Sonntag, 21. August 2016

Predigt am 21. August 2016 (13. Sonntag nach Trinitatis)

Neufassung einer Predigt von 2010

„Johannes, der gute Johannes, der sich von seiner Gemeinde, die er in Ephesus einmal gesammelt hatte, nie wieder trennen wollte, dem diese Eine Gemeinde ein genugsam großer Schauplatz seiner lehrreichen Wunder und wundertätigen Lehre war, Johannes war nun alt … So zaudernd eilig, als ein Freund sich aus den Armen eines Freundes windet, um in die Umarmung seiner Freundin zu eilen, – trennte sich allmählich sichtbar Johannis reine Seele von dem ebenso reinen, aber verfallenen Körper. – Bald konnten ihn seine Jünger auch nicht einmal zur Kirche mehr tragen. Und doch versäumte Johannes auch keine Kollekte gern; ließ keine Kollekte gern zu Ende gehen, ohne seine Anrede an die Gemeinde, welche ihr tägliches Brot lieber entbehrt hätte, als diese Anrede… Studiert war Johannis Anrede nie. Denn sie kam immer ganz aus dem Herzen. Denn sie war immer einfältig und kurz; und wurde immer von Tag zu Tag einfältiger und kürzer, bis er sie endlich gar auf die Worte einzog: Kinderchen, liebt euch! – In der ersten Kollekte, in welcher Johannes nicht mehr sagen konnte als Kinderchen, liebt euch!, gefiel dieses Kinderchen, liebt euch! ungemein. Es gefiel auch noch in der zweiten, in der dritten, in der vierten Kollekte; denn es hieß, der alte schwache Mann kann nicht mehr sagen. Nur als der alte Mann auch dann und wann wieder gute heitere Tage bekam und doch nichts mehr sagte, und doch nur die tägliche Kollekte mit weiter nichts als einem Kinderchen, liebt euch! beschloss, als man sahe, dass er vorsätzlich nicht mehr sagen wollte, ward das Kinderchen, liebt euch! so matt, so kahl, so nichtsbedeutend! Brüder und Jünger konnten es kaum ohne Ekel mehr anhören und erdreisteten sich endlich den guten alten Mann zu fragen: Aber Meister, warum sagt du denn immer das nämliche? – Und Johannes antwortete: Darum, weil es der Herr befohlen. Weil das allein, das allein, wenn es geschieht, genug, hinlänglich genug ist.“
(G.E. Lessing, Werke, Bd. VIII, München 1979, S. 15ff)


Liebe Schwestern und Brüder,
Gotthold Ephraim Lessing hat diese Worte als Testament des Johannes überliefert. Nach einer kleinen Notiz des Hl. Hieronymus. Eine fromme Legende, die vielleicht nicht wahr ist, aber doch wohl gut erfunden. Denn genau das ist das große Thema des alten Johannes in seinen Briefen: Kinderchen, liebt euch! Nirgendwo sonst in der Bibel wird so eindringlich von der Liebe gesprochen und zur Liebe ermahnt, wie hier. Unser heutiger Predigttext ist der Abschnitt mit der höchsten Liebesdichte in der ganzen Bibel: So häufig wie hier kommt das Wort Liebe und seine Ableitungen sonst nirgends vor.
Hört die Worte aus dem 1. Brief des Johannes im 4. Kapitel:
Ihr Lieben, lasst uns einander lieben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so wollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
1. Johannes 4, 7-12

Vielleicht geht es uns manchmal so ähnlich wie damals den Leuten bei dem alten Johannes: Wir können es kaum noch ohne Ekel anhören: Liebe, Liebe, Liebe: Nächstenliebe, Gottesliebe, Bruderliebe, Feindesliebe! Die christliche Liebe hängt uns schon zum Hals heraus. So viel Liebesgesäusel! – Und mir als Prediger – ich gebe es zu – mir wird es auch manchmal zu viel, immer wieder von der Liebe zu reden. (Was nicht heißt, dass ich lieber ein Hassprediger wäre.) Aber das Thema Liebe erschöpft sich. Was soll man dazu sagen, was nicht schon tausendmal gesagt worden wäre? Und geht das mit der Liebe nicht auch manchmal an den harten Realitäten des Lebens vorbei?
Aber natürlich, der alte Johannes hat ja Recht: Der Herr hat es befohlen. Und das allein, wenn es geschieht, ist hinlänglich genug. Ja, wenn wir und alle in der Liebe leben würden, nach dem Gebot Jesu, dann wäre das hinlänglich genug. Vollkommen. Das Himmelreich auf Erden. Darum kann es wohl wirklich nicht genug gesagt werden: Kinderchen, liebt euch!
Warum hat Lessing diese alte Legende ausgegraben?
Weil er das Gefühl hatte: Das Christentum zu seiner Zeit hätte es vergessen, dass die Liebe das höchste und wichtigste ist. Der rechte Glaube, die richtigen Überzeugungen – das schien das Wichtigste zu sein. Ein Jahrhundert zuvor hatte das christliche Europa erbittert Krieg geführt, dreißig Jahre, um den rechten Glauben. Und jetzt stritten sie immer noch darum, wenn auch nur noch mit Worten. – Lessing war der Meinung: Es kommt nicht auf die richtige Lehre an, sondern auf das richtige Leben. Ihr kennt ja auch seine berühmte Ringparabel: Im Leben, in der Praxis, da muss eine Religion erweisen, dass sie diejenige ist, die vor Gott und Menschen angenehm zu machen vermag: Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach! Dazu passt nun auch die Geschichte vom alten Johannes, der nur noch das eine zu sagen weiß: Kinderchen, liebt euch! – Das wäre die Chance für das Christentum: dass es sich als Religion der Liebe erweist. Ganz im Sinne seines Stifters.
Damals haben sie Lessing entgegengehalten: Das reicht nicht. Zur Liebe gehört die Wahrheit. Und um die Wahrheit muss man auch streiten. – Das finde ich auch. Sonst wird alles gleichgültig. Auch in Glaubensfragen müssen wir uns manchmal streiten. Gerade auch um der Liebe willen. Aber mit Verständnis und Respekt.
Kinderchen, liebt euch! – das klingt naiv, haben sie gesagt. Für mich klingt es auch naiv: nach Stuhlkreis und An-den-Händen-fassen. Nach heiler Welt. Aber draußen vor den Türen unserer Kirchen, Gemeindezentren und Kirchentage, da blüht der Hass. Da ist Terror und Angst: Da erschießen oder überfahren sie wahllos Menschen, oder greifen andere mit der Axt an. Da fassen sie fremden Frauen unter die Röcke. Oder hüllen ihre eigenen Frauen in Säcke mit Sehschlitzen. Manche quälen Christen und Andersgläubige. Da beschimpfen sie anders Denkende und anders Aussehende oder rufen zur Gewalt gegen Politiker auf. Oder sie versuchen unbequeme Meinungen und Kritik gleich ganz zu verbieten. – So viele da draußen lassen sich nicht von uns mit in den Stuhlkreis nehmen. Sie haben uns nicht lieb und sie wollen von uns nicht geliebt werden. – Die Liebe hat offenbar auch ihre Grenzen.
Jesus hat gesagt: Wir sollen auch unsere Feinde lieben. Johannes ist zurückhaltender, vielleicht auch realistischer: Ihr Lieben, lasst uns einander lieben! Bruderliebe nennt er das auch: Kinderchen, liebt euch! – Ich verstehe es so: Fangt damit an: mit der Bruder- und Geschwisterliebe. Fangt damit an in euren Kreisen und Gemeinden, in eurer Kirche. Fangt damit an, hier die Liebe zu leben. Mit Verständnis und Respekt, mit offenen Augen, Ohren und Händen; mit der Fähigkeit zu streiten, ohne zu verletzen; mit der Bereitschaft, Fehler einzugestehen, und einander zu vergeben. Fangt hier an, in der christlichen Gemeinde: Kinderchen, liebt euch!
Und dann kommt die Nächstenliebe. Was ihr als christliche Geschwister untereinander könnt, das geht wahrscheinlich auch im Miteinander mit anderen, mit nahen Menschen. Und mit denen, die uns plötzlich nahe sind, weil da vielleicht einer verletzt auf unserem Weg liegt – wie im Evangelium (Lukas 10, 25-37) gehört. – Bruderliebe, Nächstenliebe – und dann im Extremfall vielleicht auch so etwas wie Feindesliebe. Aber damit ist nicht gemeint, dass wir dem, der unsere Freunde mit der Waffe bedroht, die Hand reichen. Da geht die Nächstenliebe vor, und wir müssen sehen, wie wir dem Feind die Waffe aus der Hand schlagen können. Vielleicht brauchen wir dazu auch selber Waffen und Gewalt. Das widerspricht sich nicht. Nein, christliche Liebe zeigt sich nicht unbedingt in Pazifismus und Gewaltlosigkeit. Sie kann geradezu auch das Gegenteil verlangen. – Aber dann trotzdem für die Feinde beten und in ihnen Menschen sehen – was für eine Herausforderung!
Kinderchen, liebt euch! – Das ist schwierig genug. Denn es funktioniert nicht einfach so. Liebe lässt sich nicht gebieten, befehlen oder anordnen. Ich kann mich nicht einfach entscheiden: Ab jetzt liebe ich meinen Mitmenschen. – Bestenfalls kann ich etwas tun, was aussieht wie Liebe: Nett und freundlich sein, auf böse Worte und Taten verzichten, jemandem helfen. Aber wenn ich das nur tue, um damit zu zeigen, was für ein guter Mensch, was für ein guter Christ ich bin, dann ist das noch lange keine Liebe. Vielleicht sogar eher Heuchelei. Ich möchte gefallen: meinem Mitmenschen, mir selber oder auch Gott. – Vielleicht ist wahre Liebe manchmal sogar eher daran zu erkennen, dass sie auch Dinge tut, die dem anderen nicht gefallen. Und umgekehrt könnte man bezweifeln, dass jemand, der es immer allen recht machen will, das auch aus Liebe tut. – Komplizierte Sache!
Kinderchen, liebt euch! Liebe lässt sich nicht einfach anordnen, sie muss wachsen. Liebe ist kein Produkt, sie ist eine Frucht. Die Liebe, die wir geben, ist die Frucht der Liebe, die wir empfangen haben. Im letzten Grunde ist die Liebe von Gott. Im letzten Grunde ist Gott selber die Liebe. Und dass Menschen liebesfähig werden, das kommt direkt oder indirekt – über andere Menschen – von Gott.
Ihr kennt alle das Lied Gottes Liebe ist wie die Sonne, sie ist immer und überall da. So wie uns warm wird, wenn wir uns in die Sonne stellen oder legen, so wie sie uns von ihrer Wärme abgibt, so wird auch unser Herz von Gottes Liebe erwärmt, wenn wir es Gott hinhalten, wenn wir uns der Liebe Gottes hingeben. Selbst ein Stein wird warm, wenn die Sonne ihn bescheint, heißt es in einem anderen Lied.
Das Gebot der Liebe heißt demnach paradoxerweise nicht: Lauf los und tue deinem Mitmenschen Gutes! Sondern es heißt: Halt inne und lass dich von Gottes Liebe erwärmen und erfüllen!
Kinderchen, liebt euch! – Weil Gott euch liebt, weil ihr Gottes Kinderchen seid.
Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden.
Bei Gott fängt die Liebe an. Durch Jesus kommt sie in die Welt. In der Krippe und am Kreuz. Sie verlangt ihm alles ab. So sehr hat Gott die Welt geliebt.
Und manchmal verlangt die Liebe auch uns alles ab. Den Bruder, die Schwester, den Nächsten, den Feind lieben – das ist nicht schmerzfrei, nicht einfach, nicht billig, es kann wehtun, es kann Schritte fordern, die schwer fallen, es kann Opfer verlangen. Liebe ist nicht leicht.
Aber wo sie gelingt, wo sie zum Ziel kommt, da ist Gott selber zum Ziel gekommen, da ist Gott bei uns Menschen angekommen.
Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
„Das allein, wenn es geschieht, ist hinlänglich genug.“ Amen.