Montag, 30. Mai 2011

Predigt vom 29. Mai 2011 (Rogate)

unter Verwendung einer Predigt von 2005


Jesus sprach zu seinen Jüngern: "Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: 'Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann', und der drinnen würde antworten und sprechen: 'Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.' Ich sage euch: ' Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.
Und ich sage euch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn er ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!"
Lukas 11, 5-13


Liebe Gemeinde,

es gibt so bestimmte Sprachfehler. Manche Leute können mir und mich nicht unterscheiden, manche verwechseln mein und dein. Ein sehr verbreiteter Sprachfehler ist auch, nicht Nein sagen zu können. Solche Leute werden gern um Hilfe und Gefallen gebeten, aber irgendwann schaffen sie es nicht mehr und brechen unter all dem zusammen, was sie sich haben aufladen lassen. Manchmal ist es gut, mit einem deutlichen Nein eine Grenze zu ziehen.

Heute geht es mir um einen anderen Sprachfehler, der oft mit dem Nicht-Nein-sagen-Können gemeinsam auftritt: um den Fehler, nicht Bitte sagen zu können. Es gibt Menschen, denen fällt es unheimlich schwer, jemanden anders um einen Gefallen zu bitten, um eine Hilfeleistung oder z.B. auch darum, eine Aufgabe in der Gemeinde zu übernehmen.

Auch ich bin jemand, dem es immer noch ziemlich schwer fällt, Nein zu sagen und Bitte zu sagen. Denn wenn ich Nein sage oder Bitte sage, dann könnte es ja sein, dass ich es jemandem nicht recht mache, oder dass ich ihn verärgere: Ich möchte etwas von ihm, was er vielleicht nicht so gerne will. Oder ich möchte etwas nicht, was er doch gerne will.

Dabei ist es doch ganz einfach und logisch: Wenn ich etwas von jemandem bekommen will, muss ich ihn darum bitten. Er kann mir meine Wünsche doch nicht von der Nasenspitze ablesen. Wenn ich nicht bitten kann, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn ich nichts erhalte, nichts erreiche und alles allein schaffen muss.

Jesus hilft uns, diesen Sprachfehler zu überwinden. Er erzählt Beispiele, wie Bitten geht und was Bitten bringt:

Eine alltägliche Begebenheit unter befreundeten Nachbarn. Da kommt spät abends noch Besuch, unangemeldet, hungrig von der langen Reise. – Vielleicht auch nicht mehr so alltäglich. Denn wir melden uns an, bevor wir auf Besuch kommen. Aber zu Jesu Zeiten gab es kein Telefon und kein Handy und auch keine Post. – Da steht also einer vor der Tür, ein alter Bekannter, und ich lasse ihn natürlich ein, und ich möchte ihm natürlich gern etwas vorsetzen. Aber der Kühlschrank ist leer, das Bier ist alle. Ich brauche also was zu essen für ihn und für mich. Es ist spät abends – nach Mitternacht. Da hat auch die Pizzeria schon Feierabend und die Tankstelle ist zu.

Was also tun? – Zum Glück habe ich einen Nachbarn, der auch noch mein Freund ist. Ihn werde ich bitten. Das fällt mir schwer, weil ich eben unter dem bekannten Sprachfehler leide. Ich selber konnte meinem alten Bekannten vor der Tür natürlich seine Bitte um Einlass und Unterkunft nicht abschlagen; ich kann ja nicht Nein sagen, und das wäre in dieser Situation auch wirklich nicht angebracht. Aber jetzt selber bei dem anderen vor der Tür stehen, ihn wecken und ihn bitten, das fällt schwer.

Aber ich tue es. Ich gehe hin und klingle ihn raus. Erkläre ihm die Situation und bitte ihn um etwas Essen und Trinken für meinen alten Bekannten. Und klar, mein Nachbar ist nicht erfreut, um diese Zeit von mir gestört zu werden. Er hat schon geschlafen, seine Familie auch. Und jetzt mache ich Unruhe. – Für die Zeit Jesu dürfen wir uns das alles noch ein bisschen dramatischer vorstellen. Man lebt in kleinen Hütten, alle schlafen im selben Raum. Vor der Tür ist ein schwerer Holzriegel. Jetzt aufmachen, Licht anzünden, etwas zu essen suchen – da wachen garantiert die Kinder auf. – Deshalb: Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.


Wer jetzt nicht gelernt hat, wirklich zu bitten, der wird enttäuscht umkehren. Wird sich sagen: "Es war vielleicht wirklich zu viel verlangt." Wird sich vielleicht über seinen Freund ärgern, und über sich selbst, weil er nicht noch deutlicher Bitte gesagt hat. – Aber es ist doch so: Mit etwas mehr Beharrlichkeit, etwas mehr Drängen und Betteln hätte er sein Ziel erreicht. Wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens im alten Luthertext heißt es: um seines unverschämten Geilens willen – aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.

Ja, manchmal muss man etwas nachdrücklicher werden. Manchmal muss man sogar unverschämt werden, um zu erreichen, was man möchte.

Unsere Kinder – oder unsere Enkel – wissen das. Und oft genug haben sie ihr Ziel erreicht, weil sie nur lange genug gedrängelt und gequengelt und gebettelt haben. Sie haben das Bitte-Sagen ganz gut gelernt – von uns, die wir nicht Nein sagen können.

Aber vielen von uns Älteren ist es anders ergangen. Uns wurde das als Kindern schon abgewöhnt: „Wer bettelt, kriegt nichts.“ Und so haben wir verlernt zu bitten und zu betteln und zu quengeln und zu drängeln, auch dort, wo es nötig wäre. Da haben wir unseren Sprachfehler mitgekriegt. Liebe und Anerkennnung kriegst du nur, wenn du lieb bist, wenn du nicht bettelst.

Genau: Kinder, die ihre Eltern bitten – das ist das zweite Beispiel, das Jesus erzählt. Er weiß, dass Eltern ihren Kindern, zwar nicht alles geben, was sie erbitten, aber alles, was sie wirklich brauchen, wenn sie darum bitten. Jedenfalls keine Schlange, wenn sie um einen Fisch bitten, und keinen Skorpion, wenn sie um ein Ei bitten. (Mal abgesehen davon, dass es dieses hässliche Viehzeug auf unserer Insel gar nicht gibt!)

Es hat also Sinn zu bitten – wenn das Erbetene sinnvoll ist. Und es ist wichtig zu bitten. Denn woher soll ein anderer Mensch wissen, was ich brauche oder was ich mir gerade von ihm wünsche, wenn ich es ihm nicht sage?

Es gibt so ein Ideal, dass Menschen, die sich lieben, sich jeden Wunsch von den Augen ablesen können, so dass man einander gar nicht mehr bitten muss. Meine Frau ist so eine Idealistin. Sie denkt manchmal, ich müsste doch wissen, was sie sich gerade von mir wünscht oder was sie erwartet und ist dann enttäuscht, wenn sich ihre Erwartung nicht erfüllt. Und umgekehrt meint sie, mir Wünsche und Erwartungen zu erfüllen, von denen sie nur vermutet, ich habe sie, und dann muss ich ihr sagen: "Das wollte ich jetzt aber gar nicht." – Solche Erlebnisse sind manchmal etwas frustrierend. Weil aus dem Gut-gemeint eben kein Gut-gemacht wird. Es ist einfacher und klarer, gerade wenn man sich liebt und vertraut, einander zu sagen, was man sich vom andern wünscht oder erwartet. Es ist oft besser, einfach Bitte zu sagen.

Jesus möchte uns helfen, diesen Sprachfehler zu überwinden. Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

Das ist so zwischen uns Menschen. Und das ist auch so zwischen Mensch und Gott. RogateBetet, so heißt dieser Sonntag. Und das Wort Beten kommt ja von Bitten – oder gar umgekehrt? – Darum geht es Jesus vor allem und in erster Linie, wie das zwischen den Menschen und Gott ist mit dem Bitten, wie es also mit dem Beten aussieht. Und da ist leicht festzustellen: Auch da haben viele einen Sprachfehler. Sie mögen nicht beten, sie mögen Gott nicht bitten. – Es gibt eine eigenartige Sprachlosigkeit oder Spracharmut gegenüber Gott.

Das ist oft ganz ähnlich wie zwischen zwei Menschen. Wir erwarten, dass Gott uns unsere Wünsche und Bitten doch von den Augen ablesen kann – ach, mehr noch: aus den Herzen. – Kann er ja auch. Aber trotzdem möchte er gebeten sein. Er wünscht sich von uns, dass wir uns selber auch klar machen, was wir von ihm wollen und erwarten. Wenn wir ihm das betend sagen, dann ist es für uns selber klarer. Für Gott war es sicher schon vorher klar. Aber es ihm klar zu sagen, gibt ihm die Möglichkeit auch klar zu antworten. Wenn wir gegenüber Gott eine konkrete Bitte geäußert haben, dann ist für uns auch klar erkennbar, ob er sie erfüllt hat oder nicht. Sonst ist es doch ziemliches Wischiwaschi: Was Gott tut, das ist wohl getan – schon richtig. Aber wir kriegen gar nicht richtig mit, was er getan hat und was nicht, wo und wie er auf unsere Wünsche und Befindlichkeiten geantwortet hat.

Und mag sein, er antwortet auch deshalb nicht oder erfüllt deshalb unsere Wünsche nicht, weil wir sie ihm nicht sagen. Gute Eltern wissen, was ihrem Kind nützt und gut tut. Aber sie wollen auch darum gebeten sein. So bringen wir unseren Kindern bei zu sagen, was sie wollen, und Bitte zu sagen. Gott ist für uns wie ein Vater, der um manches gebeten sein will. Damit wir auch merken, dass er auf unsere Wünsche und Bedürfnisse eingeht.

Freilich – das wissen wir auch: Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche. Und mit manchen Bitten liegt mancher Gott schon lange in den Ohren, und doch wird ihm diese Bitte nicht erfüllt. – Aber oft, meistens, bekommst du dann doch von Gott eine Antwort, ein Nein mit dem du leben kannst und Frieden findest. – Der Apostel Paulus erzählt von seinem persönlichen Leiden seinem „Pfahl im Fleisch“, für das er immer wieder gebetet hat, dass Gott ihn davon befreien möge. Aber Gottes Antwort war Nein. Doch was für ein Nein: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig (2. Korinther 12, 9). Eine Antwort, die Frieden gibt. Und Paulus hat dann auch den Sinn erkannt, warum Gott Nein gesagt hat: damit ich mich wegen meiner hohen Offenbarung nicht überhebe (2. Korinther 12, 7).

Ein Vater gibt seinem Sohn keine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet. Aber es könnte doch umgekehrt sein: Der kleine Junge in seiner Naivität sieht die Schlange am Wegesrand und möchte mit ihr Spielen und bittet seinen Vater darum. Er weiß es noch nicht, dass sie giftig ist. Aber der Vater weiß es und wird ihm seine Bitte nicht erfüllen. Vielleicht erklärt er es seinem Kind. Oder er muss sagen: "Du wirst das später verstehen."
So ist es wohl auch mit Gott und mit den Bitten, die er offenbar nicht erfüllt. Dann ist es uns besser so, und einmal werden wir auch sein Nein verstehen. Aber das darf kein Grund sein, ihn nicht zu bitten.

Jesus sagt uns, worum wir vor allem bitten sollen: um den Heiligen Geist – die Kraft aus der Höhe, wie er auch genannt wird. Das ist das Wichtigste und das, was wir am meisten brauchen: Kraft aus der Höhe. Er ist die Kraft, die wir gerade konkret brauchen:
Kraft zu heilen, oder Kraft Leiden zu ertragen.
Kraft, die rechten Worte zu finden, oder Kraft die Sprachlosigkeit auszuhalten.
Kraft einem andern zu helfen, oder Kraft die eigenen Grenzen zu erkennen.
Kraft andere zu führen, oder Kraft sich selbst zurückzunehmen.
Kraft Berge zu versetzen, oder Kraft Lasten zu tragen …

Welche Kraft brauchst du am meisten? – Erbitte sie von Gott. Gott will dir geben, was du brauchst. Aber bitte sag's ihm. Tu deinen Mund auf und tu dein Herz auf zu Gott. Er hört dich und er antwortet dir und er gibt dir seine Kraft aus der Höhe.

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