Sonntag, 4. September 2016

Predigt am 4. September 2016 (15. Sonntag nach Trinitatis)

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.
Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.
Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.
Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
1. Petrus 5, 5c-11
*
Der allmächtige Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der dich von neuem geboren hat durch das Wasser und den Heiligen Geist und dir alle deine Sünde vergibt, der stärke dich mit seiner Gnade zum ewigen Leben. Friede sei mit dir.
Wenn ich einen Menschen getauft habe, sei es ein kleines Baby, so wie hier in drei Wochen wieder, oder eine Erwachsene, so wie kommenden Sonnabend auf Gomera, wenn ich einen Menschen getauft habe, dann lege ich ihm die Hand auf den Kopf und spreche dieses Segenswort.
Und ich denke daran: So oder ganz ähnlich ist es schon zu mir gesprochen worden.
Auch auf meinem Kopf lag eine segnende Hand.
Stellvertretend für Gottes Hand.
Für Gottes gewaltige Hand.
Gewaltig, aber nicht gewalttätig.
Sondern schützend.
Bergend.
Behütend.
Dass ich es spüre:
Gottes Kraft ist über mir.
Gottes Gnade ist in mir.
Gottes Friede ist mit mir.
*
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.
Demut geht gar nicht mehr.
Der Begriff stammt aus patriarchalischer Zeit und ist aufgebraucht (las ich in einem aktuellen Impuls zur Predigtvorbereitung*).
Durchsetzungsfähigkeit zählt.
Seine Stärken kennen und herausstreichen – das zählt.
Sich selbst etwas zutrauen und sich gut verkaufen – das zählt.
Nur keine falsche Bescheidenheit!
Am besten überhaupt keine Bescheidenheit!
Demut geht gar nicht mehr.
Wer mag sich gerne unterordnen?
Wer möchte gern der Kleinste sein?
Wer freut sich, wenn er das Nachsehen hat?
Ausgestochen, abgewählt, zurückgesetzt,
übersehen, verlassen, vergessen, ersetzbar –
wer möchte das gerne sein?
Genau: Keiner.
Darum geht Demut gar nicht mehr.
Nicht mehr? – Demut ging noch nie.
Weil das noch nie jemand wollte:
der Kleinste sein, der Verlierer, die Null.
Patriarchalische Verhältnisse funktionierten ja deshalb, weil fast jeder noch an einer Stelle Patriarch sein durfte (oder auch Patriarchin).
Sicher, jeder hatte einen über sich, vor dem er demütig buckeln musste.
Aber fast jeder hatte noch irgendwo einen Schwächeren unter sich oder neben sich, den er treten konnte:
der Meister den Gesellen, der Geselle den Lehrling, der Lehrling den kleinen Bruder, der kleine Bruder den jüngeren Mitschüler, der kleine Junge den behinderten Bettler.
Demut ging noch nie.
Nur demütigen ging:
Den andern, die andere.
Nur nicht sich selbst.
(Wenn es nicht unbedingt sein musste.)
So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes.
Vielleicht ist es ein Missverständnis:
Statt Demut geht gar nicht mehr sollte es heißen:
Demütigen geht gar nicht mehr. Nämlich: andere demütigen.
Wenn wir die patriarchalischen Verhältnisse wirklich abgeschafft haben, dann haben wir auch das Demütigen abgeschafft.
Dann werde ich nicht größer, wenn ich den anderen kleiner mache.
Dann muss der Mann der Frau nicht seine Überlegenheit demonstrieren, seine angebliche Überlegenheit.
Dann kann der Chef auch mit Kritik seiner Mitarbeiter umgehen.
Dann können Eltern ihre Kinder mit Argumenten und mit dem eigenen Vorbild erziehen, statt mit Schlägen.
Dann müssen Cliquen nicht über die eine herziehen, die heute gerade nicht dabei ist.
Andere demütigen geht gar nicht mehr.
Bevor ich anfange mich selber zu demütigen, kann ich schon mal aufhören andere zu demütigen.
Und damit bin ich dann schon gar nicht mehr so weit weg von der Demut, die die Bibel meint.
So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes.
Unter die gewaltige Hand Gottes.
Nicht unter die Hand von Menschen, die sich anmaßen, über uns bestimmen und verfügen zu dürfen.
Unter die Hand Gottes, die schützende, bergende, behütende.
Wenn wir die patriarchalischen Verhältnisse wirklich abgeschafft haben, dann bleibt nur noch einer übrig, der wirklich über uns steht: Gott.
Egal, was ich von mir halte: Bei ihm muss ich neidlos anerkennen, dass er größer, besser, schöner, klüger, mächtiger – einfach vollkommener ist als ich.
So lange Gott ist, kann ich nicht der Größte sein.
So demütig bin ich.
Gott Gott sein lassen.
Dann lässt er mich auch Mensch sein.
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
Das Ende aller falschen Demut.
Das Ende aller Demütigungen, aller Erniedrigungen und Beleidigungen.
Das Ende aller falschen Bescheidenheit und aller verlogenen Überheblichkeit.
Das Ende der Herrschaft von Menschen über Menschen.
Dafür steht Gott.
Und wenn wir auch dafür stehen, dann ist das wohl die rechte Demut:
Gott Gott sein lassen.
Und den Menschen Mensch sein lassen.
Unter Gottes gewaltiger Hand.
*
Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt gehen.
Teufel geht gar nicht mehr.
Der Begriff stammt aus einer Zeit, als die Menschen noch an das Böse glaubten.
Als man seltsame Frauen für Hexen hielt, psychisch Kranke für besessen und die Erde für ein Jammertal.
Heute glaubt man an das Gute:
Der Mensch ist gut.
Die Natur ist gut.
Auch Schlangen und Löwen.
Böse sind nur der Kapitalismus, die AfD und Donald Trump.
Denen widerstehen wir, fest im Glauben.
Ansonsten haben wir für alles Verständnis.
Das Böse lässt sich wegerklären:
Die sozialen Verhältnisse, die schlimme Kindheit, der Kolonialismus, das alles und noch viel mehr bringt Menschen dazu, Sachen zu machen, die wir nicht so gut finden.
Zum Beispiel Terroranschläge.
Oder Ehrenmorde.
Oder schlechte Musik.
Aber Teufel geht gar nicht mehr.
Wenn du an Gott glaubst, wie kannst du dann noch an den Teufel glauben?, hat man mich gefragt.
Wenn du an das Gute glaubst, wie kannst du dann noch an die Macht des Bösen glauben?
Nein, habe ich geantwortet, ich glaube nicht an die Macht des Bösen, ich glaube nicht an den Teufel; ich fürchte, liebe und vertraue ihm nicht.
Ich glaube an Gott.
Aber ich rechne mit der Realität des Bösen.
Es gehört für mich zu den großen Merkwürdigkeiten des menschlichen Geistes, dass er kurz nach den größten Kriegen der Menschheitsgeschichte, kurz nach dem Holocaust an den Juden und den Massenmorden Stalins und Maos aufgehört hat, den Teufel für real zu halten.
Waren es wirklich nur die Verhältnisse, die zu diesen Verbrechen geführt haben, oder hat sich da nicht doch ein metaphysischer, letztlich unerklärlicher Abgrund des Bösen aufgetan, der Rachen des Teufels, der uns und alles, was gut und schön und wahr ist, verschlingen will?
Wer und was gibt uns die Sicherheit, dass so etwas nicht wieder geschieht?
Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.
Nüchtern und wach sein – das heißt für mich:
Immer auch mit dem Bösen rechnen.
Manchmal höre ich die Löwen brüllen.
Oben bei uns im Jungle Park.
Das macht mir keine Angst.
Sie sind ja sicher eingesperrt.
Aber wenn da keine Gitter und Wände wären, dann hätte ich Angst.
Wenn sie ausbrechen würden und durch die Gegend streifen, dann würde ich nicht mehr vor die Tür gehen.
Manchmal höre ich den Teufel brüllen.
Im Fernsehen und im Internet.
Auf deutschen Straßen und an französischen Stränden.
In syrischen Städten und palästinensischen Dörfern.
In türkischen Lagern und deutschen Moscheen.
Und in meinem Herzen und in meinen Eingeweiden.
Das macht mir Angst.
Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich es mir nur einbilde.
Aber immer wieder frage ich mich:
Ist er noch weit weg, sicher eingesperrt hinter Gittern und Wänden?
Oder läuft er schon frei umher und sucht, wen er verschlinge?
Und wo sind die, die ihn wieder einfangen und mich vor ihm schützen können?
Nein, ich glaube nicht an den Teufel.
Ich rechne nur mit dem Bösen.
Und manchmal habe ich Angst davor.
Aber ich glaube an Gott.
Ich vertraue seiner gewaltigen Hand.
Ich weiß, dass er größer, besser, schöner, klüger, mächtiger – einfach vollkommener ist: der Macht des Bösen in jeder Hinsicht gewachsen.
Das Böse wird nicht siegen.
Daran glaube ich.
*
Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!

So werfe ich alle meine Sorgen auf ihn, denn er sorgt für mich.
Seine gewaltige Hand ist über mir.
Schützend.
Bergend.
Behütend.
Das hat er mir versprochen:
Damals, als einer seine Hand segnend auf mich legte bei meiner Taufe, damit ich es spüre und glauben kann:
Gottes Kraft ist über mir.
Gottes Gnade ist in mir.
Gottes Friede ist mit mir.


* Deutsches Pfarrerblatt 07/2016