Donnerstag, 21. November 2013

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Donnerstag, dem 21. November 2013

Guten Morgen, liebe Hörer,

Jona, manche sagen auch Jonas, ist eine der bekanntesten Figuren der Bibel. Jona, der vor Gott Reißaus nahm, vom Walfisch verschluckt und wieder an Land gespuckt wurde und dann eben doch Gottes Auftrag ausführte.

Gottes Auftrag an Jona war: „Geh in die Großstadt Ninive und predige den Leuten, dass Gottes Strafgericht über sie kommen wird; 40 Tage noch!“ – Und nach all dem Ungemach im Bauch des Fisches geht Jona los und predigt, wie Gott es ihm aufgetragen hat.

Und dann geschieht das Unerwartete: Die Menschen von Ninive glauben seiner Predigt und tun Buße: Sie kommen zur Besinnung. Sie ändern ihr Leben. Sie bitten Gott um Gnade.

Und dann geschieht etwas noch Unerwarteteres, vor allem für Jona unerwartet: Gott kommt zur Besinnung. Er ändert seine Meinung und sagt das angekündigte Strafgericht ab.

Und dann heißt es in der Bibel: Das aber verdross Jona sehr und er ward zornig. – „Habe ich mir doch gleich gedacht, sagt er zu Gott, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist!“ Gott fragt: „Meinst du, dass du ein Recht hast, zornig zu sein?“ – Die Frage bleibt unbeantwortet.

Jona sucht sich einen Platz in einiger Entfernung von der Stadt und hofft immer noch, ihre Vernichtung miterleben zu können. Aber nichts dergleichen geschieht. Stattdessen wächst innerhalb weniger Stunden eine große Pflanze auf, eine Rhizinusstaude, die ihm Schatten spendet, und Jona freut sich. Am nächsten Morgen aber schon verdorrt die Pflanze und Jona ist wieder zornig: Ich möchte am liebsten sterben, sagt er. Und Gott fragt ihn wieder: „Meinst du, dass du ein Recht hast, zornig zu sein?“ – Und Jona antwortet: „Ja, ich habe alles Recht zornig zu sein.“ Und dann sagt Gott zu ihm: „Du klagst wegen so einer Pflanze, für die du nichts getan hast, die einfach da war und dann wieder eingegangen ist. Und mich sollte es nicht kümmern, wenn eine so große Stadt wie Ninive vernichtet würde mit all ihren Menschen und auch noch vielen Tieren?“

Die Geschichte von Jona endet mit diesen Worten. Die Moral, die ich darin finde heißt: Wenn Gott uns zur Besinnung ruft, zur Buße, dann nicht um uns zu verderben, sondern um uns zu retten. Bei Gott haben wir eine echte Chance.

Mittwoch, 20. November 2013

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Mittwoch, dem 20. November 2013

Guten Morgen, liebe Hörer,

der heutige Tag ist in einem deutschen Bundesland, nämlich in Sachsen, noch Feiertag. Es ist Buß- und Bettag. Und wahrscheinlich ist das außerhalb von Sachsen nur noch den wenigsten bewusst. Als man diesen Tag Mitte der 90-er Jahre aus dem deutschen Feiertagskalender strich, zugunsten der Pflegeversicherung, war sein eigentlicher Sinn ohnehin schon lange vergessen. Für viele war es ein Bus- und Bett-Tag geworden: Man machte eine Busreise zum Einkaufen ins benachbarte Ausland oder nutzte den freien Tag zum Ausschlafen.

Mit Buße und Beten hatte man nicht mehr so viel am Hut. Buße vor allem – das klingt sehr mittelalterlich, und auf jeden Fall unangenehm. Da wird uns eine Strafe angedroht: Das sollst du mir büßen! – Huch, lieber nicht! Und auf Bußgeldbescheide sind wir auch nicht scharf.

So eine Buße, die uns als Strafe auferlegt wird, hat aber zumindest einen Sinn: Sie soll uns zur Besinnung bringen, sie soll uns eine Lehre sein. Wenn ich einmal kräftig zahlen musste für zu schnelles Fahren, wenn ich dafür noch Punkte in Flensburg gesammelt habe, dann werde ich künftig genauer aufpassen, ob ich das noch mal mache.

Heißt christliche Buße nun: Gott bestraft uns, damit wir uns künftig mehr in seinem Sinn verhalten? Oder müssen wir aus göttlichen Erziehungsgründen irgendwelche Bußübungen leisten? – Nein, merkwürdigerweise nicht. Gott möchte uns zwar auch zur Besinnung bringen, so dass wir nach seinen Geboten, nach seinem Willen leben. Er möchte uns auch eine Lehre erteilen. Aber er geht davon aus, dass das auch ohne Strafe geht. – Zunächst. Er will uns die Strafe gerade ersparen.

Das Wort Buße kann man gut mit Besinnung übersetzen. Kommt zur Besinnung, Gott ist nahe. – So hat Jesus gepredigt.

Der Bußtag als arbeitsfreier Tag war mal dazu gedacht, dass wir zur Besinnung kommen und uns neu auf Gottes Willen ausrichten. Und auch wenn dieser Tag als Feiertag schon lange abgeschafft ist, vielleicht können wir uns ja auch so gelegentlich darauf besinnen, was gut ist und was verkehrt ist in unserem Leben. Das hieße: Buße tun, bevor wir für unsere Fehler büßen müssen.

Dienstag, 19. November 2013

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Dienstag, dem 19. November 2013

Guten Morgen, liebe Hörer,

gestern habe ich Sie mit Heinrich Heines Versen vom grauen Monat November begrüßt und am Ende von der Hoffnung auf das ewige Leben gesprochen. Wahrscheinlich wäre das dem guten alten Heine nicht recht gewesen. Denn nur wenige Zeilen weiter mokiert er sich über die Vertröstungs- und Entsagungslieder, das Eiapopeia vom Himmel. Und verkündet: Ein neues Lied, ein besseres Lied, / O Freunde, will ich euch dichten! / Wir wollen hier auf Erden schon / das Himmelreich errichten.

Inzwischen ist seine Botschaft angekommen. Die Menschheit versucht, es sich auf der Erde möglichst schon himmlisch gehen zu lassen. Und ist damit im Wesentlichen erfolgreich. Die Lebensqualität und das Wohlstandsniveau ist seit 1844, als Heine seine Verse veröffentlichte, in unvorstellbarem Maße gestiegen. Allein unser Leben hier im Inselparadies ist Zeugnis genug dafür. Tatsächlich geht es heute selbst den Ärmsten in fast jeder Hinsicht besser, als es damals den Reichsten ging: von der medizinischen Versorgung und der Lebenserwartung über die Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten, über die Mobilität bis hin zu Frieden, Freiheit und Sicherheit des Lebens: Wir leben fast wie im Paradies.

Für mich ist dabei immer wieder interessant und wichtig, dass das nicht der Erfolg von totalitären Zwangsmaßnahmen zur Menschheitsbeglückung war, sondern der Erfolg von freier Forschung und freier Wirtschaft. Aber das nur am Rande!


Dem Himmel auf Erden sind wir schon sehr nahe gekommen. Und doch bleibt da etwas Unerfülltes. Unser Himmel ist endlich. Er ist bedroht. Menschen werden älter, kränker, sterben. Auch im Inselparadies.

Wenn uns der Glaube Hoffnung macht auf noch mehr Himmel, auf den richtigen Himmel, auf Gottes Paradies, dann ist das mehr als Vertröstung. Ich bin überzeugt: Diese Hoffnung brauchen wir, und sie wird nicht sterben.

Montag, 18. November 2013

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Montag, dem 18. November 2013

Im traurigen Monat November war‘s, / Die Tage wurden trüber. / Der Wind riss von den Bäumen das Laub, / Da reist ich nach Deutschland hinüber.

So, liebe Hörer, dichtete Heinrich Heine einst. Viele von Ihnen haben den umgekehrten Weg eingeschlagen. Im traurigen Monat November sind Sie den trüben Tagen entflohen, haben Deutschland den Rücken gekehrt und sind wie die Zugvögel gen Süden geflogen.

Hier ist der November nicht trauriger als alle anderen Monate. Die Sonne wärmt immer noch. Trübe Tage sind selten. Herbst und Winter sind fern.

Der traurige Monat November in unserer mitteleuropäischen Heimat erinnert viele an Sterben und Tod. Katholische Christen gedenken am Monatsanfang ihrer Verstorbenen. Evangelische begehen den letzten Sonntag vor dem Advent als Totensonntag.

Herbst ist wie Sterben. Die Blätter werden von den Bäumen gerissen. Nebel und Frost legen sich auf das Land. Das Leben erstarrt und erstirbt. Dass wir dem entfliehen wollen, ist sehr verständlich, sehr menschlich.

Vor kurzem war ich in Deutschland. Weil ein Mensch gestorben war, im Herbst. Es war nicht schön. Der Herbst mit seiner Kühle, mit den kahlen Bäumen und der blassen Sonne war nicht schön. Und Abschiednehmen ist nicht schön. Sterbenmüssen ist nicht schön.

Ich bin froh wieder hier zu sein: im Licht, in der Wärme. So wie Sie.

Eines weiß ich aber: Ich kann wohl für eine Zeitlang dem Herbst und dem Winter entfliehen. Ich kann noch Sonne und Wärme genießen, wenn anderswo schon Kälte und Dunkel sind. Aber dem Herbst des Lebens, dem Abschiednehmen und Sterbenmüssen kann ich nicht entfliehen. Nicht auf Dauer.

Vielleicht können uns Sonne und Wärme hier aber auch daran erinnern, dass es trotz allem den ewigen Frühling gibt. Hoffnung. Neues Leben. Bei Gott.

Sonntag, 17. November 2013

Predigt am 17. November 2013 (Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres)

Liebe Schwestern und Brüder,
in Deutschland ist heute Volkstrauertag. Gedenktag für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Entstanden nach dem 1. Weltkrieg, als Tag der Trauer um die Kriegstoten. Umstilisiert zum Heldengedenktag von den Nazis. Nach 1945 wieder als Volkstrauertag begangen, nachdem der Toten so tausend- und millionenfach mehr geworden waren. Ein Tag, mit dem die politische Linke sich lange Zeit schwer getan hat, weil um Opfer getrauert wurde, die doch sehr oft auch Täter waren. Hatten wir Deutsche denn überhaupt ein Recht zu trauern, wo wir doch selbst das Leiden verursacht hatten? Hatte meine Oma überhaupt ein Recht zu trauern um ihren Mann, der aus Russland nicht zurückgekehrt war, wo er doch eigentlich gar nichts zu suchen hatte? – So wurde je länger je mehr nicht nur „unserer“ Kriegstoten gedacht, sondern aller Kriegstoten und der Opfer der Gewaltherrschaft, auch derer, die Widerstand geleistet haben, die sich nicht zu Mittätern machen lassen wollten. Es wurde ein Tag, der uns an unsere Verantwortung für Frieden und Freiheit gemahnte. Und mit dem sich doch nicht jeder identifizieren konnte, wenn die Bundeswehr Kränze niederlegte und gleichzeitig wieder deutsche Soldaten ihr Leben lassen mussten: in Afghanistan und anderswo.
Der Volkstrauertag liegt nahe am Totensonntag, wo wir ohnehin unserem Gedenken und unserer Trauer Raum geben. Und er liegt nahe am Buß- und Bettag, dem Tag der Besinnung: der Besinnung auf das, was verkehrt gewesen ist und immer noch verkehrt ist; dem Tag, an dem wir Schuld bedenken und bekennen. Und ich glaube, das ist ein richtiger und wichtiger Zusammenhang, in dem dieser Tag stehen sollte: dem Bedenken und Bekennen von Schuld. Dem Erinnern und Fragen: Was ist falsch gelaufen? – Und dem Weiterfragen: Was läuft womöglich heute falsch?
In diese unsere Besinnung hinein mag das Predigtwort des Propheten Jeremia sprechen. Hört die Worte aus Jeremia 8, die Verse 4 bis 7:
So spricht der HERR: „Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: ‚Was habe ich doch getan!’ Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten ihre Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“

Es gibt so etwas wie eine Eigendynamik von Schuld und Versagen. Ein Fehler zieht den anderen nach sich, und alles wird immer schlimmer. Auch so kann man die Geschichte der Weltkriege und der Diktaturen des 20. Jahrhunderts lesen.
In diesem Sommer hat das Buch eines australischen Historikers, Christopher Clark, Aufsehen erregt. Es heißt Die Schlafwandler und erzählt die Geschichte des 1. Weltkriegs. Seine These: Es gibt nicht den großen Bösewicht, der an allem schuld ist, sondern alle Beteiligten, alle politischen Akteure tappen wie Schlafwandler umher, folgen Sachzwängen, Bündnisverpflichtungen, politischem Kalkül und wachen auf in einer großen Katastrophe. Keiner hat es gewollt, und doch ist es so gekommen. Das heißt nicht: Es gibt keine Schuldigen, sondern es gibt viele Schuldige, viele Verantwortliche; das entlastet nicht, sondern das belastet doppelt. Weil es eine Geschichte von Verstrickung, Verhängnis und Irrtum ist, zugleich aber eben doch auch eine Geschichte von Schuld und Versagen. Eine Geschichte, die sich fortsetzt und weiterführt zur noch größeren Katastrophe des 2. Weltkrieges und der Massenmorde des 20. Jahrhunderts.
Ich habe dieses Buch nicht gelesen*. Aber ich habe in diesem Sommer ein anderes Buch gelesen. Ein noch umstritteneres: von Götz Aly „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ Götz Aly geht der Geschichte des Antisemitismus in Deutschland nach, die letztlich in der Massenvernichtung der Juden in Auschwitz und anderen Lagern gipfelt. Er zeigt, dass diese Geschichte eben nicht nur die Geschichte von wenigen geistigen Brandstiftern und barbarischen Nazi-Horden war, sondern eine Geschichte der Deutschen, zusammengesetzt aus vielen kleinen Bausteinen. Da waren die Urteile und Vorurteile über Juden, die aus dieser und jener Erfahrung erwuchsen und durch die politischen Bewegungen der Zeit verstärkt wurden. Da waren die sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts, aus denen die Juden erfolgreich hervorgingen, häufig erfolgreicher als die christlich-deutsche Mehrheit, und das löste Neid und Missgunst aus. Da war das Bild vom gerissenen und raffgierigen Juden schon von alters her präsent, und es wurde immer wieder neu unterfüttert. Da kam der rassische Antisemitismus dazu. Und, ja, auch die Ergebnisse des 1. Weltkriegs, die als bittere und ungerechte Demütigung verstanden und erfahren wurden und für die das Judentum mitverantwortlich gemacht wurde. Und dann kamen die Nazis mit ihren Versprechen, und mit ihren Erfolgen, dafür nahm man auch ihre Judenfeindschaft in Kauf, oder man fand gleich die eigenen Vorurteile bestätigt. Und als es dann immer schlimmer wurde für die Juden, da war es irgendwie zu spät auszusteigen, aufzuhören, Halt zu sagen. Und dann kam das schlimme Erwachen. Keiner hatte das gewollt. Aber eben doch etwas: Dass der Jude mal was auf die Mütze bekam, dass rassisch Deutsche in Deutschland bevorzugt wurden, dass man vielleicht sogar günstig an Haus und Geschäft, Gut und Geld des Juden kam, das fanden die meisten doch ganz in Ordnung.
Das Verhängnisvolle und das Bedenkenswerte an unserer Geschichte ist wohl gerade das: Die vielen kleinen Schritte, die vielen für sich genommen unscheinbaren Faktoren, die sich letztlich summiert, multipliziert, potenziert haben zu einer riesengroßen Katastrophe und einer riesengroßen Schuld. Alle – oder fast alle – tun das Falsche; alle – oder fast alle – laufen in die verkehrte Richtung; und keiner sieht es, keiner will es wahrhaben. Alle sind sie schuldig geworden, alle sind sie Täter, aber keiner will es gewesen sein. Wenn am Ende ihre Schuld auf sie zurückgefallen ist, dann sind sie die Opfer ihrer eigenen Taten geworden.
Das Predigtwort des Propheten Jeremia ist eine Klage darüber, dass Menschen es nicht merken, wie sie in die Irre laufen, wie sie auf die Katastrophe zusteuern. Wie Schlafwandler stolpern sie durch die Geschichte und wachen erst auf, wenn es zu spät ist. Jeremia gebraucht ein anderes Bild: Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. – Mit Scheuklappen, ohne rechts und links zu schauen, geradenwegs in den Untergang.
Wie lassen sich solche Katastrophen verhindern? – Vielleicht durch Innehalten, durch Gedenken, durch Besinnung. Eben nicht dahinstürmen, sondern anhalten und sich umschauen. Die Scheuklappen abnehmen. Und nicht einfach in dieselbe Richtung rennen, in der sie alle laufen.
Zur Besinnung kommen. Dazu gehört, dass wir an einem Tag wie heute nicht nur trauern. Nicht nur die Köpfe beugen, Kränze niederlegen und an die denken, die wir nicht mehr lebendig machen können. Dazu gehört auch, dass wir über uns nachdenken: Könnte es sein, ist es möglich, dass wir selber auf Wegen unterwegs sind, die ins Verderben führen? Dass auch wir Schritte tun, die für sich genommen nicht sonderlich schlimm zu sein scheinen, aber letztlich doch auf einen bösen Weg führen?
Mir fallen verschiedene Dinge ein, wo ich so meine Befürchtungen habe. Eines möchte ich heute nennen, weil es zu dem passt, worüber ich gesprochen habe: Ich sehe die Gefahr, dass wir zwar um die toten Juden von vor 70 oder 75 Jahren trauern, aber mit den lebenden Juden nicht viel besser umgehen als unsere Eltern und Großeltern damals. Wir sind entsetzt, wenn wir hören, wie wenig ernst sie damals Hitler genommen haben, mit seiner offenen Ankündigung, die Juden zu vernichten. Heute kündigen andere an, den Staat der Juden vernichten zu wollen, und wir strecken ihnen die Hände entgegen und sagen vielleicht: Israel ist selber schuld, dass keiner es leiden kann. So wie man damals gesagt hat: Die Juden sind selber schuld. Wir erklären den Staat der Juden zum Kriegstreiber, zum Apartheidstaat und was der Lügen mehr sind, anstatt das freieste und demokratischste Land des Nahen Ostens wenigstens mit unseren Worten in Schutz zu nehmen. Wenn man sich über die Finanzkrise unterhält, dann ist die Mär vom geldgierigen und alles beherrschende Judentum nie weit weg. Und wenn es um die internationale Politik geht, speziell die amerikanische, dann ist die Legende von der jüdischen Weltverschwörung nicht fern. In manchem Zungenschlag, den auch ich schon gehört habe, klingen die alten Vorurteile, Lügen und Verschwörungstheorien an. Der Jude ist an allem schuld; das glauben auch heute noch erschütternd viele. – Wenn wir heute so denken, dann führt das gewiss nicht unmittelbar in die Katastrophe. Aber je mehr so denken, um so leichter wird es für die, die auch entsprechend handeln.
Lasst uns doch gelegentlich innehalten und unser Denken, unser Handeln und unsere Vorurteile überprüfen. Damit wir nicht in die Irre gehen, sondern auf einen guten Weg geführt werden.
Lasst uns mit den Worten aus Psalm 139 bitten: Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Amen.

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* vgl. die Besprechungen in der FAZ, in der Welt und die weiterführenden Gedanken von Cora Stephan.

Sonntag, 10. November 2013

Predigt am 10. November 2013 (Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres)

Jesus sagte seinen Jüngern ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten, und sprach: „Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: ‚Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!‘ Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: ‚Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.‘“
Da sprach der Herr: „Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?“
Lukas 18, 1-8


„Die schon wieder!“ „Der schon wieder!“ – Geschäftsleute, Kundenbetreuer, Ärzte, Richter und sogar Pfarrer – wir alle kennen Leute, die wir lieber von hinten sehen – oder gar nicht. Wenn „der schon wieder“ anruft, wenn „die schon wieder“ vor der Tür steht, dann sind wir schon bedient. Lassen uns von der Sekretärin verleugnen oder versuchen uns unsichtbar zu machen. Es gibt Leute, die nerven einfach. Und manche von denen wissen auch, dass sie nerven, und tun es so lange, bis sie erreicht haben, was sie wollten.
„Die schon wieder!“, hat der Richter in unserer kleinen Gleichnisgeschichte wahrscheinlich aller paar Tage gesagt, wenn diese bestimmte Witwe wieder vor seiner Tür stand und die Entscheidung in ihrer Rechtssache einforderte. – Er hatte offenbar keine Lust, hatte anderes zu tun und einfachere und einträglichere Prozesse zu führen. Aber sie gab keine Ruhe, sie nervte. Und drohte vielleicht am Ende sogar: „Ich gehe zur BILD-Zeitung.“ Irgendwann hatte er die Nase voll und kümmerte sich um ihre Angelegenheit. Die Witwe bekam ihr Recht. Und er hatte seine Ruhe.
Ein Gleichnis darüber, dass wir allezeit beten und nicht nachlassen sollen. – So erklärt es der Evangelist Lukas. Ein komisches Gleichnis!
Stellt euch vor, Gott stöhnt: „Die schon wieder!“ oder „Der schon wieder!“, wenn du in Treue und Beharrlichkeit dein tägliches Gebet verrichtest! Stellt euch vor, Gott verdreht genervt die Augen, wenn er sich Sonntag für Sonntag die gesammelten Fürbitten seiner Christenheit anhören muss! Und dann sagt er sich genervt: „Naja, tun wir ihnen mal den Gefallen und erhalten den Frieden und schenken ein paar Leuten Heilung, geben da und dort gutes Wetter, und lassen ein paar andere im Glauben getröstet sterben, und was der Bitten mehr waren.“ – Und dann kommen sie am nächsten Sonntag wieder mit denselben Bitten …
Stellt euch vor, wir Christen gehen Gott auf die Nerven! Stellt euch vor, wir setzen es bei ihm durch, dass er tut, was wir wollen! Unser Wille geschehe, wie auf der Erde so auch im Himmel!
Stellt euch das mal vor! – Ein komisches Gleichnis! Nein, ein Un-Gleichnis. So ist es gerade nicht zwischen Gott und euch, sagt Jesus. So nicht!
Gott ist gerade kein korrupter Richter, wie er in dieser Geschichte vorgestellt wird. Gott geht es gerade nicht auf den Geist, wenn wir ihm auf den Geist gehen. Gott sagt gerade nicht: „Der schon wieder!“ oder „Die schon wieder!“, wenn wir was von ihm wollen. Nein, Gott ist unser Vater, der sich freut, wenn er seine Kinder sieht, und der ihnen gerne gibt, was sie brauchen.
Und wir sind keine nervenden Bittsteller, die anderen auf den Wecker gehen, um ihre Anliegen durchzusetzen. Sondern wir sind Gottes Auserwählte, sagt Jesus. Wir haben einen privilegierten Zugang zu Gott, Tag und Nacht. Und wir werden erhört und verstanden: Gott wird seinen Auserwählten Recht schaffen in Kürze.
Ein Un-Gleichnis ist diese Geschichte: Ihr habt es viel besser als so eine arme, rechtlose Frau, die nicht anders kann, als dem Richter die Türe einzurennen. Ihr habt es viel besser. Bei Gott habt ihr immer eine offene Tür, und er hört euch, erhört euch, und er schafft euch Recht.
Schön. Aber: Wer glaubt das noch? Wen interessiert das noch?
Mir scheint: Unser Problem ist es ja nicht, dass wir Gott zu viel und zu ausgiebig mit unseren Bitten und Gebeten belästigen. Wir tun es doch eher zu wenig, oder? – Ich weiß, es gibt sie: die sich jeden Tag Zeit nehmen für die Audienz bei Gott; die treu und zuverlässig ihre Gebetslisten abarbeiten; die die Lasten und das Unrecht der ganzen Welt immer neu zu Gott hintragen. – Aber ich weiß auch: Für viele ist Beten eine Formsache im Gottesdienst, oder sie pflegen noch kurze Standardgebete am Morgen oder vor dem Schlafengehen. Oder aber sie beten nur noch sporadisch. Wenn ihnen so ist. Weil es ihnen gerade so gut geht, dass sie Gott einfach Danke sagen müssen. Oder weil es ihnen gerade so schlecht geht, dass da nur noch Beten hilft. Oder sie betrachten beten als so eine Art Selbstgespräch oder Meditation.
Im Grunde genommen, so scheint mir, erwarten wir nicht mehr viel von Gott, und darum haben wir ihm auch nicht mehr so viel zu sagen. Gott sagt nicht: „Der schon wieder!“ oder „Die schon wieder!“, wenn wir was von ihm wollen. Er sagt wahrscheinlich eher: „Ach, dich gibt’s auch noch!“
Vielleicht hat sich die Geschichte umgekehrt. Wir sind wie der Richter im Gleichnis: Wir fürchten uns nicht vor Gott und scheuen uns vor keinem Menschen. Vor allem ersteres: Wir fürchten uns nicht vor Gott, lassen ihn einen frommen Mann sein, der nichts tut, vor dem man sich auch nicht fürchten muss. Weil er so lieb ist, der liebe Gott. – Und Gott ist geworden wie die Witwe im Gleichnis: Er läuft uns hinterher, rennt uns die Tür ein, macht auf sich aufmerksam, fordert sein Recht bei uns. Und wir – wir wollen einfach nicht.
Naja, es ist nicht erst bei uns so. Jesus ist es auch schon so gegangen. Darum auch seine Befürchtung: Wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?, fragt er sich.
Ich habe kürzlich das Verhältnis zwischen Gott und Mensch als Beziehungsproblem dargestellt. Und das ist es hier auch. Wo sich Gott und Mensch wie Bittsteller und Richter gegenüberstehen, wo einer darauf warten muss, dass er bei dem anderen zu seinem Recht kommt, weil der andere sich nicht mehr um den einen kümmert, da stimmt was nicht, da ist die Beziehung gestört.
Wo dagegen Glaube ist auf Erden, da wartet Gott nicht vergeblich auf die Menschen und ihre Gebete. Und da warten Menschen nicht vergeblich auf Gott und seine Hilfe.
Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Seine Hilfe ist nahe. – Das verspricht Jesus denen, die an Gott festhalten und zu Gott beten.
Viele Kirchen und Gemeinden begehen heute einen Tag des Gebets für verfolgte Christen. Ich glaube, an die hat Jesus besonders gedacht, als er von den Menschen sprach, die sehnsüchtig auf Gottes Hilfe warten. – Wenn wir schon nicht mehr viel von Gott erwarten und erbitten, dann lasst uns doch für die zu ihm bitten, die seine Hilfe, seinen Beistand heute besonders brauchen: die Christen in Syrien und Ägypten, im Iran und in Nigeria, in Nordkorea und in Laos und wie die Länder alle heißen, wo Glauben lebensgefährlich sein kann. Gott möge seine Hilfe nicht lange hinauszögern. Und er möge uns aus der Gleichgültigkeit und Selbstzufriedenheit reißen, in der wir leben, denen es so gut geht. – Denn: haben wir denn überhaupt das Recht vor Gott, dass es uns so gut geht, während andere leiden? – Also lasst uns an sie denken und für sie bitten. Damit die Witwen und Waisen dieser Welt, die Verfolgten und Vergessenen nicht allein bleiben.
Ja, Jesus möchte, dass wir allezeit beten und nicht nachlassen.

Sonntag, 3. November 2013

Predigt am 3. November 2013 (23. Sonntag nach Trinitatis)

Jesus lehrte seine Jünger und sprach: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: ‚Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten.‘ Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“
Matthäus 5, 33-37


Liebe Schwestern und Brüder,
die vergangene Woche war ja nun nicht mehr so sehr ergiebig, was die Neuigkeiten über den katholischen Skandal-Bischof mit dem langen Namen betrifft. Franz-Peter Tebartz-van Elst hat sich ins Kloster zurückgezogen und schweigt. – Besser so! Noch besser für ihn wäre es gewesen, er hätte schon früher geschwiegen. Hätte sich nicht in Halb- und Unwahrheiten verstrickt und die auch noch an Eidesstatt beschworen.
Du sollst keinen falschen Eid schwören. – Eine Selbstverständlichkeit eigentlich. Dazu schwört man Eide, damit klar ist: Diese Aussage ist verlässlich wahr. – Wenn sie es dann doch nicht ist, hat man sich strafbar gemacht.
Genau genommen hat man sich die Strafe Gottes zugezogen. Denn das ist ursprünglich ein Eid: Ich rufe Gott zum Zeugen an, den ich nicht belügen kann. Und ich rufe Gottes Strafgericht auf mich herab für den Fall, dass ich die Unwahrheit sage. Gott tue mir dies und das, wenn nicht… – so wird im Alten Testament immer wieder geschworen.
Und nun hat ein Bischof, einer, den man so gerne einen Gottesmann nennt, möglicherweise einen Meineid geleistet: Gott zum Zeugen angerufen für eine Falschaussage. (Und wenn es formal keine Falschaussage gewesen sein sollte, dann doch eine Aussage, die etwas anderes nahelegte, als das, was wirklich war.) Er hat den Namen des Herrn missbraucht – 2. Gebot (nach reformierter Zählung 3. Gebot)! – selbst dann, wenn er bei seiner Aussage, den Gottesnamen nicht in den Mund genommen hat. – Ja, so ernst muss man das nehmen.
Und das ist für mich auch der eigentliche Skandal. Menschliche Eitelkeit und Uneinsichtigkeit, ein misslungenes Baukostenmanagement, ein unzeitgemäßes Amtsverständnis – das kommt alles vor, das ist menschlich, da sollte man gnädig und barmherzig sein können. Und die Relationen wahren: Ein Monat Bauverzug auf dem Großflughafen Berlin kostet genau so viel wie die ganze Limburger Bischofsresidenz. – Nein, der eigentliche Skandal ist es, wenn einer, der von Berufs wegen der Wahrheit verpflichtet ist, die Unwahrheit sagt, und wenn einer, der Gott verpflichtet ist, Gott zum Kumpanen seiner Lüge macht – frei nach dem Motto: Gott sieht alles, aber er verrät mich nicht. – Wirklich nicht?
Du sollst keinen falschen Eid schwören. – Eine Selbstverständlichkeit eigentlich. – Jesus aber setzt noch eins drauf (so wie immer): Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt.
Warum nicht? – Nun, ihr seht es doch: auch die großen Schwüre und Indianerehrenworte der Ehrenmänner dieser Welt haben oft genug kurze Beine. – Wenn ihr ohnehin schon Schwierigkeiten mit der Wahrheit habt, dann macht es doch um Gottes Willen und um eurer selber willen nicht noch schlimmer und lasst Gott und Himmel und Erde doch einfach außen vor bei euren Aussagen! Schwört keine Eide, sondern sagt Ja oder Nein, und gut ist!
Eigentlich aber, eigentlich ist das noch ein bisschen anders gemeint: Wie wäre es denn, wenn ihr einfach nur und immer ganz genau die Wahrheit sagen würdet? Wie wäre es, wenn auf euer Wort Verlass wäre, auch ohne Schwüre und Ehrenworte? Wenn ein Ja Ja bedeutete, und ein Nein Nein? Wäre das nicht wunderbar? Wäre das nicht das Reich Gottes?
Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. – Ich verstehe das so: Wenn du Ja sagst, meinst du Ja, wenn du Nein sagst, meinst du Nein. Wenn das immer so ist und jeder von dir weiß, dass du die Wahrheit sagst, dann brauchst du keine eidesstattlichen Versicherungen abzugeben nach dem Motto: „Ganz ehrlich jetzt… Das kannst du glauben… Das ist nicht geflunkert… Ich übertreibe nicht… Großes Pionierehrenwort…“, und was der Floskeln mehr sind. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch…  ein großes Ehrenwort abgibt. Wer niemals lügt, dem glaubt man, auch ohne viel Brimborium drumherum. – Seid doch einfach solche ehrlichen, glaubwürdigen Menschen!, sagt Jesus.
Freilich, das ist leichter gesagt als getan. Wir wissen ganz gut, dass unsere ganze Kultur auf Lüge und Verstellung beruht. Schon wenn ich dem Nachbarn einen Guten Morgen wünsche, kann das gelogen sein. Und doch gebietet es die Höflichkeit, und letztlich ist es auch besser, wir wünschen uns einen guten Morgen, als dass wir uns sagen: Du kannst mir gestohlen bleiben. Wir sagen uns nicht immer offen, was wir voneinander halten. Wir verbergen unsere wahre Gesinnung, um des lieben Friedens und des freundlichen Miteinanders willen. Dieses unvergessene ehrliche Wort, das vor ein paar Monaten von Parteifreund zu Parteifreund gesagt wurde: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“, sollte vielleicht doch nicht unbedingt Schule machen.
Ja, es gehört wohl zu unserer menschlichen Existenz dazu, dass wir die Wahrheit in reiner Form nur selten antreffen, ja, dass wir die Wahrheit in reiner Form auch nur selten ertragen. – Wer möchte schon immer genau wissen, was die anderen von einem denken? – Trotzdem, Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind ein Ideal, philosophisch gesprochen: eine regulative Idee, an der wir uns immer orientieren sollten, die wir zwar nicht erreichen, an die wir uns aber annähern können. Wenn wir auch nicht immer eindeutige und wahrhaftige Ja- und Nein-Sager sein können, so sollen wir uns doch wenigstens darum bemühen und so nahe wie nur möglich dranbleiben an der Wahrheit.
Wahrheit bedeutet im Grunde genommen Übereinstimmung: Aussage und Wirklichkeit stimmen überein. Was ich sage und was ich denke, stimmt überein. Was ich lebe und was ich glaube, stimmt überein.
Wenn Ja Ja bedeutet und Nein Nein, dann sind wir in Übereinstimmung mit uns selbst. Wo Ja und Ja, Nein und Nein auseinanderfallen, da fallen wir selber auseinander. Wir spielen Rollen, wir tragen Masken, wir sagen hier etwas anderes als dort. Wir werden im Extremfall zu gespaltenen Persönlichkeiten.
Wenn Ja Ja bedeutet und Nein Nein, dann sind wir auch in Übereinstimmung mit unserem Nächsten. Er weiß, woran er ist mit uns. Wir sind nahe beieinander. – Das ist etwas, was gute Ehen, Partnerschaften und Freundschaften auszeichnet: Dass man sich die Wahrheit sagen kann, ohne sich zu verstellen und ohne sich zu verletzen.
Wenn Ja Ja bedeutet und Nein Nein, dann sind wir auch in Übereinstimmung mit Gott. Gott können wir ohnehin nicht belügen, eher noch uns selbst. Gott ist die Wahrheit.
Jesus ruft uns zur Wahrheit, zur Wahrhaftigkeit. Denn Jesus ruft uns zu Gott. Gott ist die Wahrheit. Er ist wahrhaftig. Davon leben wir: dass Gottes Worte wahrhaftig sind, zuverlässig. Dass wir ganz gewiss sein dürfen: Gott sagt Ja zu uns, und dieses Ja gilt in alle Ewigkeit.
Und wenn Gott zu uns Ja sagt, dann sagt er auch dann noch Ja, wenn wir etwas verbockt oder versaut haben, wenn wir etwas am liebsten verstecken und ungeschehen machen wollen. Wir müssen uns und der Welt nicht die Wirklichkeit zurechtlügen. Gott, der die ganze Wahrheit kennt, sagt Ja zu uns, auch da, wo wir sein Nein verdient hätten. Das sollte uns frei machen vor allen falschen Ängsten vor der Wahrheit. Wenn Gott Ja sagt, können auch wir bei der Wahrheit bleiben. Jesus sagt: Die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8, 32)