Sonntag, 11. September 2016

Predigt am 11. September 2016 (16. Sonntag nach Trinitatis)

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.
2. Timotheus 1, 7-10

Kraft – Liebe – Besonnenheit.
Es gibt Tage, da spüre ich keine Kraft. Ich stehe müde auf. Und schon der Weg ins Bad ist eigentlich zu lang. Ich weiß, was heute dran ist. Was auf mich zukommt. Das Alltägliche. Nichts Unmögliches. Nicht mehr, als zu schaffen ist. Und doch irgendwie zu viel. Heute.
Frühstück. Langes Frühstück mit vielen Artikeln im Internet. Und irgendwann dann doch der notwendige Weg ins Büro. Und endlich irgendwie anfangen.
Manchmal fehlt mir die Kraft fürs Selbstverständliche. Und ich denke: Wie machen die das? Die früh um Sechs schon auf Twitter Guten Morgen gewünscht haben, ihre Kinder versorgt, zur Schule und zum Kindergarten gebracht haben, dann auf Arbeit gefordert sind, die Kinder nach der Arbeit wieder abholen, mit ihnen Hausaufgaben machen und noch einen ganzen Haushalt managen? Wie machen die das, die tage-, wochen-, monate-, manchmal jahrelang einen Menschen zu pflegen, zu versorgen haben, morgens früh schon und abends immer noch und dazwischen auch und selbst noch in der Nacht. Woher nehmen die die Kraft dafür? Oder leben sie in Wahrheit über ihre Kraft? Was schafft, was erträgt der Mensch, wenn es drauf ankommt?
Es gibt Tage, da spüre ich keine Liebe. Oder wenig. Der Mensch, mit dem ich mein Leben teile, nervt mich, ärgert mich, kann mir gestohlen bleiben. Für die Leute, die mich brauchen, bin ich da, aber an manchen Tagen spüre ich keine Liebe für sie, kein Verständnis, keine Sympathie oder Empathie. Ich bin mir selbst genug. Oder nicht mal das: kann mich selber auch nicht leiden, so lieblos, so gleichgültig, wie ich bin.
Und ich frage mich: Wer kann das: immer lieben? Gott, den Nächsten, sich selbst? Den Bruder? Die Schwester? Den Feind? Den Freund? Den Partner? Sie sind nicht immer liebenswert. Ich bin es auch nicht.
Es gibt Tage, da fehlt mir die Besonnenheit. Da flippe ich aus, brülle rum, schimpfe auf die Idioten: im Internet, in der Politik, auf der Straße – und sogar in der Kirche.
Manchmal tue ich, sage ich, denke ich Dinge, die nicht gut sind: weil sie mir und anderen schaden. Esse zu fett, trinke zu viel, fahre zu schnell. Manchmal sage ich Dinge, die ich hinterher bereue, weil sie etwas kaputt machen, was dann schwer wieder zu heilen ist. Worte, einmal ausgesprochen, lassen sich nicht wieder zurückholen.
Ich kenne Menschen, die wirken immer vernünftig, überlegt und besonnen. Wie machen die das?
Ich kann das nicht. Im Beruf, in der Öffentlichkeit geht es meistens noch – obwohl: die Chancen stehen nicht schlecht, dass mich jemand schon mal hat Sch... rufen hören – was sich einfach nicht gehört, und für einen Pfarrer schon gar nicht.
Gott hat uns gegeben dein Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
Wenn Gottes Geist in mir wäre, müsste ich dann nicht immer stark sein? Liebevoll? Besonnen?
Das Gegenteil von Kraft heißt Schwäche. Und da fällt mir ein Bibelwort ein, wo Kraft und Schwäche versöhnt nebeneinanderstehen: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig (2. Korinther 12,9), hat Gott zu Paulus gesagt, als der sich gerade besonders schwach vorkam. Schwäche ist keine Schande, sondern eher ein Erinnerungszeichen Gottes: Es kommt nicht auf deine Kraft an, sondern auf meine. Du darfst schwach sein. Ich will in dir stark sein.
Das Gegenteil von Liebe heißt Hass – oder doch Gleichgültigkeit? Wohl beides. Und ich denke an Bibelworte, die wir gerne übersehen, überlesen oder aus den kirchlichen Lesungen rauslassen. In dem doch eigentlich so wunderbaren Psalm 139 heißt es: Sollte ich nicht hassen, Herr, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden. – Wir können natürlich christlich arrogant daherkommen und sagen: solche Worte aus dem Alten Testament sind durch Jesus überholt; sie sind vorchristlich. Wir könnten sie aber auch lesen als Worte einer Leidenschaft für Gott, für das Gute, für die Gerechtigkeit, einer Leidenschaft, die uns schon fremd geworden ist. Die Rückseite der Medaille, auf der vorn steht: Liebe Gott und deinen Nächsten! Kann es das für uns überhaupt geben: Liebe ohne Leidenschaft, ohne Zorn und ohne Hass?
Ich finde das ja spannend auch im Blick auf die Kampagnen und Diskussionen über so genannte Hassrede im Internet. Oftmals sind die Botschaften derer, die gegen rechten und rechtsradikalen Hass gerichtet sind, ebenso hasserfüllt. – Wie wäre es, wenn wir uns, die wir uns als Botschafter der Liebe verstehen, unserer blinden Flecken bewusst wären und des Hasses, der auch in uns selber ist? So wie der Psalmbeter? – Gott hält uns einen Spiegel vor und sagt uns: Du, Mensch, klein und begrenzt wie du bist, du kannst das nicht: lieben, ohne zu hassen. Aber ich kann es. Ich bin die Liebe. Und ich liebe dich!
Das Gegenteil von Besonnenheit ist – ja, was eigentlich? Unbesonnenheit, klar. Oder Besinnungslosigkeit? Oder Unbeherrschtheit? Oder Leichtsinn? Oder Spontaneität: Ich tue, was mir gerade einkommt, ohne erst darüber nachzudenken? Vielleicht sogar Naivität, Kindlichkeit? – Wenn ich was will, dann bettle und quengle ich. Wenn mir was wehtut, mich ärgert oder stört, dann schreie ich. Wenn mich was freut, dann juble ich und tanze und springe. Wenn mir etwas einfällt, dann will ich es gleich in die Tat umsetzen. Geduld, Besonnenheit, Selbstbeherrschung, Zucht (wie die alte Übersetzung dieser Stelle hieß) – das haben sie mir erst antrainiert, als sie mir meine Kindlichkeit abtrainiert haben. Lass deine Gefühle raus, sagen manche Hobbypsychologen. Und „dreimal laut Sch… rufen ersetzt eine Stunde Seelsorge“, sagen Pfarrkollegen.
Ich denke an Jesus. Der hat auch manchmal die Beherrschung verloren. Hat geweint über die Stadt Jerusalem. Hat vor Wut und Ärger im Tempel randaliert. Das war bestimmt kein Akt der Besonnenheit. Er hat entscheidend dazu beigetragen, dass Jesus als Unruhestifter festgenommen und verurteilt wurde. Und ich denke natürlich daran, dass Jesus gesagt hat: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Reich Gottes kommen. Wenn wir wie die Kinder werden, dann werden wir halt auch manchmal kindisch. Besonnenheit ist gut, sagt Gott, aber auch ein Gotteskind ist ein Kind, und ein Kind darf auch mal die Beherrschung verlieren. Und wenn du dich mal nicht beherrschen kannst – ich bleibe dein Herr.
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Schwäche, des Hasses und der Unbeherrschtheit. – Das mag irgendwie so sein. Aber es steht nicht da. Weil es nicht so wichtig ist. Es steht da: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht. Man könnte noch besser übersetzen: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Verzagtheit.
Verzagtheit – das ist die größte Sünde.
Verzagtheit heißt: Du hast den Glauben aufgegeben. Den Glauben, dass das, was nicht gut ist, besser werden kann. Den Glauben an dich selbst, den Glauben an das Gute, den Glauben an Gott. Den Glauben, dass er dir Kraft und Liebe und Besonnenheit schenkt.
Verzagtheit ist das Loch, aus dem du nicht herauskommst, weil du nicht mehr herauskommen willst.
Verzagtheit ist geistliche Lähmung.
Verzagtheit führt sogar zum geistlichen Tod, weil an Gott verzagen bedeutet: am eigenen Heil verzagen; Gott nicht mehr zutrauen, dass er mich retten will.
Der Geist der Verzagtheit, das ist in Wahrheit der böse Geist, der Teufelsgeist und Lügengeist.
Er will dir einreden, dass deine Schwäche stärker ist als Gottes Kraft.
Dass deine Lieblosigkeit größer ist als Gottes Liebe.
Und dass deine Unbeherrschtheit der Herrschaft Gottes im Wege steht.
Liebe Schwester, lieber Bruder und mein verzagtes Herz, dem ist nicht so!
Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen.
Jesus Christus hat es offenbar gemacht, dass das Leben nicht zu töten ist.
Und dass keine Macht der Welt, dich aus Gottes Hand reißen kann.
Das ist die gute Nachricht für dich!
Darum fürchte dich nicht!
Darum verzweifle nicht!
Darum sei unverzagt!

Sonntag, 4. September 2016

Predigt am 4. September 2016 (15. Sonntag nach Trinitatis)

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.
Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.
Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.
Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
1. Petrus 5, 5c-11
*
Der allmächtige Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der dich von neuem geboren hat durch das Wasser und den Heiligen Geist und dir alle deine Sünde vergibt, der stärke dich mit seiner Gnade zum ewigen Leben. Friede sei mit dir.
Wenn ich einen Menschen getauft habe, sei es ein kleines Baby, so wie hier in drei Wochen wieder, oder eine Erwachsene, so wie kommenden Sonnabend auf Gomera, wenn ich einen Menschen getauft habe, dann lege ich ihm die Hand auf den Kopf und spreche dieses Segenswort.
Und ich denke daran: So oder ganz ähnlich ist es schon zu mir gesprochen worden.
Auch auf meinem Kopf lag eine segnende Hand.
Stellvertretend für Gottes Hand.
Für Gottes gewaltige Hand.
Gewaltig, aber nicht gewalttätig.
Sondern schützend.
Bergend.
Behütend.
Dass ich es spüre:
Gottes Kraft ist über mir.
Gottes Gnade ist in mir.
Gottes Friede ist mit mir.
*
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.
Demut geht gar nicht mehr.
Der Begriff stammt aus patriarchalischer Zeit und ist aufgebraucht (las ich in einem aktuellen Impuls zur Predigtvorbereitung*).
Durchsetzungsfähigkeit zählt.
Seine Stärken kennen und herausstreichen – das zählt.
Sich selbst etwas zutrauen und sich gut verkaufen – das zählt.
Nur keine falsche Bescheidenheit!
Am besten überhaupt keine Bescheidenheit!
Demut geht gar nicht mehr.
Wer mag sich gerne unterordnen?
Wer möchte gern der Kleinste sein?
Wer freut sich, wenn er das Nachsehen hat?
Ausgestochen, abgewählt, zurückgesetzt,
übersehen, verlassen, vergessen, ersetzbar –
wer möchte das gerne sein?
Genau: Keiner.
Darum geht Demut gar nicht mehr.
Nicht mehr? – Demut ging noch nie.
Weil das noch nie jemand wollte:
der Kleinste sein, der Verlierer, die Null.
Patriarchalische Verhältnisse funktionierten ja deshalb, weil fast jeder noch an einer Stelle Patriarch sein durfte (oder auch Patriarchin).
Sicher, jeder hatte einen über sich, vor dem er demütig buckeln musste.
Aber fast jeder hatte noch irgendwo einen Schwächeren unter sich oder neben sich, den er treten konnte:
der Meister den Gesellen, der Geselle den Lehrling, der Lehrling den kleinen Bruder, der kleine Bruder den jüngeren Mitschüler, der kleine Junge den behinderten Bettler.
Demut ging noch nie.
Nur demütigen ging:
Den andern, die andere.
Nur nicht sich selbst.
(Wenn es nicht unbedingt sein musste.)
So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes.
Vielleicht ist es ein Missverständnis:
Statt Demut geht gar nicht mehr sollte es heißen:
Demütigen geht gar nicht mehr. Nämlich: andere demütigen.
Wenn wir die patriarchalischen Verhältnisse wirklich abgeschafft haben, dann haben wir auch das Demütigen abgeschafft.
Dann werde ich nicht größer, wenn ich den anderen kleiner mache.
Dann muss der Mann der Frau nicht seine Überlegenheit demonstrieren, seine angebliche Überlegenheit.
Dann kann der Chef auch mit Kritik seiner Mitarbeiter umgehen.
Dann können Eltern ihre Kinder mit Argumenten und mit dem eigenen Vorbild erziehen, statt mit Schlägen.
Dann müssen Cliquen nicht über die eine herziehen, die heute gerade nicht dabei ist.
Andere demütigen geht gar nicht mehr.
Bevor ich anfange mich selber zu demütigen, kann ich schon mal aufhören andere zu demütigen.
Und damit bin ich dann schon gar nicht mehr so weit weg von der Demut, die die Bibel meint.
So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes.
Unter die gewaltige Hand Gottes.
Nicht unter die Hand von Menschen, die sich anmaßen, über uns bestimmen und verfügen zu dürfen.
Unter die Hand Gottes, die schützende, bergende, behütende.
Wenn wir die patriarchalischen Verhältnisse wirklich abgeschafft haben, dann bleibt nur noch einer übrig, der wirklich über uns steht: Gott.
Egal, was ich von mir halte: Bei ihm muss ich neidlos anerkennen, dass er größer, besser, schöner, klüger, mächtiger – einfach vollkommener ist als ich.
So lange Gott ist, kann ich nicht der Größte sein.
So demütig bin ich.
Gott Gott sein lassen.
Dann lässt er mich auch Mensch sein.
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
Das Ende aller falschen Demut.
Das Ende aller Demütigungen, aller Erniedrigungen und Beleidigungen.
Das Ende aller falschen Bescheidenheit und aller verlogenen Überheblichkeit.
Das Ende der Herrschaft von Menschen über Menschen.
Dafür steht Gott.
Und wenn wir auch dafür stehen, dann ist das wohl die rechte Demut:
Gott Gott sein lassen.
Und den Menschen Mensch sein lassen.
Unter Gottes gewaltiger Hand.
*
Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt gehen.
Teufel geht gar nicht mehr.
Der Begriff stammt aus einer Zeit, als die Menschen noch an das Böse glaubten.
Als man seltsame Frauen für Hexen hielt, psychisch Kranke für besessen und die Erde für ein Jammertal.
Heute glaubt man an das Gute:
Der Mensch ist gut.
Die Natur ist gut.
Auch Schlangen und Löwen.
Böse sind nur der Kapitalismus, die AfD und Donald Trump.
Denen widerstehen wir, fest im Glauben.
Ansonsten haben wir für alles Verständnis.
Das Böse lässt sich wegerklären:
Die sozialen Verhältnisse, die schlimme Kindheit, der Kolonialismus, das alles und noch viel mehr bringt Menschen dazu, Sachen zu machen, die wir nicht so gut finden.
Zum Beispiel Terroranschläge.
Oder Ehrenmorde.
Oder schlechte Musik.
Aber Teufel geht gar nicht mehr.
Wenn du an Gott glaubst, wie kannst du dann noch an den Teufel glauben?, hat man mich gefragt.
Wenn du an das Gute glaubst, wie kannst du dann noch an die Macht des Bösen glauben?
Nein, habe ich geantwortet, ich glaube nicht an die Macht des Bösen, ich glaube nicht an den Teufel; ich fürchte, liebe und vertraue ihm nicht.
Ich glaube an Gott.
Aber ich rechne mit der Realität des Bösen.
Es gehört für mich zu den großen Merkwürdigkeiten des menschlichen Geistes, dass er kurz nach den größten Kriegen der Menschheitsgeschichte, kurz nach dem Holocaust an den Juden und den Massenmorden Stalins und Maos aufgehört hat, den Teufel für real zu halten.
Waren es wirklich nur die Verhältnisse, die zu diesen Verbrechen geführt haben, oder hat sich da nicht doch ein metaphysischer, letztlich unerklärlicher Abgrund des Bösen aufgetan, der Rachen des Teufels, der uns und alles, was gut und schön und wahr ist, verschlingen will?
Wer und was gibt uns die Sicherheit, dass so etwas nicht wieder geschieht?
Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.
Nüchtern und wach sein – das heißt für mich:
Immer auch mit dem Bösen rechnen.
Manchmal höre ich die Löwen brüllen.
Oben bei uns im Jungle Park.
Das macht mir keine Angst.
Sie sind ja sicher eingesperrt.
Aber wenn da keine Gitter und Wände wären, dann hätte ich Angst.
Wenn sie ausbrechen würden und durch die Gegend streifen, dann würde ich nicht mehr vor die Tür gehen.
Manchmal höre ich den Teufel brüllen.
Im Fernsehen und im Internet.
Auf deutschen Straßen und an französischen Stränden.
In syrischen Städten und palästinensischen Dörfern.
In türkischen Lagern und deutschen Moscheen.
Und in meinem Herzen und in meinen Eingeweiden.
Das macht mir Angst.
Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich es mir nur einbilde.
Aber immer wieder frage ich mich:
Ist er noch weit weg, sicher eingesperrt hinter Gittern und Wänden?
Oder läuft er schon frei umher und sucht, wen er verschlinge?
Und wo sind die, die ihn wieder einfangen und mich vor ihm schützen können?
Nein, ich glaube nicht an den Teufel.
Ich rechne nur mit dem Bösen.
Und manchmal habe ich Angst davor.
Aber ich glaube an Gott.
Ich vertraue seiner gewaltigen Hand.
Ich weiß, dass er größer, besser, schöner, klüger, mächtiger – einfach vollkommener ist: der Macht des Bösen in jeder Hinsicht gewachsen.
Das Böse wird nicht siegen.
Daran glaube ich.
*
Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!

So werfe ich alle meine Sorgen auf ihn, denn er sorgt für mich.
Seine gewaltige Hand ist über mir.
Schützend.
Bergend.
Behütend.
Das hat er mir versprochen:
Damals, als einer seine Hand segnend auf mich legte bei meiner Taufe, damit ich es spüre und glauben kann:
Gottes Kraft ist über mir.
Gottes Gnade ist in mir.
Gottes Friede ist mit mir.