Sonntag, 31. August 2014

Predigt am 31. August 2014 (11. Sonntag nach Trinitatis)

Predigttext: 2. Samuel 12, 1-15a

Liebe Schwestern und Brüder,
Menschen erzählen sich Geschichten. Schon immer. Und immer wieder: Immer neue Geschichten. Und immer weiter: Die alten Geschichten.
Vielleicht ist es sogar genau das, was uns Menschen zu Menschen macht: Dass wir einander Geschichten erzählen.
Wir erzählen, was wir gestern erlebt haben.
Wir erzählen, was uns erzählt worden ist.
Wir erzählen unser Leben.
Und wir hören den Erzählungen zu.
Dem Witz oder der Anekdote, und wir lachen.
Der Geschichte vom Unglück oder Missgeschick eines anderen, und wir fühlen mit ihm.
Den kunstvollen Erzählungen und Romanen der Literatur, und wir folgen gespannt dem Geschick und den Taten ihrer Protagonisten.
Film und Theater erzählen uns Geschichten, und wir werden ein Teil von ihnen; wir lachen und weinen, als wäre die erzählte Geschichte ein Teil unseres eigenen Lebens.
Und wenn sie gut ist, wird sie das auch. Sie macht was mit uns (wie man so schön im Psycho-Jargon sagt).
Warum hören wir zu? Was bewegt uns an der erzählten Geschichte anderer Menschen, selbst wenn sie nur Fiktion ist? Was macht sie mit uns?
Wir haben die wunderbare Gabe der Einfühlung. Bewusst oder unbewusst, mehr oder weniger intensiv identifizieren wir uns mit den Personen der erzählten Welt. So werden wir selber Teil der Geschichte. Und die Geschichte wird ein Teil unseres Lebens.
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Die Bibel erzählt uns viele Geschichten. Eine davon steht im heutigen Predigttext:
Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß und er hielt’s wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er’s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.
Auch wenn die altertümlich-ländliche Lebenswelt dieser beiden weit weg ist von uns: Etwas rührt uns doch an bei dieser kleinen Geschichte. Und es ist wohl klar, mit wem wir hier mitfühlen, mit welchem der beiden Männer wir uns eher identifizieren: dem Armen oder dem Reichen…
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Diese kleine Geschichte ist Teil einer größeren Geschichte. In der Bibel wird uns davon erzählt, wie sie zum ersten Mal erzählt wurde
Und es wird uns erzählt, wie der reagiert hat, der sie als erster gehört hatte: nämlich zornig.
Der reiche Mann gehört bestraft! Er soll das Schaf des armen Mannes vierfach bezahlen! Ach, mehr noch: Wer sowas tut, der dürfte eigentlich gar nicht mehr leben!
Wahrscheinlich verstehen wir diese Reaktion sehr gut. Sie ist nahe bei dem, was wir empfinden.
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Der Geschichtenerzähler sagt: Richtig, du kannst dich ruhig mit dem Mann in dieser Geschichte identifizieren! – Denn: Du bist der Mann!
Aber nicht der arme Mann, dem so bitter Unrecht getan wurde und sein einziges Schäfchen genommen. Du bist der andere, der Reiche, der Böse, der dem, der wenig hatte, auch noch das Letzte genommen hat.
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Denn diese Geschichte ist Teil einer größeren Geschichte. In der Bibel wird sie uns erzählt:
König David trat am Abend nach einer ausgiebigen Siesta auf seine Dachterrasse und sein Blick fiel auf eine Frau – eine schöne Frau, eine nackte Frau, die sich gerade wusch. David ließ erkunden, wer denn die schöne Nachbarin wäre und erfuhr, das sei doch Batseba, die Tochter Eliams, die Frau Urias, des Hetiters, der gerade für König, Volk und Vaterland an der Front kämpfte. Und weil er es konnte – als König – ließ er Batseba zu sich kommen und schlief mit ihr.
Ein paar Wochen später schickte sie David eine Nachricht: Ich bin schwanger.
Von wem, wenn ihr Ehemann gerade im Felde war?
Also ließ David den Uria, ihren Ehemann, so schnell wie möglich auf Heimaturlaub kommen. Vorwand: Er sollte vom König selber empfangen und mit einer Tapferkeitsmedaille geehrt werden. Und dann sollte er nach Hause gehen, zu seiner Frau, dort übernachten und am übernächsten Tag zurückkehren an die Front. So könnte er am Ende doch noch als Vater erscheinen.
Doch der Plan scheiterte: Uria war so ein herzensguter Mensch, dass er sagte: Mein Feldherr muss im Zelt schlafen, meine Kameraden unter freiem Himmel – da kann ich doch nicht in mein festes Haus gehen und mit meiner Frau schlafen. Und er suchte sich einen Platz für die Nacht bei der Palastwache.
Also Plan B: Als Uria wieder an die Front zurückkehrte, hatte der König ihm eine versiegelte Botschaft an seinen obersten Vorgesetzten mitgegeben; darin stand sein eigenes Todesurteil. Er sollte sterben, und es sollte so aussehen, als wäre er zufällig im Gefecht gefallen…
Der Bote kehrte zu David zurück und berichtete, Uria sei im Kampf um die Stadt Rabba gefallen.
Man hielt die übliche Totenfeier, die Witwe Batseba trauerte eine angemessene Zeit; dann zog sie bei David ein, wurde seine Frau und brachte einen Sohn zur Welt.
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Diese Geschichte ist Teil einer noch größeren Geschichte. Denn sie steht in der Bibel.
Und da heißt es: Dem HERRN missfiel die Tat, die David getan hatte.
Der HERR sieht nicht teilnahmslos zu, sondern er identifiziert sich, wird Teil der Geschichte. Und weil er der HERR ist, tritt er selbst ein in die Geschichte.
Selber noch verborgen in den Kulissen, schickte er den Propheten Nathan zu David, damit der ihm eine kleine Geschichte von einem reichen und einem armen Mann und von Schafen erzählte: Davids eigene Geschichte in anderen Worten, mit der er sich identifizieren konnte: Du bist der Mann!
Und Nathan sollte ihm auch gleich noch erzählen, wie seine Geschichte weitergehen würde: Mit Leid und Unheil als Strafe. Deine Frauen werden dir genommen werden; dein Sohn wird sterben.
Dafür steht Gott in den Kulissen, dass das Böse am Ende nicht siegt, sondern die Gerechtigkeit.
So gehen die Geschichten häufig aus, die Menschen einander erzählen: Die Bösen werden bestraft. Die Gerechtigkeit wird wiederhergestellt. Im Märchen, in Hollywood und auch in der Bibel.
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In der Bibel nur etwas anders. Denn die Geschichte geht immer noch weiter:
Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN. Nathan sprach zu David: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben.
David hat sich selber erkannt in der Geschichte. Er hat sich zu seiner Schuld bekannt. Und Gott hat ihm am Ende vergeben. Seine Geschichte geht weiter. Obwohl er selber – nach seinen eigenen Worten – den Tod verdient hatte.
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Die Bibel erzählt uns viele Geschichten. Menschliche, allzumenschliche und göttliche. Geschichten, in die wir eintauchen können, mit deren Protagonisten wir uns identifizieren können im Guten wie im Bösen. Geschichten von David und Uria, von Kain und Abel, oder auch von Pharisäern und von Zöllnern. Und natürlich nicht nur Geschichten von Männern, sondern ebenso von Frauen: Frauen wie Thamar oder Ruth, wie Batseba oder Susanna, wie Maria oder Maria. Geschichten von Liebe und Leid. Und Schuld. Und Vergebung.
Die Bibel erzählt uns eine große Geschichte. Eine große Geschichte in vielen kleinen Geschichten. Die eine Geschichte von Gott und den Menschen, von Sünde und von Gnade, von Zorn und von Liebe, und davon, dass Gottes Gnade immer weiter reicht als unsere Sünde und dass seine Liebe immer größer ist als sein Zorn.
Warum? Warum diese Geschichte – von Gottes Liebe?
Weil Gott sich mit unserer Geschichte identifiziert, sich einfühlt und einlebt in unser Tun und Lassen, ja, auch in unser Leiden und in unsere Schuld, schließlich hineintritt in unsere Geschichte und mit uns liebt und leidet und stirbt und lebt.
Gott identifiziert sich mit uns und unserer Geschichte. Er macht unsere Geschichte zu seiner Geschichte. Und genau das ist seine große Geschichte, die wir erzählen. Immer wieder, immer weiter, bis auf den heutigen Tag.
Vielleicht ist es genau das, was uns Menschen zu Menschen macht: Dass wir einander Gottes Geschichte erzählen. In vielen kleinen Geschichten.