist es.

Johannes fragt: Wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Für die Leute damals ist es eine rhetorische Frage. Es gibt keine Gewissheit, du kannst dich um Buße und gute Werke mühen. Aber ob das reicht? Wenn er mich heute fragen würde: Was hat dich gewiss gemacht, dass du dem künftigen Zorn entrinnen wirst?, dann würde ich sagen: Dieser Jesus Christus, auf den du gezeigt hast, der hat mich gewiss gemacht, dass Gott mich immer liebt. Jesus Christus, der zu Weihnachten als mein Bruder in die Welt gekommen ist, der am Karfreitag für mich gestorben ist und auf dessen Namen ich am 1. Advent 1964 getauft wurde.