Sonntag, 8. Dezember 2013

Predigt am 8. Dezember 2013 (2. Sonntag im Advent)

Dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe:
Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut und niemand schließt zu, der zuschließt und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke.
Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.
Siehe, ich werde schicken einige aus der Synagoge des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern lügen; siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe.
Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen.
Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!
Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen des neuen Jerusalem, der Stadt meines Gottes, die vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen.
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!
Offenbarung 3, 7-13



Liebe Schwestern und Brüder,
ist Kirche progressiv oder konservativ? Sind Christen fortschrittlich, ja vielleicht revolutionär, ihrer Zeit voraus? Oder sind sie rückschrittlich, reaktionär, zurückgeblieben?
Ich erlebe oft eine Kirche, die fortschrittlich sein will. Eine Kirche, die die Welt verändern will und sich dabei gerne an die Seite säkularer Weltverbesserer stellt: ökologisch, sozial, gendergerecht.
Und ich höre und lese immer wieder, wie die säkularen Weltverbesserer ihrerseits die Kirche für konservativ und überholt halten: Religion, Glaube, Gott – es geht auch ohne.
Ich lese von einer Theologie, die sich diese Kritik zueigen macht, sich von den eigenen kirchlichen Traditionen verabschieden und das Christentum als Glauben ohne Religion neu erfinden möchte.
Auf der anderen Seite erlebe ich auch einen starken konservativen Zug, vor allem im Leben der Gemeinden selbst. Ein kräftiges „Das war schon immer so“. Oder gar „Früher war alles besser“. Eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit.
Ich nehme auf der einen Seite die Sorge wahr, nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein, die Menschen nicht mehr zu erreichen, bei den Veränderungen nicht mehr mitzukommen. Auf der anderen Seite die Angst, dass das, was unseren Glauben ausmacht, auf der Strecke bleibt.
Und es bewegt mich die Frage: Welche Fortschritte, welche Veränderungen kommen von Gott, sind vom Heiligen Geist angestoßen? Welche Veränderungen sind Schritte von Gott weg, sind Lüge und Verführung, kommen letztlich vom Teufel?
Liebe Schwestern und Brüder, diese Fragen sind nicht neu, sie sind im Grunde genommen so alt wie die christliche Kirche selbst. Marschiert die Kirche an der Spitze des Fortschritts oder ist sie die Hüterin des Althergebrachten? Da sind zum Beispiel diese sieben christlichen Gemeinden, erst wenige Jahrzehnte alt, denen Johannes seine Offenbarung schickt. Weil Jesus Christus selber, der Herr der Kirche, ihnen etwas Wichtiges zu sagen hat. Eine dieser sieben Gemeinden ist Philadelphia.
Jesus sagt seiner Gemeinde in Philadelphia zwei Dinge. Das erste: Seid fortschrittlich, geht voran! Und das zweite – ihr ahnt es schon –: Seid konservativ, bewahrt, was ihr habt!
Der Herr sagt: Seid fortschrittlich, geht voran! Ich habe vor dir eine Tür aufgetan. (Ihr merkt, das schließt wunderbar an die Predigt von letzter Woche an.) Ich habe vor dir eine Tür aufgetan. Du sollst nicht davor stehen bleiben, sondern du sollst hindurchgehen. Geh, schreite voran! Nutze die Chancen, die offenen Türen, die Möglichkeiten!
Ich glaube, das sagt der Herr auch uns heute: Geht voran! Nutzt eure Möglichkeiten! Die Türen, die vor euch offenstehen!
Offene Türen. Nutzt die Freiheit, euren Glauben zu leben und zu verbreiten!
Was bin ich froh, dass wir so viel tun können, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen! Was bin ich froh, dass wir diese Kirche haben, wo wir Gottesdienst feiern, unser Gemeindezentrum, unsere Feste, unsere Veranstaltungen! Wir öffnen unsere Türen, und Menschen treten ein. Wir sind offen, und niemand hindert uns daran. – Ich denke an christliche Gemeinden, die sich heimlich und versteckt hinter verschlossenen Türen, in Wohnstuben und Hinterhöfen treffen müssen. Anderswo in dieser Welt. – Wie haben wir es gut! Was sind uns für offene Türen gegeben!
Was bin ich froh, dass wir uns mit unseren Möglichkeiten selber finanzieren können, und darin weitgehend unabhängig sind!
Was bin ich froh, über unsere Möglichkeiten, Glauben und Leben über moderne Medien und Netze zu teilen! Teilen – to share – das ist das entscheidende Konzept in Twitter, Facebook usw. Und genau das – teilen – die Botschaft von Jesus verbreiten, was wir glauben und was wir haben, mit anderen teilen – das ist auch unser Auftrag. Da passt was zusammen. An der Stelle bin ich ganz fortschrittlich.
Ja, seid fortschrittlich, schreitet voran! Auch persönlich, in eurem Glauben! Glauben ist nichts, was man hat, ein für allemal, sondern Glaube wächst, entwickelt sich. Nutzt die Möglichkeiten, die offenen Türen, um in eurem Glauben Fortschritte zu machen!
Denn beim Fortschreiten kommt es darauf an, wohin die Reise geht. Man kann auch in die falsche Richtung gehen. Man kann das für Fortschritt halten, und merkt vielleicht – hoffentlich! – irgendwann: Es war Rückschritt. Jesus gibt die Richtung vor: der Tempel Gottes, das neue Jerusalem – das sind die Bilder hier im Buch der Offenbarung für Gottes ewiges Reich. Dort, bei Gott, dort sollt ihr einmal ankommen. Schreitet voran, dem Herrn entgegen!
Das wäre dann die Testfrage zum Fortschritt: Führt er ins Reich Gottes? Führt er hin zu Gott? Oder führt er von Gott weg? Alles, was zu Gott hinführt, ist echter Fortschritt. Alles, was von Gott wegführt, trägt vielleicht diesen Namen, ist aber in Wahrheit Rückschritt. In diesem Sinne: Seid fortschrittlich!
Und dann sagt der Herr: Seid konservativ! Bewahrt das Bewährte! Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme! Lasst dir nicht die Butter vom Brot nehmen! Lass dir nicht den Schneid abkaufen! Und vor allem: Bewahre mein Wort!
Die Gefahr beim Fortschreiten ist, dass man das Lebensnotwendige als Ballast abwirft. Und wenn es drauf ankommt, fehlt das Entscheidende.
Es ist wie bei einer Wanderung. Du musst voran gehen. Der Weg ändert sich, nach jeder Biegung sieht es anders aus. Wenn du nicht gehst, kommst du nicht ans Ziel. Aber du musst auch was mitnehmen in deinem Rucksack: Proviant, Wasser und Brot, eine Wanderkarte – oder ein Navi – damit du dich nicht verläufst, Kleidung, die dich vor den Unbilden der Witterung schützt. Karte, Proviant und warme Kleidung wegzuschmeißen, ist ziemlich dumm. Du kannst zwar erst mal schneller fortschreiten. Aber irgendwann vielleicht gar nicht mehr.
So ist das auch auf unserem Weg ins Reich Gottes. Wir sollten die wichtigsten Dinge mitnehmen und nicht wegschmeißen: Vor allem, sagt Jesus, das Wort Gottes nicht. Es ist das Entscheidende, was wir brauchen: Nahrung für Geist und Seele, Karte und Navi für unseren Lebensweg, Schutz und Schirm vor allem Übel.
Da bin ich ganz konservativ. Fortschreiten ja. Aber das Entscheidende bewahren: Gottes Wort.
Ja, wir sind unterwegs durch die Zeit. Die Formen, in denen wir unseren Glauben ausdrücken und gestalten, wandeln sich. Wir sprechen die Sprache von heute. Wir singen neue Lieder. Wir feiern Gottesdienst anders als noch vor 50 oder 100 Jahren. Aber das sind Formen. Das sind die modernen Rucksäcke, in denen wir dann doch immer wieder das Bewährte bewahren, das uns auf unserer Wanderung durch die Zeit bewahrt.
Ich bin gerne fortschrittlich, wenn es um moderne Formen geht, das Evangelium zu kommunizieren. Aber ich bin konservativ, wenn es um Gottes Wort geht. Ich glaube nicht, dass wir da Abstriche machen können, etwas davon wegschmeißen sollten, weil es nicht mehr in die Zeit passt. Vielleicht verstehen wir nicht alles gleich gut. Vielleicht brauchen wir das eine oder andere heute weniger, so wie man auf der Wanderung nicht jederzeit die Regenjacke braucht. Aber wahrscheinlich kommt die Zeit der Regenjacke mal wieder. – Ja, das befürchte ich sogar: dass die leichten Zeiten für den christlichen Glauben sich dem Ende zuneigen. Die Horizonte verdunkeln sich schon. – Und dann ist es wichtig, dass wir sein Wort bewahrt haben, das uns bewahrt.
Damit wir hören, was der Geist den Gemeinden sagt.
Amen.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Predigt am 1. Dezember 2013 (1. Sonntag im Advent – Gemeindefest)

Liebe Brüder und Schwestern! Wir haben also freien Zutritt zum Allerheiligsten! Jesus hat sein Blut geopfert und uns den Weg durch den Vorhang hindurch frei gemacht, diesen neuen Weg, der zum Leben führt. Der »Vorhang« aber, das ist er selbst, so wie er in einem irdischen Leib gelebt hat.  Wir haben also einen ganz unvergleichlichen Obersten Priester, der über das Haus Gottes gesetzt ist.
Darum wollen wir vor Gott hintreten mit offenem Herzen und in festem Glauben; unser Gewissen wurde ja von aller Schuld gereinigt und unser Leib in reinem Wasser gewaschen.
Wir wollen an der Hoffnung festhalten, zu der wir uns bekennen, und wollen nicht schwanken; denn Gott, der die Zusagen gegeben hat, steht zu seinem Wort.
Und wir wollen aufeinander Acht geben und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen. Einige haben sich angewöhnt, den Gemeindeversammlungen fernzubleiben. Das ist nicht gut; vielmehr sollt ihr einander Mut machen. Und das umso mehr, als ihr doch merken müsst, dass der Tag näher rückt, an dem der Herr kommt!
Hebräer 10, 19-25



Liebe Brüder und Schwestern, liebe Gäste und Freunde,
hat jemand von euch einen Adventskalender? – Eigentlich ist das ja mehr so Kinderkram. Aber schöner Kinderkram! Ab heute öffnen sich wieder Türen. Und hinter der Tür gibt’s eine kleine Überraschung. Oder vielleicht ist das Stückchen Schokolade auch keine so richtige Überraschung. Die schöneren Adventskalender sind wohl doch die, wo man vorher noch nicht weiß, was drin ist. Am schönsten sind die selbst gebastelten…
Im Advent gehen die Türen auf. Eine nach der anderen. Und am 24. öffnen wir die letzte Tür, die größte. Und was ist dahinter? – Das größte Stück Schokolade? Der Weihnachtsmann? – Als Kinder hatten wir immer einen besonderen christlichen Adventskalender. Da konnte man sich ziemlich sicher drauf verlassen, was hinter der letzten Tür die Weihnachtskrippe war: Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. – Das war das Entscheidende.
Am 24. öffnete sich auch die Tür zur Weihnachtsstube. Das Wohnzimmer war verwandelt durch Tannenbaum und Lichterglanz und die ersehnten Geschenke. – Tür auf, und staunen!
Und es öffnete sich die Kirchentür. Wir traten ein in einen Raum voller gespannter Erwartung, voller Lichter, voller Musik. Wir traten ein in die Weihnachtsgeschichte. Mit den Hirten und den Königen. Der Engel sprach zu uns: Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren! – Und wir waren dabei.
Heute ist erst der 1. Advent. Wir sind noch nicht in der Weihnachtskirche, stehen noch nicht in der Weihnachstsstube, öffnen noch nicht das letzte, sondern gerade mal das erste Türchen.
Aber Advent ist die berechtigte Hoffnung und Erwartung, dass sich die Türen öffnen. Dass Gott uns die Türen öffnet. Ja, dass Gott uns den Himmel öffnet.
Davon singt ein altes Adventslied:

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

O Heiland, reiß die Himmel auf! – Reiß die Tür auf, ja, reiß die Tür ab! – Was ist das für ein unbändiger Wunsch!
Türen trennen. Tore sperren ab. Du kommst hier nicht rein! – sagt der Türsteher an der Diso. Du kommst hier nicht raus! – sagt der Wärter im Gefängnis. Du kommst hier nicht raus! – sagte der Grenzer an der Mauer und legte seine Waffe an. Vor verschlossenen Türen ist unsere Freiheit am Ende. Du kommst hier nicht weiter!
Manchmal kommst du auch bei Menschen nicht weiter. Sie knallen dir gewissermaßen die Tür vor der Nase zu. – Ich habe vor ein paar Wochen mal eine kleine Liebesgeschichte aus meiner Jugend erzählt: wo sie mir schrieb: Mein Herz ist bei einem andern. – Knall, Tür zu! So kann es gehen. – Wir kennen alle solche Geschichten. Beziehungen gehen kaputt: Knall, Tür zu! Du bist draußen. Geschwister, zusammen aufgewachsen, reden kein Wort mehr miteinander: Knall, Tür zu! Kinder brechen den Kontakt zu ihren Eltern ab: Knall, Tür zu! – Und man kann nichts mehr klären, in Ordnung bringen, wenn da nur noch eine verschlossene Tür ist.
Manchmal kommst du auch bei Gott nicht weiter. Die Situation ist besch...eiden, es geht dir dreckig, oder jemand anderem, der dir am Herzen liegt. Und Gott hört nichts, tut nichts, reagiert nicht. Seine Tür ist zu. – O Heiland, reiß die Himmel auf! – Das unbändige Verlangen nach Gott. Auch das kennen manche.
Aber es ist erst Advent. So lange erst Advent ist, sind noch nicht alle Türen geöffnet.
Maria und Josef irren durch Bethlehem, und die Türen bleiben ihnen verschlossen. Ihr kommt hier nicht rein! – Bis sie einen Platz im Stall finden. Bei den Tieren, nicht bei den Menschen.
Manchmal kommt auch Gott bei uns nicht rein. Wir haben ihm die Tür verschlossen. Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an, sagt Jesus. Und wir hören nicht. Wollen ihn vielleicht nicht hören. Stopfen uns die Ohren zu. Nageln uns die Herzen zu: Du kommst hier nicht rein.
Aber es ist erst Advent. Noch ist Zeit, dass unsere Herzen weich und weit werden. Noch ist Zeit, Ihn zu hören. Und einzulassen.
Advent – das könnte eine Zeit sein, in der wir bewusst Türen öffnen. Nicht nur am Adventskalender. Türen zueinander. Türen zu Gott.

Wie soll ich dich empfangen
und wie begegn ich dir,
o aller Welt Verlangen,
o meiner Seelen Zier?
O Jesu, Jesu setze
mir selbst die Fackel bei,
damit, was dich ergötze,
mir kund und wissend sei.

Das schreib dir in dein Herze,
du hoch betrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze
sich häuft je mehr und mehr;
seid unverzagt ihr habet
die Hilfe vor der Tür;
der eure Herzen labet
und tröstet, steht allhier.
In unserem Predigtwort ist gar nicht von Türen die Rede. Sondern von einem Vorhang. Aber ein Vorhang ist wie eine Tür. Die ältesten Türen der Welt waren wohl Vorhänge: an Zelten und vor Höhleneingängen.
Ein Vorhang ist vor allem Sichtschutz. Am Abend ziehe ich die Vorhänge zu, damit niemand in meine Privatgemächer schauen kann. Am Morgen ziehe ich die Vorhänge auf, damit ich die schöne Welt da draußen sehen kann und damit das Licht in meinen Raum hineinfällt.
Der Vorhang im Theater verbirgt das Bühnenbild, bis es losgeht, und es verbirgt die Bühnenarbeiter, die zwischen den Szenen umbauen. Der Vorhang vor der Bühne ist wie die Tür zum Weihnachtszimmer. Er steht für die Spannung, die sich dann gleich löst, wenn es endlich heißt: Vorhang auf!
In der Bibel ist an den Vorhang im Tempel gedacht. Der trennt das Allerheiligste, Gottes Raum, vom Rest der Welt. Keiner darf dahintersehen, keiner darf durch den Vorhang gehen – nur einmal im Jahr der Hohepriester.
Aber dann ist Gott gekommen, und hat gesagt: Vorhang auf! Mein Raum, soll nicht mehr vom Rest der Welt getrennt sein. Ihr sollt schon hineinsehen dürfen in meinen Raum. Ja, ihr sollt eintreten dürfen in meinen Raum.
Gottes Raum – das ist der Himmel. Und Gottes Raum – das ist der Stall von Bethlehem. Da ist Gott. Da liegt es das Kindlein. Da ist der Himmel auf Erden.
Seht ihr, darum öffnen wir die Türen vom Adventskalender. Darum öffnen wir die Türen zu unseren Weihnachtsstuben. Darum öffnen wir unsere Kirchentüren. Darum öffnen wir unsere Herzenstüren. – Weil Gott uns die Türen öffnet: zu seinem Herzen, zu seinem Himmel.

Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich,
in seinem höchsten Thron,
der heut schließt auf sein Himmelreich
und schenkt uns seinen Sohn.

Heut schließt er wieder auf die Tür
zum schönen Paradeis;
der Cherub steht nicht mehr dafür.
Gott sei Lob, Ehr und Preis!

Sonntag, 24. November 2013

Predigt am 24. November 2013 (Letzter Sontnag des Kirchenjahres – Ewigkeitssonntag)

Neufassung einer Predigt von 2007

Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.
Seht euch vor, wachet! denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen: so wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!“
Markus 13, 31-37


Liebe Gemeinde,
ich möchte mit einer Meldung beginnen, und zwar aus der unbhängigen Internet-Zeitschrift „Der Postillon“:
Eine aktuelle Studie der medizinischen Fakultät der Universität Freiburg sorgt derzeit für Angst und Schrecken. Denn wenn die Berechnungen der Wissenschaftler korrekt sind, dann werden alle derzeit lebenden sieben Milliarden Menschen früher oder später sterben – und zwar ausnahmslos und an den verschiedensten Todesarten! [...] Zu dieser schrecklichen Erkenntnis ist der Mediziner Professor Hartmut Wichnowski gekommen, nachdem er jahrelang Geburten- und Sterberegister aus aller Welt ausgewertet hatte. Usw.
Nun, „Der Postillon“ ist die wahrscheinlich beste Satire-Seite im deutschsprachigen Internet. Und Selbstverständlichkeiten als Sensation hinzustellen, das gehört zu ihrem Handwerkszeug: Wir werden alle sterben! – Wie schrecklich!
Wir werden alle sterben! – Der Satz ist inzwischen so was wie ein Mem der Internet- und Popkultur geworden, ein Gedanke in vier Wörtern, der sehr oft zur Stelle ist, wenn irgendwo übertriebene Panik verbreitet wird: Wir werden alle sterben! – Der Satz ist eigentlich zu Hause in Katastrophenfilmen: Die Außerirdischen kommen, der Asteorid auf Kollisionskurs zur Erde, der unheilbare Supervirus, was auch immer: Wir werden alle sterben! – In diesem Filmgenre gibt es zum Glück immer auch einen Superhelden, der das Unglück abwendet: Wenigstens einige werden überleben. – Im übrigen ist dieses Skript sehr, sehr alt, es steht schon in der Bibel – dort unter der Überschrift „Die Sintflut“.
Wir werden alle sterben! – Ja, eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit. Und trotzdem klingt es wie eine schockierende Schreckensmeldung. Weil wir dieser Wahrheit nicht gerne ins Gesicht sehen. Weil wir so tun, als wären es immer nur ganz bestimmte tödliche Gefahren, denen wir entsprechend ausweichen können. Rauchen ist ganz schlimm: Raucher sterben früher. Oder später (Helmut Schmidt lebt immer noch). Ungesunde Ernährung, Schadstoffe in Hautcremes, Nanopartikel, Gentechnik, Handystrahlen, erhöhte Radioaktivität wegen Fukushima… – Entsetzlich, welchen Risiken wir ausgesetzt sind! Wir werden alle sterben! – Tatsächlich geht es, wenn überhaupt um Bruchteile von Risiken, die selber nur gering sind. Also, wenn ich z.B. ein Risiko von 2 % habe, an einem bestimmten Krebs zu sterben und dieses Risiko ist durch irgendwas um 5 % erhöht, dann habe ich am Ende ein Risiko von 2,1 %. Da kann ich entsetzt ausrufen: Wir werden alle sterben! – Aber das sollte ich eigentlich schon gewusst haben.
Eigentlich sollten wir uns weniger Gedanken darüber machen, wann wir sterben werden, sondern mehr Gedanken darüber, dass wir sterben werden. Denn das steht fest, auch wenn wir noch so gesund leben und alle Risiken meiden.
Mors certa, hora incerta, sagte schon der Lateiner. Der Tod ist gewiss, die Stunde ist ungewiss. So steht es auch an manchen Rathausuhren, zum Beispiel in Marienberg, wo ich früher mal Pfarrer war, oder in Leipzig.
Der Tod ist gewiss, die Stunde ist ungewiss. So ähnlich sagt es auch Jesus: Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand.
Heute denken wir gerade auch an die, denen in den letzten 12 Monaten ihre letzte Stunde geschlagen hat. Manche waren darunter, die wir gut kannten, die uns nahe standen, vielleicht sehr nahe standen. Bei einigen hatten wir es geahnt, und wir haben mit Unruhe und Ungewissheit dieser Stunde entgegengesehen. Bei anderen kam sie plötzlich, unerwartet, überraschend, vielleicht sogar unvorbereitet.
Dabei wussten wir es: Der Tod ist todsicher. Wir werden alle sterben. Aber so gewiss der Tod ist, so gerne trösten wir uns denn doch lieber der Ungewissheit seiner Stunde. Wir werden wohl noch etwas Zeit haben. Mich wird es schon nicht treffen. Und unsern kranken Nachbarn auch nicht gleich. Oder unseren nächsten Angehörigen. – So ist der Mensch. Vielleicht können wir ja im Alltag auch nicht viel anders leben. Das Mem Wir werden alle sterben markiert eben doch eher den Panik-Modus unserer Existenz. Aber ständig in panischer Todesangst leben, das würden wir nicht aushalten.
Einerseits. Andererseits kann uns oder den anderen der Tod eben doch schnell treffen, plötzlich, unvorbereitet. Und entgegen dem, was manche so sagen – ich wünsche mir und niemandem anderen einen plötzlichen unvorbereiteten Tod. In einem Gesangbuchlied heißt es entsprechend: Du wollest auch behüten mich gnädig diesen Tag und dann weiter auch vor bösem, schnellem Tod. Ich möchte, wenn es geht, vorbereitet sterben und bewusst.
Jesus sagt: Seid vorbereitet! Seid wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Ihr wisst nicht, wann eure Stunde geschlagen hat.
Ich weiß, ich ziehe mir gerade einen Einwand zu, den mir fromme Bibelleser und neutestamentliche Fachtheologen in seltener Einmütigkeit entgegenhalten können: Jesus spricht hier gar nicht vom Sterben. Er sagt: Himmel und Erde werden vergehen. Jesus spricht vom Weltuntergang. – Und an den glauben wir nicht so richtig, jedenfalls nicht für morgen oder übermorgen. So schnell geht die Welt nicht unter! – Vor ein paar Jahren hatten wir noch gemeint, die Welt könnte per Knopfdruck in Moskau oder Washington zum Untergang gebracht werden. Wahrscheinlich ist es nicht ganz so einfach… Wir Menschen können wohl eine ganze Menge Mist machen auf dieser Erde, ohne dass davon gleich die Welt untergeht. Vielleicht wird sie ungemütlicher, aber das steht auf einem anderen Blatt. – Dennoch: Diese Welt ist nicht ewig. Sie ist einmal entstanden – oder geschaffen, sie wird einmal vergehen. Vielleicht durch eine kosmische Katastrophe, vielleicht in Milliarden von Jahren, wenn die Sonne verglüht, vielleicht ganz anders; wir wissen es nicht.
Die Katastrophenfilme, in denen der Satz Wir werden alle sterben zu Hause ist, handeln meistens vom Weltuntergang, der unmittelbar vor der Tür steht. Und: Von der Erlösung. Die Welt wird am Ende gerettet.
Genau genommen ist es aber egal, ob die Welt untergeht oder nur mein Leben. Wir werden alle sterben. In einer großen Katastrophe oder in vielen kleinen. Es ist egal, ob wir sterben, weil die Welt untergeht, oder ob für uns die Welt untergeht, weil wir sterben. Wann und wie der Weltuntergang stattfindet, das ist ungewiss, dass er für uns stattfindet, das ist gewiss, todsicher.
Jesus will uns eines sagen: Stellt euch auf das ein, was todsicher kommt! Stellt euch auf das Ende ein! Ihr wisst nicht, wann es kommt, ihr wisst nicht, wie es kommt, aber ihr wisst, dass es kommt. Leben heißt: bereit werden zu sterben. Denn Himmel und Erde und werden vergehen. Das ist gewiss.
Das Wichtigste aber ist: Jesus stellt dieser Gewissheit des Vergehens eine ganz andere Gewissheit entgegen: eine Gewissheit des Bestehens. Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.
In den Katastrophenfilmen vom möglichen Weltuntergang gibt es immer einen Erlöser. Einen der die Rettung weiß, der sagt: „Hört auf mich, dann wird alles gut! Dann werdet ihr leben!“ Und dieser Erlöser setzt selber sein Leben dafür ein, dass die Welt im allerletzten Moment doch noch gerettet wird.
Dass wir alle sterben müssen, ist keine Fiktion. Dass es einen Erlöser gibt, auch nicht. Jesus sagt: „Hört auf mich, dann wird alles gut! Dann werdet ihr leben!“ Und er setzt sein Leben dafür ein, gibt sein Leben dafür hin, dass die Welt gerettet wird.
Der Satz Wir werden alle sterben wird dadurch nicht aufgehoben. So wenig, wie er für die aufgehoben wird, die an der großen Katastrophe im Film vorbeigeschrammt sind. Irgendwann werden sie sterben, auch die, die überlebt haben. Irgendwann werden wir sterben, auch wenn wir von Christus gerettet sind. Vielleicht schon bald; die Stunde ist ungewiss, der Tod ist gewiss.
Ja, der Tod ist gewiss, aber das Leben ist es noch mehr. Jesu unvergängliche Worte sagen es uns.
Jesus Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt (Johannes 11, 25).
Darum: Seid bereit – nicht nur zum Sterben! Seid bereit – zum Leben!

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Sonntag, dem 24. November 2013

Guten Morgen, liebe Hörer,

heute ist Ewigkeitssonntag. Allerdings hat sich diese theologisch korrekte Sprachregelung nie wirklich durchgesetzt. Heute ist Totensonntag. Gedenktag der Entschlafenen. In unserer Heimat gehen viele auf die Friedhöfe. Denken an ihre Verstorbenen, weinen um die, die erst vor kurzem von ihnen gegangen sind. In den Kirchen werden ihre Namen verlesen, wird für sie und ihre Angehörigen gebetet. Und wir beten auch für uns selbst: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden! – So heißt es in einem Psalm (Psalm 90, 12).

Ich finde das sehr wichtig: Dass wir unserer Verstorbenen gedenken. Sie gehören zu uns. Sie haben unser Leben begleitet und geprägt. Sie verbinden uns mit der Vergangenheit, aus der wir kommen, in der wir verwurzelt sind. Wir wollen sie nicht vergessen. Es werden ja immer mehr.

Ich finde das sehr wichtig: Dass wir unsere eigene Endlichkeit bedenken, die Begrenztheit unseres Lebens. Wer bedenkt, dass er sterben muss, dass seine Zeit auf Erden ein Ende hat, der wird bewusster leben, wohl auch dankbarer.

Ich finde es aber auch wichtig, dass wir mit unseren Gedanken an diesem Tag nicht stehen bleiben bei dem Leben vor dem Tod. In der Kirche ist heute eben nicht nur Totensonntag, Gedenktag der Entschlafenen, sondern auch Ewigkeitssonntag.

Ewigkeit heißt: Es gibt kein Ende ohne Anfang.
Wenn unser zeitliches Leben endet, beginnt das ewige Leben.
Wenn unsere Welt aufhört zu existieren, beginnt Gottes neue Welt.
Wenn wir mit unseren Möglichkeiten am Ende sind, beginnt Gottes Wirklichkeit.

Im Psalmgebet für diesen Sonntag heißt es: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben (Psalm 126, 5.6).

Möge die Freude, die von Gott kommt, unsere Trauer überstrahlen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag!

Samstag, 23. November 2013

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Samstag, dem 23. November 2013

Guten Morgen, liebe Hörer!

Was kommt nach dem Tod? – Jeder Mensch stellt sich irgendwann diese Frage. Der Schweizer Dichter und Theologe Kurt Marti hat in einem Gedicht versucht, Antwort zu geben auf diese Frage:


was kommt nach dem tod?
nach dem tod
kommen die rechnungen
für sarg begräbnis und grab
was kommt nach dem tod?
nach dem tod
kommen die wohnungssucher
und fragen ob die wohnung erhältlich
was kommt nach dem tod?
nach dem tod
kommen die grabsteingeschäfte
und bewerben sich um den auftrag
was kommt nach dem tod?
nach dem tod
kommt die lebensversicherung
und zahlt die versicherungssumme
was kommt nach dem tod?


Merkwürdig. Lauter richtige Antworten. Aber nicht die, die wir hören wollen, nicht die, die uns eigentlich interessieren. Was für die Hinterbliebenen kommt nach dem Tod, das wissen wir. Aber was kommt für den Verstorbenen? Was kommt für uns, wenn wir gestorben sind?

Seit Jahrtausenden versuchen Menschen hinter den Vorhang des Todes zu schauen. Philosophen haben zu beweisen versucht, dass der Mensch eine unsterbliche Seele haben müsste. Aber wo ist sie, was tut sie, wenn wir gestorben sind?

Erlebnisberichte von Menschen, die an der Grenze des Todes standen, werden immer wieder erzählt und verbreitet. Wie sie ihren Körper verlassen haben, wie sie durch einen Tunnel ins Licht gingen, wie ihnen nahe stehende Verstorbene begegnet sind, wie Engel, Heilige oder Jesus ihnen begegneten und wie sie dann doch wieder zurückkehrten in ihren Körper und in dieses Leben. – Nahtod-Erfahrungen nennt man das, und es wird darüber gestritten, ob diese Erfahrungen real sind oder traumähnliche Reaktionen des Gehirns kurz vor dem Tod. Auch wer dem Tod nahe war, weiß nicht, was nach dem Tod kommt.

Wir glauben an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben, sagen wir Christen. Und wir sagen es, weil wir einen kennen, der tatsächlich gestorben ist und doch lebt: Jesus Christus.

Was kommt nach dem Tod? – Jedenfalls nicht nichts. Sondern das Leben.

Freitag, 22. November 2013

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Freitag, dem 22. November 2013

Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

So, liebe Hörer, sagen wir es im christlichen Glaubensbekenntnis von Jesus Christus: Er wird wiederkommen und Gericht halten über Lebende und Tote.

Für viele ist das keine erfreuliche Vorstellung. Könnte ich vor Gottes Gericht bestehen? Habe ich seinen Ansprüchen genügt? Wird er mich frei sprechen? Oder muss ich für meine Sünden büßen? Und wenn ja, wie lange? Gibt es gar eine Hölle, in der ich schmoren werde?

Man kann diese Fragen alle wegdiskutieren. Tatsache ist: Jesus spricht davon, dass der, der seinen bedürftigen Mitmenschen missachtet, in Ewigkeit von Gott missachtet wird. Jesus spricht nicht ausdrücklich von der Hölle, aber davon, dass Menschen keinen Zugang zu Gott finden und draußen bleiben müssen, dort, wo Heulen und Zähneklappern ist. Das hat man als Hölle verstanden und beschrieben. Und das ist auch das Wesentliche an den Bildern von der Hölle: Für ewig von Gott getrennt sein.

Auf der anderen Seite wäre es aber auch keine erfreuliche Vorstellung, wenn Gottes Gericht nicht kommen würde. Denn das hieße doch: Unrecht und Verbrechen, gerade auch das, was auf dieser Erde nicht entdeckt und nicht geahndet worden ist, würde in Ewigkeit ungesühnt bleiben. Es hieße: Die Opfer müssten es ertragen, mit ihren Peinigern den Himmel zu teilen. – Wollen wir das wirklich? Oder hoffen wir nicht doch auf die Gerechtigkeit Gottes, der kein Leid und kein Unrecht vergisst, und der den Gepeinigten und Zukurzgekommenen letztlich Recht verschafft?

Wenn Jesus in der Bibel von Gottes Gericht redet und vor der ewigen Verdammnis warnt, dann hat das nichts mit sadistischen Fantasien oder mit Angstmache zu tun. Es hat damit zu tun, dass er uns gerade davor bewahren möchte. Keiner soll sagen, wir wären nicht gewarnt gewesen. Unser Leben und unsere Taten haben Konsequenzen bis in Ewigkeit.

Gott möchte uns zur Besinnung bringen, zum Nachdenken über unser Leben, zum Umdenken. Wir können auch sagen: Gott der Richter, will unserem Leben die richtige Richtung geben.

Wenn Jesus kommt, zu richten die Lebenden und die Toten, dann ist es sein größter Wunsch, uns nicht verurteilen zu müssen, sondern uns frei zu sprechen.